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Shenika, Amazonas. Foto: Reza Pakravan

Shenika, Amazonas. Foto: Reza Pakravan

“Wenn die eigene Familie hungert, ist der Klimawandel egal.” – Interview mit Abenteurer Reza Pakravan

Reza Pakravan hat mit dem Fahrrad endlose Strecken durch unmögliche Gebiete zurückgelegt. Kaum einer ist so weit gereist wie er. Im Interview spricht er über Gastfreundschaft und Naturzerstörung, erzählt von guten Menschen und bösen Taten.

Wie es sich für einen Abenteurer gehört, hing das Leben von Reza Pakravan nicht selten schon am seidenen Faden. Im Vorfeld hatte man ihn eindringlich vor zahlreichen Gefahren gewarnt. Er aber hörte nicht auf sie. Nicht nur aus Trotz, sondern auch, um die Mahnenden vom Gegenteil zu überzeugen. Das erklärt Reza später bei seinem Auftritt im Auditorium auf der TEDxHamburg.

Im Interview mit ihm tritt zutage, was für den Erfolg seiner Reisen sicherlich nicht unerheblich war: seine offene, herzliche und zugewandte Art. Im Laufe des Gesprächs scheint es aber, als würde Reza ausblenden, wie oft er schon am Abgrund stand. Dass sein Erfolg manchmal nur einen Schritt vom verheerenden Misserfolg entfernt war. In solchen Fällen wirkt es, als wäre er sich seiner privilegierten Stellung als Mann des Westens gar nicht bewusst.

Aber mindert das seinen Erfolg? In Zeiten, in denen der amerikanische Traum längst ausgeträumt ist, wirkt die Lebensgeschichte, die Reza erzählt, wie die vage Erinnerung an ein besseres Gestern. So auch sein archaisches Draufgängertum: irgendwie aus der Zeit gefallen, und doch attraktiv. Es fügt sich ein in die heutige Epoche, die so schnell fortschreitet, dass man kaum mitkommt und dazu führt, dass schon bei Millennials regelmäßig Nostalgieimpulse über die Feeds sozialer Medien zucken.

Sein Glaube an sich selbst hat ihm schließlich recht gegeben. Und auch, wenn das einen nicht gleich überzeugt, selbst durch die Sahara zu radeln, ist es doch faszinierend, ihm zuzuhören.

Reza auf der TEDxHamburg. Foto: Sebastian Gabsch

Reza, du bist einer der erfahrensten Reise-Experten der Welt. Gibt es einen Ort, den sich niemand entgehen lassen sollte?

Botswana und Äthiopien, ich bin absolut hin und weg von diesen Ländern. Ebenso der Amazonas. Das ist ein Ort, den jeder sehen müsste. Allein wegen der atemberaubenden Artenvielfalt. Außerdem wird er schon sehr bald zerstört sein. Wenn du also den wahren Amazonas sehen möchtest, fliege hin und sieh dir die Zerstörung aus erster Hand an. Und wenn du Glück hast, siehst du auch etwas vom Dschungel.

Ist es schon so schlimm?

Es ist erschreckend, unglaublich. Mein Herz war gebrochen, als ich vom Amazonas zurückkam. Ich konnte nicht fassen, wie schnell die Zerstörung fortschreitet. Überall schießen Goldminen aus dem Boden, Tiere werden stationär gezüchtet, es ist eine regelrechte Industrie. Ich kann keinen Latte Macchiato mit Sojamilch mehr trinken, seit ich die Sojaplantagen dort gesehen habe. Die Monokulturen sind eine der Hauptursachen für die Zerstörung des Amazonas’.

Der anthropogene Klimawandel schreitet rapide voran. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen das Flugzeug, um zu reisen. Meinst du, Reisefilme können ein Ersatz für die persönlich Erkundung der Welt sein?

Ich fürchte, es ist nicht das Gleiche. Ich war ungefähr zwei Monate im Amazonas unterwegs. Als ich wiederkam, hatte ich mehr Fragen als vorher. Doch den Fortschritt kann man nicht aufhalten. Anstatt anderen das Fliegen zu verbieten, sollten wir lieber an Transportmitteln arbeiten, die die Umwelt beim Reisen weniger belasten. Es ist meist nicht so einfach, wie es scheint. Als ich zum Beispiel im Amazonas war, hatte ich das Vorurteil, illegale Holzfäller würden mutwillig den Regenwald zerstören. Aber wenn die eigene Familie hungrig ist und dort drüben ein Baum steht, der gefällt werden könnte, um die eigene Familie zu ernähren, wer würde da an die Erderwärmung und den Klimawandel denken, und nicht an das eigene hungrige Kind? Ich zumindest würde an mein hungriges Kind denken.

