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Foto: Bich Ngocle

Foto: Bich Ngocle

Digitale Schwangerschaft – wenn Babys zum Social Media Booster werden

Mit den ersten Blogger-Kindern wächst eine Generation heran, die das Leben nur unter Aufsicht der Öffentlichkeit kennt. Jeder Entwicklungsschritt wird dokumentiert, jeder Post zur Maximierung der Social Performance verwendet – von Intimität ist schon lange keine Rede mehr. Doch welche Folgen hat das für die Kinder?

Okay, swipe, swipe, skip, skip, ciao, deabonniert. Ich finde mich in einem einzigen Dschungel aus schwangeren Frauen wieder und scrolle mich von #ssw14, über #ssw32 bis hin zu #ssw36 (Okay, zugegeben: Ich musste erstmal googeln, wie viele Schwangerschaftswochen üblich sind). Es werden stolz runde Bäuche in die Kamera gezeigt, Strampler-Shoppingtouren gefilmt und alle möglichen Wehwehchen dokumentiert. Gefühlt sind auf einmal alle schwanger. Ob diese Wahrnehmung an mir und meinen Hormonen liegt, die langsam anfangen verrückt zu spielen (ich könnte schwören, ich bin mit meinen zarten 23 Jahren noch ein paar Jahre von der Familienplanung entfernt), ob ich in meiner Filterblase gefangen bin oder ob dieses Bild wirklich der Realität entspricht, kann ich derzeit noch nicht so genau sagen. Aber eines ist gewiss: Die Anzahl der Accounts, denen ich auf Instagram folge, ist in den vergangenen Monaten gesunken.

Screenshot Instagram: #pregnant

Sensation statt Intimität

Nicht gesunken sind hingegen die Beiträge mit den passenden Schwangerschafts-Hashtags auf Instagram. So zählt #momtobe 2,3 Millionen Beiträge, #babyshower 15,5 Millionen, #babyboy 37,2 und #babygirl 46,7 Millionen gepostete Fotos. Von der Intimität eines persönlichen Familienalbums ist schon lange keine Rede mehr. Wer auf Instagram seine Schwangerschaft teilt, weiß: sie findet unter Beobachtung der Öffentlichkeit statt.

Doch das Kernproblem ist: Die Abonnenten sehen lange nicht mehr nur zu, sondern wachsen zunehmend über ihre Rolle der Beobachter hinaus. Sie richten, sie beurteilen und verurteilen.

Community is watching you

Welche Ausmaße das annehmen kann, zeigt aktuell die Instagram-Präsenz von Chiara Ferragni, eine der bedeutendsten Bloggerinnen der Modewelt. Ferragni hat vor drei Monaten ihren Sohn Leoncino geboren. Die Schwangerschaft verkündete sie im November vergangenen Jahres, damals im fünften Monat: „Hey guys.. We’re gonna be parents soon 👶🏼 I’m 5 months pregnant now and we can’t wait to meet baby raviolo 👪 Life is beautiful.“

In den folgenden Monaten postete die Bloggerin regelmäßig Updates zu der Größe ihres Kindes, dokumentierte ihren Bauchumfang und ließ ihre Abonnenten sogar an einer Ultraschalluntersuchung teilhaben. Doch je größer die Reichweite, desto mehr Trolle nutzen die Angriffsfläche, die sie mit ihren Posts bietet.

Es könne doch nicht sein, dass ihr Bauch im fünften Monat noch immer so klein sei – „Bist du dir sicher, dass da ein Baby drin ist?“ „Mein Bauch war größer nach unserem Thanksgiving-Dinner“, kommentierten ihre Abonnenten.

Third time Leo is in New York 😍 #TheBlondeSaladGoesToNewYork

Ein Beitrag geteilt von Chiara Ferragni (@chiaraferragni) am

Auf einem weiteren Foto sind Ferragni und ihr Sohn zu sehen, die Bildunterschrift lautet: „Hat er nicht meine Augen?“. Nein, auf keinen Fall. Er komme ganz klar nach seinem Papa, sie solle doch bitte nicht weiter auf diese Ähnlichkeit bestehen. Die meisten Kommentatoren sehen aus wie normal sozialisierte junge Frauen, die vermutlich im echten Leben wohl kaum einer Fremden solche Dinge an den Kopf werfen würden. Aber wie heißt es doch so schön: Gelegenheit macht Diebe und das Netz macht Trolle.

Doch trotz der Kritik werden die Fotos von ihrem Sohn nicht weniger. Schließlich sind die Baby bezogenen Posts häufig diejenigen, die die meisten Likes und Kommentare erhalten. Der Insta-Algorithmus zeigt sein baby-verliebtes Gesicht. Der Post, in dem sie die Schwangerschaft verkündete, erhielt 1,1 Millionen Likes und fast 30.000 Kommentare. Zum Vergleich: Der vorige Post erhielt 296.000 Likes und weniger als 1000 Kommentare. Wer also Input und Output analysiert und die Trolle außer Acht lässt, weiß ganz genau: Baby Content ist das Beste, was einem als Blogger passieren kann. Babys, natürlich nicht nur das von Ferragni, werden zu Social Media Booster, die die Reichweite oben halten und die Anzahl der Likes maximieren.

