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Flugscham – Plötzlich mahnt im Alltag das Gewissen

Klimafreundliches Verhalten ist in unserer Gesellschaft höher angesehen als je zuvor. Ein neues, globales Umweltbewusstsein entsteht und mit ihm das Phänomen, dass sich Umweltscham nennt.

Der Alltag wird zum Tatort – mit mir in der Täterrolle. Ermordet wird in der heutigen Folge: Die Umwelt.

Routiniert greife ich zur Sojamilch für den Kaffee, wickel mein Brötchen für die Arbeit in Plastikfolie ein und steige ins Auto. Ich stoße im Laufe meines Tages auf eine Umweltsünde nach der nächsten, die ich mit einiger Umgewöhnung langsam ausschleiche. Mein immer lauter werdende Bedürfnis seinen helfenden Beitrag zur Umweltkrise zu leisten ist unter anderem durch die junge Fridays For Future Bewegung aufgekommen.

Wer durch vieles Reisen vor wenigen Jahren noch als weltgewandt und kosmopolitisch galt, erzählt von seinen Fernreisen heute nur noch kleinlaut. Es hat sich eine kollektive Scham eingeschlichen, umweltschädigenden Gewohnheiten weiterhin nachzugehen.

Avocado-Scham und Fleisch-Scham – Schande dem, der der Umwelt schadet

Das Vielflieger-Land Schweden prägte diesen Gedanken mit seiner Wortschöpfung “Flugscham” (in schwedisch “Flygskam”). Der Ausstoß klimaschädlicher Abgase durch Auslandsflüge ab Schweden stieg seit 1990 um 61 Prozent. Schweden ist daher alarmiert. Der Flygskam-Trend bewegte in den letzten Jahren einen Großteil der vor allem jungen Bevölkerung dazu, mit dem Zug zu reisen. Laut einer Umfrage des WWF haben 18 Prozent der befragten Schweden im letzten Jahr auf ihre Flugreise verzichtet und stattdessen den Zug genommen. Doch auch andere Gewohnheiten unseres Alltags werden an den inneren Pranger gestellt. So beschleicht mich beispielsweise morgendlich die Avocado- oder gar Soja-Scham, oder beim gemeinsamen Abendessen mit vegetarischen Freunden natürlich sofort die Fleisch-Scham.

Avocado Anbau Südamerika

Der umfangreiche Avocado-Anbau nimmt der Bevölkerung nicht nur Fläche zum eigenen landwirtschaftlichen Nutzen, es verunreinigt außerdem in hohem Maße ihr Grundwasser. Foto: D. Ott.

Nicht nur, dass Avocados tausende Kilometer zurücklegen, bevor sie auf unserem Frühstücksbrot landen, sie werden zusätzlich in Ländern mit Wasserknappheit angebaut und verbrauchen passend dazu sagenhafte 1000 Liter Wasser, um einen Kilo zu ergeben. Das 15-fache an Wasser wird für die Gewinnung von einem ein Kilo Fleisch verbraucht. Das macht die Intensivtierhaltung mit ihren Abfällen, ihrer Instandhaltung und dem Futtermaterial zu der schwerwiegendsten Lebensmittelsünde. Die Sojabohne, die nicht nur uns Menschen, sondern vor allem bei der Massentierhaltung als Nahrungsmittel dient, hat weltweit bereits 100 Millionen Hektar an Natur in Beschlag genommen. Besonder intensiv wird dafür der Regenwald in Brasilien, Paraguay und Uruguay abgeholzt und in Folge dessen das Grundwasser der Länder verunreinigt.

Handeln statt Schämen

Um mein Gewissen zu beruhigen, möchte ich in Zukunft Angebote von Unternehmen wahrnehmen, die mir dabei helfen unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern. So werde ich beispielsweise bei meiner nächsten Flugbuchung durch den Anbieter Atmosfair meine CO₂ Emissionen durch einen kleinen Aufpreis kompensieren. Dieser Aufpreis finanziert nachweislich Projekte, die woanders auf der Welt dieselbe Menge CO₂ einsparen sollen. Eine weitere Organisation, die es mir einfach macht etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, ist die Fundraising-Plattform Plan A. Auf ihrer Website sind zahlreiche Projekte verzeichnet, die genau dort helfen, wo der Klimawandel am härtesten zuschlägt. So kann ich mir ein Projekt aussuchen und es direkt mit einer Spende unterstützen.

Was den Verbrauch von Plastik und den Konsum von Klima schädigenden Lebensmitteln angeht, dort hilft tatsächlich nur der bewusste Kauf oder der Verzicht. Schließlich sind es nur Gewohnheiten, die uns leiten. Wer jetzt oft genug seine eigene Stofftasche zum Einkauf mitbringt, der wird es in einem Jahr automatisch tun.

Wer sich über Nachhaltigkeit im Alltag informieren will, findet auf Blogs wie Nachhaltify oder Klimatarier wertvolle Ratschläge. Auf Klimatarier konnte ich sogar durch ein Tool mein Mittagessen auf eine niedrige CO₂ Emission optimieren. Letzten Endes ist die Umweltscham, die mich nun beinahe täglich überkommt, ein Zeichen dafür, dass die Vermeidung einer Klimakatastrophe in meinem Bewusstsein angekommen ist. Und hoffentlich nicht nur bei mir.

Mehr zum Thema Umweltbewußtsein in unserem Kompendium Eco-Identity.

Kommentare

  1. Julia

    Liebe Frau Müller-Degenhart,

    da es hier eine Kommentarfunktion gibt, die hoffentlich auch von der Redaktion Beachtung bekommt, werde ich die einmal ausnutzen. Die Problematik anzusprechen, dass mit unserem Konsum die Umwelt und das Klima beschädigt werden ist ja keine Neuheit. Das Aufkommen der “Kompensierungsmechanismen” ist noch nicht in dem breiten Bewusstsein verankert, daher unterstütze ich Sie in diesem Punkt. Was nur leider in Ihrem Artikel gar nicht geht ist die absolute Reinwaschung der CO2-Einsparungsmechanismen. Nach Ihrem Artikel werde ich dazu ermutigt wieder mit dem Flugzeug zu fliegen, wenn ich eine Zahlung leiste. Aber GENAUSO wie beim Plastik bleiben alle ausgestoßenen Treibhausgase in der Atmosphäre! Es ist die bequeme Art die Problematik auf andere zu verschieben, da ich das Geld dazu besitze. Mein bequemer definitiv die Umwelt zerstörender Lebensstil und mein (berechtigtes!) schlechtes Gewissen, werden einfach übertönt und nicht wie die weltweiten Klimabewegungen fordern GEÄNDERT. Darum geht es nämlich: Um Veränderung! Der ökologische Fußabdruck wird von solchen Unternehmen nicht verringert. Die Schadstoffe die bei einer Flugreise ausgestoßen werden, werden auch durch die Unterstützung eines Kleinbauernprojekts ausgestoßen bleiben!
    Ich bin daher sehr besorgt, da ich diesen Artikel über eine Werbung auf Instagram gesehen habe, dass junge Menschen durch die Stimmung in diesem Artikel (es scheint als sei der “Scham” unberechtigt und mir von den Anderen eingeredet und aufgezwängt) ihr schlechtes Gewissen auf die lange Bank schieben.

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