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Erstmal Sorgen machen! Wie „German Angst“ uns trotzdem weiterbringen kann

Der Fortschritt in Deutschland stagniert. Aber warum? Haben wir schlichtweg Angst vor einer Veränderung? Bevor wir allerdings den Teufel an die Wand malen, machen wir eine Bestandsaufnahme – der deutsche Skeptizismus kann auch Chancen bieten.

„German Angst“, so betitelte das TIME MAGAZINE schon im Jahr 1981 einen Artikel, in dem den Deutschen eine zugrunde liegende Angststörung diagnostizierte. Der Angst als grunddeutsche Gefühlslage geht auch die gleichnamige Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn nach, die noch bis Mai dieses Jahres geöffnet ist. Die Ausstellung verdeutlicht, dass, im Vergleich zu anderen westlichen Nationen, die Deutschen mehr Sorgen plagen, die ihren Ursprung in den nationalen Erfahrungen aus Krieg und Diktatur haben. Doch ist die „German Angst“ der Ursprung allen Übels?

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Die Langzeitstudie der R+V Versicherung untersucht seit dem Jahr 1992 die Ängste der Deutschen. Im Jahr 2018 sorgten sich die Deutschen vor Allem um den Einfluss des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trumps, wachsende Zuwanderung, die europäische Schuldenkrise und Terrorismus. Das Wort Globalisierung scheint zwischen den Zeilen der Studie zu stehen, in einer Form des allgemeinen Misstrauens gegenüber dem Fremden.

Fotos: Collage aus Bildern von neonbrand, Christian Wiediger, Markus Spieske und Luther Bottrill

Doch wäre es zu einfach, zu sagen, dass allein ein Gefühl der Angst vor dem Fremden, das Land stagnieren lasse. Es fehlt viel mehr an Know-how und zwar insbesondere im Bereich Finanzen. Eine Studie des Flossbach von Borch Forschungsinstituts, die im Dezember 2018 veröffentlicht wurde, verdeutlicht beispielsweise das mangelnde Wissen vieler Privatpersonen und Unternehmen über grundlegende Verflechtungen des Finanzmarktes. Einfach zusammengefasst: Die Deutschen behalten ihr Geld lieber risikofrei unter der heimischen Matratze als es sinnvoll anzulegen. „Der deutsche Investor hat nicht nur ein Umsetzungsproblem, sondern vor allem ein Wissensproblem“, so die harten Worte des Fazits der Studie.

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Ohne Input kein Output

Vergleichbare Dynamiken spiegeln sich auch in der deutschen Wirtschaft wider. Der alljährliche digitale Monitoring Report des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie veröffentlichte im Juli letzten Jahres alarmierende Ergebnisse: Bei den Unternehmen seien es vor allem Unsicherheit und Unkenntnis, die den Auslöser des schleppenden Fortschritts darstellten. Mit 54 von 100 möglichen Punkten erreicht Deutschland im Ranking gerade einmal einen mittleren Digitalisierungswert. Es mangele weiterhin vor allem an Fachwissen, welches behindert würde durch hohen Investitionsbedarf, fehlenden Netzausbau, einen zu restriktiven Datenschutz, Sicherheitsproblematiken und fehlende IT-Kräfte.

Immer weniger Dienstleistungsunternehmen würden digital und auch sonst ließen die Innovationsstrategien der Politik und die Vernetzung innerhalb des Landes zu wünschen übrig. Das reicht vom steinzeitlichen Faxgerät beim Hausarzt bis hin zu großen deutschen Unternehmen, die nur zaghaft Innovationsprojekte implementieren. Nur fünf Prozent der deutschen Unternehmen greifen beispielsweise bereits auf Anwendungen zurück, die Künstliche Intelligenz nutzen. Im weltweiten Vergleich hinkt Deutschland damit stark hinterher, wie eine neue Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt. Oft sind es in Deutschland kleine, junge Startup-Unternehmen, wie beispielsweise in der Transport und LogistikBranche, die den Big-Playern in Sachen Innovation und Fortschritt zunehmend den Rang streitig machen.

Ist die sprichwörtliche „German Angst“ also in vielen Fällen vielleicht das Produkt blanker Unwissenheit? Leben wir in einer Kultur, in der dem Neuen, dem Fremden misstraut -, aber sich auch nicht weiter mit auseinandergesetzt wird?

German Angst can make a difference!

Wenn man das Phänomen „German Angst“ herunterbricht auf eine Kultur der Analyse und des Hinterfragens, könnte sie wiederum der Schlüssel für tatsächlichen und langfristigen sein. Der Datenskandal des US-Konzerns Facebook um die mutmaßliche Abschöpfung der Daten von mehr als 50 Millionen Facebook-Nutzern, der im Jahr 2018 für Schlagzeilen sorgte, hat verdeutlicht, welche Formen unregulierter Fortschritt annehmen kann. Eine Form des Hinterfragens der Verfügbarkeit unserer Daten, wie sie hierzulande betrieben wird, stellt also nicht automatisch rückschrittlichen Konservatismus oder irrationale Panikmache dar.

Foto: Diego PH

„Anders als behauptet, sind die Deutschen kein Volk der Angsthasen – das ist eine Fehldiagnose“, schreibt Manfred G. Schmidt, Professor für Politologie an der Universität Heidelberg, in der Berliner Zeitung. „Die Ängste der Deutschen haben einen sehr realen Kern.“ Schmidt spricht von einer Form des „Deutschen Realismus der Angst“. Schließlich diagnostiziere die Studie der R+V auch keine „Angst der Deutschen vor Innovation und Fortschritt“.

Fortschritt stagniert vor allem in den deutschen Führungsebenen, das liest sich aus dem Monitoring Report der Wirtschaft 2018. Auch da sind dynamische Konzepte wie Shared Leadership gefragt, um bessere Entscheidungen zu treffen.

Was wir brauchen, ist keine Kultur der Angst, sondern eine neue, durchdachte „German Risiko Kultur“. Insbesondere die deutsche Wirtschaft hat zu lange Fragezeichen gesetzt, und Chancen verstreichen lassen. Es ist Zeit in (riskante) Ideen zu investieren, sonst riskieren wir, den Anschluss zu verlieren.

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