Foto: Kelly Sikkema

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    Baby? Bling-Bling-Cash-Cash

    Es geht noch weiter. Vermarktet wird nicht nur die Tatsache an sich, dass eine Geburt bevorsteht, sondern auch all das, was mit der Geburt einhergeht: das Einrichten des Kinderzimmers, der Kauf eines familienfreundlichen Autos, die Wahl eines oder mehrerer Kinderwagen sowie die Zusammenstellung der Baby-Garderobe. Alles natürlich schön gesponsert von Unternehmen, die nicht nur um den Einfluss der Blogger, sondern auch das finanzielle Potenzial der Babybranche kennen. Laut der Studie „Branchenfokus Baby- und Kinderausstattung“ vom Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln und der BBE Handelsberatung sind die Umsätze im Sektor Erstausstattung allein zwischen den Jahren 2011 und 2016 um 17 Prozent gestiegen. Und so werden Babys ganz nebenbei noch als Marketingmotor benutzt, die doch bitte für genügend Geld in der Familienkasse sorgen sollen.

    Ein Leben im Paralleluniversum

    Instagram verwandelt sich von der ursprünglichen Idee einer Community und Foto-Plattform immer mehr in ein punktbasiertes System, in dem einst große Ziele wie Familienzuwachs nur zu weiteren Stationen im Leben werden, bei denen man ordentlich Punkte absahnen kann.

    Und jetzt stelle man sich mal vor, welche Ausmaße der Einfluss der Community in Zukunft annehmen kann. Wenn wir aktuell schon so weit sind, dass die Abonnenten sich das Recht herausnehmen, über familiäre Ähnlichkeiten oder den Bauchumfang zu urteilen, würde der nächste Schritt nicht noch mehr Einfluss bedeuten, genauer gesagt: übergriffiges Verhalten? So würde die Mitbestimmung von bisher banalen Dingen zum Einfluss auf den exakten Geburtstermin, den Namen oder wenn es die Biotechnologie einmal zulässt auch bei der Augenfarbe des Babys übergehen. Dinge, die bisher nur im Einflussbereich der Natur oder der Eltern lagen.

    Foto: Derek Thomson

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      Und das ist sicherlich noch nicht das Ende: Wetten, es gibt bald die ersten Babys, denen eigenständige Accounts gewidmet werden? Nicht ahnend, wie ihnen geschieht, werden ihre digitalen Avatare über die Jahre Community-konform gestaltet, gehegt und gepflegt, bis die Kinder alt genug sind und vor der Frage stehen, was ihre Identität ausmacht – der digitale Avatar oder das Offline-Ich.  

      Vorrang des Kindeswohls

      In Anbetracht dieser möglichen Szenarien wird es allerhöchste Zeit, dass die UN-Kinderrechtskonventionen demnächst auch in der Onlinewelt Wirkung zeigen. Diese schreiben vier Grundsätze fest: Das Recht auf Nicht-Diskriminierung (Artikel 2), der Vorrang des Kindeswohls (Artikel 3), das Recht auf Leben und bestmögliche Entwicklung (Artikel 6) sowie die Berücksichtigung des Kindeswillens (Artikel 12).

      Alle vier Grundsätze mögen zwar in der realen Welt wirken, in der digitalen Welt allerdings umso weniger. Die Kinder verlieren durch ihr öffentliches zur Schau gestellt werden das Recht auf Nicht-Diskriminierung sowie die Chance auf ein Leben und die bestmögliche Entwicklung, solange sie selbst kein Mitspracherecht haben. Das Kindeswohl wird den elterlichen Bedürfnissen hinten angestellt, der Kindeswillen außer Acht gelassen.

      Wie kann es sein, dass beispielsweise ein starkes Rauchverhalten der Eltern als Gefährdung des Kindeswohls betrachtet und im Extremfall zur Aberkennung des Sorgerechts führt, nicht aber, mit einem Kind Hunderttausende von Euros zu verdienen und es ohne Einwilligung auf dem Präsentierteller zu servieren? Wenn man es auf die Spitze treibt, könnte man bereits von Ausbeutung im Babyalter sprechen – und das ist gesetzlich definitiv verboten.

      Das Leben der Kinder wird in den sozialen Medien dokumentiert, noch bevor sie sich selbst dazu entscheiden können. Ist das richtig? Foto: Duangphorn Wiriya

      Solange wir uns mit der Digitalisierung der Schwangerschaft sowie des Kindes noch in einer Grauzone befinden, würde ich mir von der Community wünschen, dass sie a) Verantwortungsbewusstsein an den Tag legt und b) die Postenden ihr Leben selbst gestalten lassen. Es ist schön und vollkommen legitim, wenn sich Chiara Ferragni in ihrem Sohn wiedererkennt. Und ihr Körper wird sicherlich auch wissen, in welchem Tempo ihr Bauch wachsen muss. Also “let it be”!

      Gleichzeitig würde ich mir von Seiten der Eltern wünschen, dass sie den Zirkus, den sie online veranstalten, öfter mal reflektieren und aus den Augen des Kindes betrachten. Für das Wohl des Kindes zu sorgen, bedeutet nämlich nicht nur, mit dem Rauchen aufzuhören, sondern mindestens auch digital Verantwortung zu übernehmen. Und wer das selbst nicht kann, dem muss nachgeholfen werden. Denkbar wären Guidelines von Instagram, die den Rechten der Kinder oberste Priorität einräumen und Beiträge zu löschen, die diesen widersprechen. Große Plattformen und Unternehmen wie Facebook und Instagram müssen nachhaltiger Rechnung tragen. Nackte Nippel werden dort in Windeseile zensiert. Doch hat schon mal jemand an die psychischen Folgen und Belastungen einer digitalisierten Schwangerschaft und Kindheit gedacht?

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