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Foto: Dani Clode Design

Haben wir bald 12 Finger? Neue Studie zeigt, wie schnell sich das Gehirn an einen neuen Daumen gewöhnt

Was würdet ihr mit einem dritten Daumen machen? Mit dieser Frage hat sich die Produktdesignerin Dani Clode auseinandergesetzt. Sie hat einen prothetischen Daumen erfunden, der mithilfe von Sensoren am Fuß kontrolliert wird. In zwei Studien wurden nun die Auswirkungen von dem zusätzlichen Körperteil auf das Gehirn erforscht. 

Das Wort „Prothese“ wird zwar gerne mit „Ersatz“ assoziiert, kommt aber eigentlich vom Griechischen „prósthesis“ und heißt „Zusatz“. Eine Prothese, findet Produktdesignerin Dani Clode, ist kein Ersatz für ein fehlendenes Körperteil, sondern eine Erweiterung. „Body Augmentation“ nennt sich das Feld innerhalb der Bionik, mit dem sich Dani auseinandersetzt. Mit ihrem Design möchte die 29-Jährige eine Diskussion über Prothetik anregen. Der dritte Daumen ist ihr aktuellstes Projekt, welches unsere Sichtweise auf Prothesen kritisch hinterfragt.

Video: Dani Clode Design & The Plasticity Lab, UCL.

„Ich designe externe Körperteile“

Dani und das Team vom Plasticity Lab vom Institut für Kognitive Neurowissenschaften des University College London sind die ersten, die die Auswirkungen von zusätzlichen Körperteilen auf das Gehirn erforschen. Ihre Ergebnisse stellen sie in zwei aktuellen Studien vor (2021 & 2020). Doch wie kommt man eigentlich dazu, externe Körperteile zu designen? 

Der dritte Daumen wird über zwei Motoren am Handgelenk und zwei Sensoren unter dem großen Zeh kontrolliert. Foto: Dani Clode Design.

Dani studierte Design in Wellington, Neuseeland. Eines Tages stolperte sie über ein Video von „Bionik Queen“ und Sängerin Viktoria Modesta, die sich aus gesundheitlichen Gründen einen Teil ihres Beines amputieren ließ und gleichzeitig Gefallen an der Idee fand, eine Prothese als kreative Ausdrucksform zu nutzen. „Und ich dachte mir, wer hat dieses Bein gemacht? So etwas habe ich noch nie gesehen!“, erinnert sich Dani zurück. Kurzerhand nahm sie Kontakt mit der Bildhauerin Sophie de Oliveira Barata auf, die hinter dem „Alternative Limb Project“ und Modesta’s Prothese steckt und besuchte sie in ihrem Studio in London. Seitdem produzierten die beiden jungen Frauen drei prothetische Arme für Model und Body Confidence Aktivistin Kelly Knox, die mit einem Arm auf die Welt gekommen ist. „Kelly Knox trägt die Prothese nicht in ihrem Alltag, für sie war es eine Erweiterung, mit der sie sich kreativ ausdrücken kann“, erzählt Dani. Mit Dani’s Prothese kann Kelly zeigen, dass ihre Behinderung schön, modisch und besonders sein kann.

Influencerin Kelly Knox mit der Prothese „The Vine“, entwickelt vom „Alternative Limb Project“. Foto: Simon Clemenger.

„Für mich sind Prothetik und Erweiterung dasselbe“

„Was, wenn wir den Diskurs ändern und statt vom ‘Ersetzen’ fehlender Körperteile von einer Erweiterung des Körpers mit hilfreicher Technologie sprechen?“ Für Dani sind Prothetik und Erweiterung ein und dasselbe – und das möchte sie mit dem dritten Daumen zeigen. „Ist der dritte Daumen für Menschen, die fünf Finger an jeder Hand haben eine Erweiterung oder eine Prothese? Die meisten Menschen denken, dass Prothesen nur von Menschen genutzt werden, die nur einen Arm oder ein Bein haben, doch diese Annahme ist falsch.“

Das Gehirn gewöhnt sich in Windeseile an ein neues Körperteil

Doch wie reagiert das Gehirn auf ein zusätzliches Körperteil? Die Teilnehmer der „Third Thumb“-Studie vom Plasticity Lab vom Institut für Kognitive Neurowissenschaften des University College London benutzten den motorisierten Daumen über einen Zeitraum von fünf Tagen hinweg. Im Labor wurden sie durch bestimmte Übungen trainiert, mit dem Daumen umzugehen und angewiesen, ihn auch zu Hause für ein paar Stunden zu benutzen. Am Ende der Testphase hatten die Teilnehmer ein Gefühl von „Embodiment“ – sprich, der Roboter-Daumen hat sich nach kürzester Zeit wie ein Teil des Körpers angefühlt. Das neue Körperteil verändert das Gehirn. Das ist bahnbrechend, denn „Finger-Mapping“ im Gehirn, also die Art und Weise, wie das Gehirn unsere Finger kontrolliert, wurde lange als etwas Stabiles angesehen. Der dritte Daumen verdeutlicht, wie schnell das Gehirn auf neue Gliedmaßen reagiert. „Das zeigt uns, wie plastisch unser Gehirn wirklich ist und wie viele Möglichkeiten Body Augmentation bietet“, sagt Dani. Somit könnte „Body Augmentation“ langfristig sogar unsere Evolution beeinflussen.

Nach kürzester Zeit fühlte sich der dritte Daumen wie ein Teil des Körpers an. Foto: Dani Clode Design.

„Die Technologie existiert bereits, doch ihre Folgen sind unklar“

Werden wir bald neue Gliedmaßen einkaufen gehen, so wie wir uns die Nase oder die Brüste operieren lassen? „In Zukunft werden wir definitiv mehr Auswahl für unsere Körper haben. Das wird sich als Erstes am Arbeitsplatz bemerkbar machen, wo uns externe Körperteile zum Beispiel das Multitasking erleichtern werden“, sagt Dani. Doch Dani ist ihrer eigenen Arbeit gegenüber auch kritisch, denn die Langzeitfolgen von „Body Augmentation“ auf das Gehirn sind noch nicht genügend erforscht.

„Wir sind die ersten, die die Auswirkungen von Body Augmentation auf das Gehirn erforschen. Diese Forschung ist extrem wichtig, da unsere Studie zeigt, wie schnell das Gehirn auf solche Veränderung reagiert. Was würde passieren, wenn jemand ein externes Körperteil rund um die Uhr nutzt und dieser Teil dann plötzlich nicht mehr da ist? Wenn man Einfluss auf das Gehirn nimmt, kann das auch gefährlich sein. Deshalb müssen wir in diesem Feld mehr Forschung betreiben und stärker interdisziplinär zusammenarbeiten.“

Was externe Körperteile für unser Gehirn langfristig bedeuten und ob wir uns in Zukunft in Cyborgs à la Donna Haraway verwandeln, bleibt vorerst ungewiss. Sicher ist, dass “Body Augmentation” spannende Möglichkeiten für die Forschung und einen wichtigen Anstoß zu unserem Umgang mit Prothetik bietet. Falls ihr noch nicht genug von Cyborgs und Human Enhancement habt, lohnt sich ein Klick in unser Bionik Kompendium.

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