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„Der Planet lebt weiter, auch ohne uns“

Die Crowdfunding Plattform Plan A sagt dem Klimawandel den Kampf an. Ihre Methode ist es, Daten und Projekte zu visualisieren und für Privatpersonen und Unternehmen zugänglich zu machen.

Lubomila Jordanova gehört zu einer neuen Generation von Klimaaktivist*innen. Ihre dunklen Haare fallen gut frisiert über den Business-Blazer und einige Sätze erinnern an Startup Jargon. Ihre Körpersprache signalisiert Kampfgeist, während sie mit präzisen Worten schnell spricht: von Wasserknappheit, Verantwortung, Finanzierungsrunden und Forschungsergebnissen. Jordanova ist Gründerin und Geschäftsführerin von Plan A – einer Crowdfunding Plattform für Projekte, die den Klimawandel verhindern oder dessen Folgen abfedern.

Lubomila Jordanova

Die Klimaaktivistin Lubomila Jordanova startete die Crowdfunding Plattform Plan A. Foto: Lubomila Jordanova.

Ich war spät dran und habe statt einem Taxi meine Beine in die Hand genommen und bin gelaufen. Habe ich damit etwas gegen den Klimawandel getan?

(lacht) Es war auf jeden Fall eine klimafreundliche Entscheidung! Obwohl der Berliner Winter nicht gerade dazu einlädt, fahre ich auch immer mit dem Rad.

Frieren gegen die Erderwärmung. Wie kam es dazu, dass der Klimawandel zentraler Aspekt deiner Arbeit wurde?

Als ich in London lebte, hatte ich viele Freunde und Freundinnen, für die der Umweltschutz zum immer größeren Thema wurde. Sie aßen vegetarisch, recycelten und machten mich neugierig. Je tiefer ich in das Thema einstieg, desto größer wurde meine Sorge. Denn erstens gab es kaum verständliche Informationen für Laien und zweitens waren alle Szenarien sehr pessimistisch: All diese Statistiken über das Aussterben von Spezies oder gar der gesamten Menschheit. Ich war interessiert und überzeugt, dass es andere Möglichkeiten gibt, das Thema zu vermitteln. So hat Plan A angefangen.  

Und was macht Plan A?

Plan A ist eine datenbasierte Crowdfunding Plattform im Kampf gegen den Klimawandel. Wir benutzen Daten, um vorherzusagen, wann und in welchen Regionen der Klimawandel am deutlichsten spürbar wird. Aus diesen Erkenntnissen verteilen wir Gelder an grüne Startups, Umweltorganisationen, Aktivist*innen z.B. Menschen, die einen Film machen möchten, der sich mit speziellen Aspekten des Klimawandels beschäftigt. Es geht also um mehr als um nachhaltigen Betrieb, der vielleicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern Faktoren, die die Umwelt direkt beeinflussen.

Was für Projekte unterstützt ihr?

Unsere neue Plattform ist vor 3 Wochen online gegangen. Es ist also alles sehr neu. Aktuell haben wir 63 sehr unterschiedliche Projekte. Darunter Wissenschaftler*innen, die Gelder sammeln, um ihre Forschung zu finanzieren. Eine Forscherin aus Seattle beschäftigt sich zum Beispiel mit der Fortpflanzung der Buckelwale. Ein anderes Projekt organisiert Aufräumaktionen an der Küste Japans, das ein Problem mit Plastikabfällen hat.

Auf der Plattform sind auch einige NGOs, die durch Plan A erstmalig mit Crowdfunding in Berührung kommen. Sie sind in Uganda, Rwanda, Afghanistan, Tadschikistan und anderen Ländern, schlagen meist Brücken zwischen den Betroffenen und der Umwelt und konzentrieren sich darauf, den Menschen das Leben unter den neuen klimatischen Bedingungen zu ermöglichen.

Crowdfunding Plattform Plan A

Die verschiedenen Crowdfunding-Projekte auf der Website von Plan A. Foto: Plan A.

Sucht Plan A die Projekte aus oder kommen Organisationen auf Plan A zu?

Die meisten Organisationen entscheiden sich nicht aktiv gegen Crowdfunding, sondern verstehen den Prozess einfach nicht. Wenn wir aber auf sie zugehen und die Methode erklären, sind viele gern dabei.