Reza während des Munduruku Rituals. Foto: Reza Pakravan

Ich auch, wenn ich eins hätte.

Und wer was anderes sagt, redet absoluten Blödsinn. Das ist scheinheilig. Im Westen sitzen wir hier, genießen unseren Soja-Latte, unsere schönen Kerzen und all diese Dinge. Wir kaufen Güter, die für die Zerstörung des Regenwalds verantwortlich sind. Das können wir ändern. Wir können eine bewusste Entscheidung darüber treffen, welches Rindfleisch wir kaufen. Vielleicht keines mehr aus dem Amazonas-Gebiet. Das liegt in unserer Macht.

In unserer Macht liegt auch, weniger zu fliegen.

Aber es gibt im Moment keine echte Alternative, außer Verzicht. Warum nicht umdenken? Wir könnten zum Beispiel mehr Bäume pflanzen, um den CO2-Ausstoß zu senken.

Den Amazonas erkundet man am besten im Boot. Foto: Reza Pakravan

Reza, du hast einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde bekommen, weil du nur mit dem Fahrrad die Sahara durchquert hast. Außerdem bist du vom nördlichen Polarkreis bis nach Kapstadt gefahren, das sind etwa fast 18.000 Kilometer, und hast, dein Fahrrad tragend, den 4.811 Meter hohen Sabalan bestiegen. Das ist zuallererst beeindruckend. Ich frage mich aber, warum du immer das Rad nimmst. Man würde nicht unbedingt denken, dass ein Fahrrad für diese Unternehmungen das geeignetste Fortbewegungsmittel ist.

Bis zum heutigen Tage habe ich kein besseres entdeckt. Es gefällt mir, mit meiner eigenen Muskelkraft von einem Ort zum nächsten zu reisen. Außerdem ist man ein langsamer Reisender. Man sieht die allmähliche Veränderung der Landschaft, man fühlt die Straße, erlebt die Kultur. Wenn man in ein kleines Dorf kommt, macht es einen enormen Unterschied, ob man mit dem Auto oder dem Fahrrad ankommt. Man weckt sofort Neugier und die Menschen sympathisieren mit einem. Vor allem passiert das in Orten wie Afrika, wo das Fahrrad das Hauptverkehrsmittel ist. Es schafft unmittelbar eine Verbindung und ein Gefühl der Kameradschaft zwischen einem selbst und den Menschen, die in den jeweiligen Ländern wie Gastgeber für einen sind. Außerdem bekommt man faszinierende Einblicke. Wenn man die Welt in der Geschwindigkeit eines Fahrrads sieht, sucht man mehr nach Gemeinsamkeiten als nach Unterschieden, weil die eigenen Bedürfnisse auch viel einfacher sind. Man muss essen, man muss schlafen… Es ist fast schon primitiv. Wenn man zu abgelegenen Orten reist, stellt einen das auf die gleiche Stufe wie die Menschen, die das Fahrrad tatsächlich als tägliches Fortbewegungsmittel nutzen.

In der Sahara nutzt man aber für gewöhnlich kein Fahrrad. Für den Trip hast du dich ganze sechs Monate vorbereitet, es war dein erstes Abenteuer. Hast du inzwischen eine Art Routine entwickelt?

Nicht unbedingt, denn es hat sich vieles geändert und das tut es noch. Ich nutze inzwischen unterschiedliche Fortbewegungsmittel. Im Amazon beispielsweise bin ich mit dem Boot gefahren, mit kleinen Flugzeugen geflogen, teilweise bin ich mit dem Fahrrad gefahren… Also, ja, das Fahrrad ist immer teil meiner Reisen, aber ich nutze es nicht ausschließlich. Es gibt auch andere Wege, eine Geschichte zu erzählen. Man kommt nicht überall mit dem Fahrrad hin.

Reza durchquert die Sahara. Foto: Reza Pakravan

Wie kommt es, dass deine Dokumentarfilme während der Hauptsendezeiten ausgestrahlt werden und von der BBC und Channel 4 gezeigt werden? Wie ist das möglich? Du warst vorher Finanzanalyst, ohne jegliche Kontakte in den Medienbereich, nehme ich an.

Ja. Als ich aufgehört habe, auf dem Finanzmarkt zu arbeiten, war ich bereit, Karriere zu machen. Ich wollte Entdecker und Abenteurer sein, und das Fernsehen war eine Möglichkeit, das Ganze zukunftsfähig zu gestalten.

