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Das Futurium – Das morgige Abbild der Zukunft von heute

In Berlin hat diesen Herbst das Futurium eröffnet – ein Museum für Zukunft. Dr. Stefan Brandt, Direktor des Futuriums, spricht mit Qiio über Zukunftsszenarien im Ausstellungsraum.

2019 ist das Jahr der Dystopien: Der Sci-Fi-Thriller „The Running Man“ von 1987 mit Arnold Schwarzenegger handelt im düsteren Jahr 2019, in dem blutiges Entertainment und Politik zusammenwachsen und Reality-TV auf Leben und Tod produziert. Im Animé „Akira“ (1988), nach einer Manga-Vorlage von Katsuhiro Otomo, wird Tokio 2019 vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele durch eine Atombombe zerstört. Regisseur Ridley Scott entwirft 1982 im Sci-Fi-Thriller „Blade Runner“ eine finstere, regnerische Vision für den November 2019. Ubiquitäre Werbung wird per Augmented Reality-Ebene komplett über den öffentlichen Raum gestülpt. Es herrscht Dauersmog. Die Stadt hat sich in einen überbevölkerten Sprawl verwandelt, in den sich alle drängen – ausgelöst durch Ressourcenverknappung. Dazu zeigte Scott damals schon Technologien, die heute längst oder bald im Alltag verankert sein könnten: Sprach-Assistenten und Flugtaxen. Letztere sollen tatsächlich im Dezember 2019 als erster Service im chinesischen Guangzhou starten.

Dr. Stefan Brandt ist der Direktor des Futuriums und sprach mit Qiio über Zukunftsszenarien im Ausstellungsraum. Foto: Hoffotografen.

Auch 2019, im September, eröffnet in Berlin das Futurium – das „Haus der Zukünfte“. In diesem neuen Museum werden Zukunftskonzepte entworfen. Da stellt sich natürlich die Frage, wie und ob man Zukunft überhaupt als Dauerausstellung in einem Museum abbilden kann. Eine Zukunft, oder viele, die sich flexibel und ständig im Wandel an unseren jeweiligen Vorstellungen von heute ausrichtet – und deshalb nicht im musealen Kontext festgehalten werden kann.

Das will das Futurium auch nicht und arbeitet mit einem anderen Ansatz: Es entwirft mögliche Zukunftsszenarien, die den Besucher anregen sollen, sich dazu zu positionieren. Wir sprachen mit Dr. Stefan Brandt, den Direktor des Futuriums über den Blick auf die Zukunft im Wandel der Zeit.

Wie kann man Zukunft überhaupt abbilden?

Das Futurium will ganzheitliche Ansätze aus den Bereichen Natur, Mensch und Technik vorstellen, die den Besuchern helfen sollen, Zukunft zu prägen. Foto: David von Becker.

Wir möchten im Futurium keine Zukunft, sondern Zukünfte zeigen. Das ist ein großer Unterschied: Wir maßen uns nicht an, zu wissen, wie die Zukunft wird. Mit unserer Ausstellung, mit unserem Forum und mit unserem Lab wollen wir vielmehr zum Denken, zum Diskutieren und Austauschen, vielleicht auch zum Streiten anregen. Wir wollen Denkanstöße geben, über Zukunftsentwicklung nachzudenken. Wir wollen ganzheitliche Ansätze aus den Bereichen Natur, Mensch und Technik vorstellen, die den Besuchern helfen sollen, Zukunft zu prägen. Das wiederum produziert Bilder in den Köpfen der Besucher, welche ihnen auf dem Weg in die Zukunft weiterhelfen. Wir sprechen wie gesagt von Zukünften – von denen es ein Teil irgendwann mal tatsächlich in die echte Zukunft schaffen wird. Welche, das können wir heute natürlich nicht voraussagen.

So, wie wir uns die Zukunft ausmalen, sagt eigentlich im Grunde mehr über unseren Zustand heute aus und den der Gesellschaft …

Die historische Ausstellung nähert sich über den Weg von der Gegenwart zurück zur Vergangenheit Ereignissen an, die wichtig für die Zukunft sein könnten. Foto: David von Becker.