Crowdfunding ist also ein Finanzierungsweg, den Menschen, die sich mit Klimawandel beschäftigen eher nicht beschreiten?

Crowdfunding ist im Grunde die Fähigkeit, das eigene Netzwerk zu aktivieren. Und für eine NGO in Tadschikistan ist das nicht leicht. Wenn Videos nicht auf Englisch sind, bleibt der Weg in die Welt erst einmal verschlossen. Wir haben nun Übersetzungen auf unserer Webseite und haben den Projektschaffenden viel Wissen über das Crowdfunding vermittelt, damit die Kampagnen auch erfolgreich werden.

Ihr unterstützt die Projekte also auch in der Planung und Umsetzung ihrer Kampagnen?

Absolut. Plan A ist da etwas anders als die typische Crowdfunding Plattform. Wir wollten nicht nur der Geldbote von A nach B sein, sondern die Projekte auch in ihrer Kommunikation unterstützen. Sie sind alle Expert*innen in ihrem Bereich, sie machen ihre Jobs großartig. Sie wissen ganz genau, wie man Bäume pflanzt, die Co2 reduzieren, aber sie wissen nicht, wie sie das auf eine Art kommunizieren, die Menschen und Unternehmen dazu bringt, sie finanziell zu fördern. Hier bietet Plan A Unterstützung.

Und wir möchten das Spender-Gefühl vermitteln, dass man den Klimawandel insgesamt bekämpft und nicht nur ein Projekt unterstützt.

Es ist eine riesige Aufgabe, die Du Dir da gestellt hast: Klimawandel bekämpfen. Was motiviert Dich, im Alltag dabei zu bleiben und nicht aufzugeben?

Obwohl der Klimawandel gerade im Global Risk Report 2018 des World Economic Forums als größte Bedrohung für die Menschheit genannt wird, sind die Bestrebungen wichtiger Akteure nicht dementsprechend. Wenn ich mir dann anschaue, was wir in einem Jahr mit Plan A erreicht haben, bin ich stolz. Das macht mir sehr viel Hoffnung.

Wenn die USA sich aus der Übereinkunft von Paris verabschieden oder Deutschland den Braunkohle-Ausstieg auf das Jahr 2030 schiebt, können wir als Einzelpersonen dann überhaupt noch etwas ausrichten?

Ich denke Bürger*innen haben eine große Verantwortung. Sie sollten ihre Regierungen, aber auch ihre Arbeitgeber*innen und Kaufentscheidungen hinterfragen. Die aktuellen Proteste in vielen Ländern stimmen mich hoffnungsvoll. Die Menschen gehen auf die Straße und fordern die Verantwortung ihrer Regierung ein. Ich denke, das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

In Bezug auf Plan A bin ich beeindruckt, wie viel Interesse wir bereits ohne Kommunikation wecken konnten. Wir sind noch in den Startlöchern und es wurden von Privatpersonen und Unternehmen bereits 200.000 € gespendet und wir hatten über 300.000 Zugriffe auf die Website.

Plan A nennt sich selbst datenbasiert. Welche Daten nutzt ihr genau und zu welchem Zweck?

Der Algorithmus muss viele Aspekte berücksichtigen.. In der Vergangenheit hieß es zum Beispiel: Erneuerbare Energien werden den Planeten retten oder CO2-Abscheidung und -Speicherung wird den Planeten retten. Wir bei Plan A glauben fest daran, dass wir, um den Klimawandel effektiv bekämpfen zu können, eine Reihe von Aspekten gleichzeitig betrachten und angehen müssen. Das bedeutet gleichzeitig: generell weniger Konsum, ein Wechsel zu erneuerbaren Energien, aber auch den aktuellen Plastikmüll aufräumen.

Die Daten, die wir nutzen sind frei verfügbar. Sie beziehen sich auf die sechs Bereiche, in die wir unsere Plattform aufgeteilt haben. Diese sind: Ozeane, Wälder, Abfall Management, nachhaltiges Leben, erneuerbare Energien und Tierwelt.