Aber die werden deine Filme doch nicht gleich akzeptiert haben? Wie hast du dort einen Fuß in die Tür bekommen?

Das war harte Arbeit. Und ich hatte Rechnungen zu zahlen, ich musste Geld verdienen. Ich habe also mit meinem Bildmaterial an die Tür verschiedener Filmproduzenten geklopft; BBC, Channel 4 und National Geographic. Eines nach dem anderen wies mich zurück. Es war eine demütigende Zeit. Schließlich meldete sich ein italienisches Startup. Die hatten ihre Filmproduktionsfirma gerade erst gegründet. Wir hatten gleich das Gefühl, auf einer Wellenlänge zu sein. Ich habe also meine sieben Sachen gepackt, bin nach Rom geflogen und dann haben wir den Film produziert. Ich war unheimlich stolz, doch die nächste Ernüchterung folgte. Während der ersten sechs Monate wollte den Film niemand kaufen. Dann, urplötzlich, hatten wir den ersten Käufer, dann den zweiten, den dritten. Wir erlebten eine Art Schneeballeffekt. Heute produziere ich nicht nur meinen eigenen Content, ich produziere auch Filme für andere Kanäle.

Und womit filmst du deine Reisen? Ich nehme an, du hast eine Go-Pro und eine Drohne?

Ja, genau. Die heutige Technologie ist fantastisch, aber es auch bringt Vor- und Nachteile mit sich. Einerseits ist alles so klein und mobil, man kann mit einer kleinen Ausstattung sehr weit kommen. Der Nachteil dabei ist, dass es theoretisch jeder machen kann, heißt: der Wettbewerb ist ziemlich hart. Aber ja, ich nutze Drohnen, Stabilisatoren, Spiegelreflexkameras. Manchmal muss man jedoch auch große Kameras nutzen, denn grandiose Aufnahmen brauchen immer noch schwere, große Gerätschaften.

Deine Reisen sind, gelinde gesagt, ziemlich gefährlich. Was bringt dich dazu, immer wieder bis an deine Grenzen zu gehen?

Ich mag das Risiko. Und ich habe schon immer leidenschaftlich gern verbreitete negative Vorstellungen von Ländern in Frage gestellt. Unsere Presse ist nicht unvoreingenommen. Wenn du BBC News liest und die Website des Auswärtigen Amts, kann es gut sein, dass du nirgendwo mehr hinreist. Ich bin in die Sahara gefahren, obwohl man mir sagte: „Sie entführen dort Menschen, sie sind wie wilde Tiere. Das sind Barbaren, die dich entführen und töten werden.“ Und was ist passiert? Ich habe nichts als Gastfreundschaft erfahren. Die Tuareg, ein Volk, das in der Sahara lebt, haben sich um mich gekümmert, mich wie ein Familienmitglied behandelt. Egal wo ich hinkam, sie haben mich meist mit offenen Armen empfangen. Genauso auch in Orten wie Dagestan, das im Süden Russlands liegt und an Tschetschenien grenzt. Bevor ich nach Dagestan gefahren bin, sagte man mir: „Aus Dagestan wirst du nicht lebend wieder herauskommen“. Und auch dort habe ich nichts als Gastfreundschaft und Herzlichkeit erlebt.

Es gibt aber auch ganz andere Geschichten. Fälle, in denen diese Gutgläubigkeit böse endet.

Je mehr man reist, desto mehr realisiert man, dass die meisten Menschen auf der Welt gute Menschen sind. Sie sind so wie du und ich, sie wollen gut essen, sie haben eine Familie, sie haben ähnliche Werte. An der Oberfläche gibt es vielleicht ein paar Unterschiede, aber wir haben alle eine gemeinsame DNA, sind fast gleich. Sicher, es gibt Menschen, die bestimmten Lebensumständen unterworfen sind. Es sind nicht zwangsläufig schlechte Menschen, aber die Umstände zwingen sie dazu, schlechte Dinge zu tun. Es ist aber wirklich die Minderheit. Und wenn man nur noch diese Minderheit im Kopf hat, dann kann man nicht mehr reisen, man nimmt all die guten Dinge auf der Welt nicht wahr.

Mit dem Fahrrad durch die Sahara. Foto: Reza Pakravan

Was hat dich damals dazu bewogen, aus deinem sicheren Leben als Finanzanalyst auszusteigen? War es ein Lang gehegter Traum oder hat dich eine plötzliche Erfahrung erst dazu gebracht?