Grundsätzlich sagt die Zukunftsperspektive sehr viel über uns heute aus. Das gilt letzten Endes auch für eine historische Ausstellung, die sich dem Heute von der Vergangenheit her annähert. Ich würde jedoch differenzieren: Es geht nicht nur um Gegenwart an sich, sondern auch um Aspekte, Dimensionen und konkrete Entwicklungen, die wir aus heutiger Sicht für die Zukunft wichtig halten. Deshalb ist unsere Ausstellung auch ‚liquide‘, sie verändert sich über die Zeit. In einem Jahr wird sie schon nicht mehr genau so aussehen wie jetzt. In einigen Jahren wird sie substanziell anders aussehen, weil dann die Schwerpunktthemen ganz andere sein können.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Die Ausstellung über Mobility will das Thema bis 2021 stärker akzentuieren, als es bislang geschehen ist. Foto: David von Becker.

Wir arbeiten jetzt schon daran, neue Schwerpunkte einzubringen. So wollen wir zum Beispiel das Thema Mobilität bis 2021 deutlich stärker akzentuieren, als dies derzeit der Fall ist. Kleinere Änderungen werden schneller umgesetzt. Etwa wenn ein Besucher uns einen Tipp zu einem Thema gibt, wie kürzlich beim Thema Gentechnik. Da hatten wir Beispiele aus Deutschland und China, und es kam eine Info, dass es da in Großbritannien auch noch eine differenzierte Regelung gebe. Wir prüfen das dann, und wenn es sinnvoll zur Aktualisierung ist, verwenden wir das auch.

Das Futurium möchte Besucher aller Altersgruppen ansprechen. Wie vermitteln Sie Kindern Ihre Konzepte der Zukunft?

Viele Besucher fragen sich: Was hat Zukunft mit mir zu tun?Dann merken sie, dass auch ganz kleine Dinge den Einzelnen mit Zukunft verbinden. Foto: Jan Windszus.

Viele Besucher fragen sich: Was hat Zukunft mit mir zu tun? Sie kommen skeptisch in die Ausstellung, weil sie an häufig technologisch fixierte Science-Fiction denken. Dann merken sie, dass auch ganz kleine Dinge den Einzelnen mit Zukunft verbinden: Unser Handeln, so alltäglich es auch scheinen mag, kann Zukunft beeinflussen.

Der nächste Schritt ist, auch mal Impulse zu geben, über das eigene Leben und den Lebensstil nachzudenken. Es geht um unser Konsumverhalten oder wie wir alle mit Zeit umgehen. Und es geht um konkrete Beispiele des Sich-Einbringens: zum Beispiel, wie jeder sein Umfeld mit partizipativer Stadtplanung gestalten kann.

„Die Welt in 100 Jahren“ war ein wegweisender Sammelband von 1910, in dem sich Forscher, Künstler und Persönlichkeiten die Gesellschaft im Jahr 2010 vorstellten – eben mit dem Wissen von damals. Wie sehen Sie diesen Versuch heute?

Ein Teil hat sich bewahrheitet, bei einem Teil ist zu sehen: Wenn man versucht, Gegenwart immer nur linear weiter zu denken, wird das zum Problem. Vielleicht ist das die Falle, in die man bei der Beschäftigung mit Zukunft am Leichtesten tritt. Deshalb versuchen wir auch immer wieder den Bruch durch künstlerische Akzente, die man nicht so einfach verorten kann.

Können Sie das ein bisschen veranschaulichen?

Wissenschaft ein äußerst wichtiger Inputfaktor für uns – solange wir Wissenschaft als ein offenes, kritikfähiges System verstehen. Auch Kunst bringt uns im Zukünfte-Diskurs weiter, weil sie scheinbar weit entfernte Punkte nicht linear, sondern assoziativ zusammenfasst. Künstlerische Zukunftsentwürfe haben immer wieder erstaunlich ins Schwarze getroffen. Da versuchen wir ein Stück weit die Balance zwischen Information und Fantasie.

Wie kommen Speculative Design und Design Fiction in der Ausstellung zu Wort? 

Die Noospehre soll auf anschauliche Weise eine verdinglichte
KI darstellen – gebaut aus weitestgehend handelsüblichen Materialien. Foto: David von Becker

In der Installation „The Outside Inside“ von Designerin Johanna Schmeer zeigt sie in einem Live-Experiment, wie eine Pflanzenwelt nach dem Klimawandel in einer überhitzten und weitgehend trockenen Welt aussehen könnte. Auch die riesige Design-Fiction-Skulptur von Philippe Bies „Noosphere“ ist eine konkret gewordene Künstliche Intelligenz. Es ist der Versuch, eine KI zu verdinglichen – gebaut weitgehend mit handelsüblichen Materialien! Ihre rätselhafte Aura ist zugleich eine wunderbare Metapher für die Zukunft.

Vielen Dank für das Interview!

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