Wir haben uns die gesamte Welt angeschaut. Angefangen bei den Kontinenten, denn jeder hat seine individuellen Herausforderungen. Bricht man es auf Länder herunter, haben diese wieder jeweils spezifische Probleme. Die Daten sind ein guter Weg für die erste Analyse, aber auf diese muss eine individuelle Betrachtung der Gesamtsituation folgen.

Aktuell können wir To-do-Listen für die einzelnen Länder formulieren. So ist klar, welche Aufgaben welches Land zu bewältigen hat.

Im Journalismus wird das Wort datenbasiert aktuell als Synonym für Objektivität verwendet. Bezeichnet sich Plan A als „datenbasierte Plattform“, um klar zu machen „der Klimawandel ist keine Meinung, sondern Realität, hier sind die Daten, die dies bestätigen“?

Ja, absolut. Eines der größten Probleme ist, dass wir bis vor Kurzem noch diskutierten, ob der Klimawandel existiert oder nicht. Diese Diskussion sollten wir nicht haben.

Die Daten bestätigen, dass wir unsere Energien in die Bereiche stecken, die es am dringendsten brauchen. Wir ordnen Daten und fassen diese zusammenfassen, um ein verständliches Gesamtbild zu skizzieren.

Plan A ist demnach nicht nur eine Crowdfunding Plattform, sondern will auch Wissen vermitteln?

Genau. Im Grunde ist es eine Enzyklopädie des Klimawandels. Nutzer*innen können sich über die einzelnen Aspekte und Probleme informieren und dann Entscheidungen über ihren Lebenswandel und ihre etwaige Spende treffen.

Crowdfunding Plattform Plan A

Die Website zeigt eine Übersicht an Problemen, die durch Plan A angegangen werden. Foto: Plan A.

Als Unternehmen hat sich Plan A dafür entschieden, selbst keine Non-Profit-Organisation zu sein, sondern ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen. In einem Spendensektor eine interessante Wahl. Was steht hinter der Entscheidung?

Ich bin überzeugt, dass wir an der Definition arbeiten sollten, die wir für NGOs und Unternehmen haben, um Räume dazwischen zu erschließen. In Deutschland gibt es bereits Strukturen wie GmbHs, aber ich denke, es gibt unternehmerische und auch NGO-Strukturen, von denen jedes Projekt profitiert.

Plan A ist ein Unternehmen mit sozialem Anspruch. Aber als jemand, der in Startups und Unternehmensstrukturen gearbeitet hat, sehe ich die enormen Vorteile einer solchen Struktur, da sie die Unternehmensentwicklung mit gesteigertem Tempo und das Setzen von Meilensteinen erlaubt. Natürlich können auch Non-Profit-Organisationen ihre Abläufe mit diesen Methoden strukturieren, aber eine unternehmerische Struktur ermöglicht meiner Meinung nach viel schnelleres Wachstum.

Vielleicht muss auch klar sein, dass der Klimawandel ein so wichtiges Thema ist, dass es nur nachhaltig bewältigt werden kann, wenn es auch in gewinnorientierten Unternehmen Einzug erhält?

Das glaube ich auch. Unternehmen haben eine entscheidende Funktion in unserer Gesellschaft. Sie sind diejenigen, die das Leben der Menschen am stärksten prägen. Für viele ist die Firma wie eine zweite Familie. Hier lernt man, verbringt seine Tage und hier wird auch die Persönlichkeit mitgeprägt. Ich denke es ist wichtig, dass Unternehmen diese Verantwortung annehmen. Aktuell wirtschaften viele Unternehmen über die Verhältnisse der Erde. Sie sind der primäre Produzent von Emissionen und sie verbrauchen zu viele Rohstoffe. Das muss sich ändern. Und ein finanzieller Anreiz ist sicherlich förderlich.

Wie es die letztjährigen Nobelpreisträger William D. Nordhaus und Paul M. Romer vorgeschlagen haben, die eine Emissionsabgabe für Unternehmen als Lösung für den Klimawandel sehen?

Genau. Neben der Ersparnis können die Unternehmen aber auch bei ihren Mitarbeiter*innen profitieren. Diese honorieren das Engagement ihrer Arbeitgeber*innen meist mit Loyalität und mehr Motivation.

Lubomila Jordanova

Das Team von Plan A. Foto: Lubomila Jordanova.