Ich wollte unbedingt Entdecker werden. Das hatte ich schon lange im Hinterkopf, und Tag für Tag begeisterte mich die Idee mehr. Ich verbrachte meine ganze Freizeit damit, Bücher von Entdeckern zu lesen und Abenteuersendungen im Fernsehen zu schauen. Eines Tages dachte ich dann: „Schluss mit dem Träumen! Du musst jetzt etwas unternehmen, du wirst nicht jünger. Tu jetzt endlich etwas“. Doch mir war klar, dass ich nicht besonders viel drauf hatte. Meine Outdoor-Erfahrungen beschränkten sich auf drei Tage Camping auf einem Festival! Es war ziemlich lächerlich. Aber ich dachte mir, ich muss klein anfangen. Eines Tages begann ich also, Fahrrad zu fahren. Das konnte ich. Nach und nach erhöhte ich die Distanzen und lernte neue Dinge, zum Beispiel, mich beim Wildzelten zu ernähren. Ich wurde langsam immer selbstbewusster und kam irgendwann an den Punkt, wo ich mich bereit fühlte, eine große Reise in Angriff zu nehmen. Ich habe mit der Sahara begonnen und von da nahm die Sache ihren Lauf; ich war bereit, Karriere als Abenteurer zu machen. Und dann bin ich mit dem Fahrrad einmal um die Welt gefahren.

Davon habe ich gelesen.

Ab dem Erscheinen der Doku, eine Serie mit vier Episoden, hat sich mein Leben von Grund auf verändert. Ich veröffentlichte ein Buch und wurde zu verschiedenen Events eingeladen. Der Rest ist Geschichte. So ist das alles gekommen.

Aber deine Familie und deine Kollegen müssen gedacht haben, du seist verrückt geworden?

Absolut. Meine Mutter hält mich auch heute noch für verrückt. (Lacht)

Und keiner hat versucht, dich aufzuhalten?

Nunja, meine Mutter hat schon etwas gelitten. Sie ist immer noch traumatisiert von dem, was während der Reise passiert ist. Und meine Kollegen fragten mich unaufhörlich, warum ich das machen will. Ich war gut in dem, was ich tat und verdiente auch entsprechend. Sie hatten recht! Am Ende meiner Reise war ich völlig pleite, hatte sogar Schulden gemacht. Aber als dann alles ins Rollen kam, stieg ich wie der Phoenix aus der Asche.

Bewaffnete Polizeibeamte und ein Militär in Dagestan. Foto: Reza Pakravan

Möchtest du abschließend noch von einem besonderen Reiseerlebnis berichten?

Da gibt es so viele Dinge. Aber wenn du es ein wenig einschränkst, erzähle ich dir eine tolle Anekdote. In Bezug worauf? Die Gefahr, Menschlichkeit…

Wie wäre es mit… Liebe?

Nunja, da gibt es keine …

Es muss nicht unbedingt romantische Liebe sein.

Ja, da habe ich eine interessante Geschichte. Ich war auf Reisen in Dagestan und habe dort einen Russen kennengelernt. Dagestan grenzt an Tschetschenien und ist in den Medien als Terrornest bekannt. Man warnte mich eindringlich, nicht dorthin zugehen. Ich muss zugeben, ich hatte Angst, als ich die Region durchquerte, hielt mich eher bedeckt. Doch jeder muss irgendwann essen und trinken. Ich passierte ein Café und beschloss, es dort einfach zu versuchen. Meine Angst war innerhalb von Sekunden verflogen. Ich wurde herzlich empfangen und reichlich versorgt. Dort lernte ich dann auch den russischen Mann kennen und wir tranken zusammen.

Plötzlich zog er sein Handy aus der Tasche. „Schau“, sagte er, „das ist meine Tochter. Ist sie nicht schön?”

Sie war schön, ja. „Aber warum zeigst du mir die Bilder?”

„Sie hat ein Haus.”

„Auch das freut mich für sie.”

„Na, dann sag. Möchtest du sie heiraten?”

Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Und nun seid ihr wie lange ein Ehepaar?

Haha! Ich musste das Angebot leider ablehnen und weiterreisen.


Offenlegung: Qiio Magazin war Medienpartner der TEDxHamburg 2018.

Raus aus dem Alltag, hinein ins Unbekannte. Im Laufe der Zeit hat sich das Wie der Reisenden verändert, nicht aber ihr Warum. Mehr dazu im Kompendium Reisen als Sinnsuche.

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