Momentan ist der Klimawandel in aller Munde. Die Szenarien variieren. Was denkst Du? Wie wird es in 20/30 Jahren aussehen?

Es gibt zwei Szenarien. Eines ist, dass mit dem Thema Klimawandel weiterhin Negations-Politik gemacht wird und Menschen wie US-Präsident Donald Trump oder der neue brasilianische Präsident Jair Bolsonaro dieses wichtige Thema von ihrer Agenda streichen. In diesem Fall wird es zu großen Migrationen kommen, da Teile der Welt unbewohnbar werden. Spezies werden aussterben. Der Planet lebt weiter, auch ohne uns.

Ich glaube allerdings fest an das zweite, das optimistische Szenario. Auch daran, dass Plan A eine wichtige Rolle spielen kann. Es ist eines in dem diese Aktivierung, dieses Momentum, dass der Klimawandel gerade erfährt, jedem einzelnen Menschen die eigene Verantwortung vor Augen führt und diese auch angenommen wird. In diesem Szenario haben wir auch mit Konsequenzen unseres bereits lange andauernden Fehlverhaltens zu rechnen, aber es wird nicht so extrem ausfallen wie in Szenario 1.

Ich glaube an das Szenario 2! Gerade weil ich täglich so viele Menschen und Organisationen sehe, die sich engagieren, bilden und tätig werden.

Du glaubst also, das Momentum um den Klimawandel und seine Konsequenzen wird sich halten?

Ja, ich habe auch Vertrauen in die nachfolgende Generation. Meine 16-jährige Cousine ist Veganerin, geht auf Frauenrechts-Demonstrationen, spricht offen über ihre Meinung zu Politiker*innen. Und ich glaube, dieser Mut zu sprechen und sich Gehör zu verschaffen ist etwas sehr Wichtiges. Und er schwappt gerade über. Auf die Menschen, deren Wälder abgeholzt werden, auf diejenigen, deren Flüsse verseucht wurden und viele andere.

Fahrrad statt Auto umweltfreundlich

Mit dem Verzicht aufs Autofahren kann auch privat jeder etwas gegen den Klimawandel tun. Foto: Susan Yin.

Wie siehst Du den Weg vom Sprechen zum Handeln? Plan A sammelt Gelder. Kann Geld den Planeten bzw. die Menschheit retten?

Geld ist ein Aspekt, aber nicht ausreichend. Es gibt noch immer sehr wichtige Personen, die sich nicht um den Klimawandel scheren, das muss sich ändern. Politiker, Geschäftsleute, Influencer, alle die eine gewisse Reichweite haben, sollten sich der Verantwortung bewusst sein und über wichtige Themen sprechen. Der Klimawandel ist eines davon.

Der Klimawandel wurde bisher immer an vielen Fronten bekämpft. NGOs machen ihr Ding, Firmen leisten ihren Anteil und Privatpersonen haben ein konstantes schlechtes Gewissen und diskutieren, ob sie etwas nicht essen dürfen oder nie wieder Coffee-to-go trinken. All diese Bestrebungen müssen vereint werden. Und sobald wir sprechen, wird es sich domino-effektartig verbreiten und irgendwann in der gesamten Gesellschaft ankommen. Aber da sind wir leider noch nicht.

Ich habe den Tag ja nun mit dem Spaziergang hierher begonnen. Wie kann ich meinen Tag weiter so gestalten, dass ich einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten kann?

Etwas woran wir nicht genug denken, ist das kleine Plastik, das sich ständig in unser modernes Leben schleicht. Die Tomaten im Supermarkt sollte man immer ohne Plastik kaufen, Essen in Tupperware mitnehmen oder im Restaurant essen.

Außerdem sollte man das Wasser nicht laufen lassen. Nie. Es wird bereits knapp. London wird die Knappheit wohl als erstes in Europa treffen.

Und ich glaube, das ist das Wichtigste: Triff bewusste Entscheidungen. Nicht nur in Bezug auf die Produkte, die Du kaufst, sondern auch die Firma, für die Du arbeitest. Ich glaube, wir hinterfragen alle nicht genug. Dabei fängt mit dem Fragen oft der richtige Weg an.

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit der Zukunft könnt ihr in unserem Kompendium Eco Identity nachlesen. 

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