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Lebst du noch oder zoomst du schon? – Interview mit Peer Stemmler von Zoom Video Communications

Digitale Videokonferenz-Tools haben dank COVID-19 Hochkonjunktur. Das US-Unternehmen Zoom hat seine Userzahlen in den letzten Monaten verdreißigfacht. Auch die Aktie kletterte seit Börsenstart im April 2019 von 65 auf aktuell 167,91 US Dollar (15.05.2020), den Diskussionen um die Sicherheitslücken der Software zum Trotz.

Wie das Unternehmen auf das sogenannte Zoom Bombing, also das unerwünschte Eindringen von Personen in mitunter streng vertrauliche Videokonferenzen reagierte, wo Zoom ohne Corona wäre und wie die Meetingkultur der Zukunft aussehen könnte darüber habe ich mit Peer Stemmler, Head of Sales für die DACH-Region von Zoom Video Communications, gesprochen.

Wir stellen vor Peer Stemmler vor, Head of Sales für die DACH-Region von Zoom Video CommunicationsFoto: Zoom.

Hallo Herr Stemmler, Zoom hat im Zuge der Coronakrise seine Nutzerzahlen verdreißigfacht. Kaum ein Unternehmen profitiert so sehr von COVID-19. Wären Sie ohne Corona da, wo Sie jetzt sind?

Ende Januar stiegen auf einmal die Userzahlen in Asien, besonders in China, stark an. Die waren ja auch viel früher von der Krise betroffen als wir hier in Europa. Zu diesem Zeitpunkt haben wir schon gelernt, dass wir unsere Kapazitäten fast wöchentlich verdoppeln müssen.

Corona hat uns kostenlos in die Medien gebracht. So gesehen, profitieren wir schon von Corona, wenn man das bewerten will. Allerdings geht es den anderen Tools natürlich ähnlich. Was die User angeht, haben wir den stärksten Zuwachs zu verzeichnen. Gleichzeitig hat das aber auch zu vielen Problemen geführt: Unbedarfte User, die öffentlich Meeting-Nummern auf Facebook und Twitter bekannt gaben. Einige Politiker fanden es so toll, Zoom Meetings abzuhalten, dass sie Screenshots von streng vertraulichen Meetings, inklusive Meeting-Identifikationsnummer, öffentlich in den sozialen Netzwerken geteilt haben. Die Hacker hatten dann natürlich ein leichtes Spiel. Um das in Zukunft zu verhindern, haben wir die Identifikationsnummern abgeschafft.

Das britische House of Commons hielt bereits eine Sitzung via Zoom ab, der Premierminister Boris Johnson tagt via Zoom. Wo mischt Zoom noch überall mit?

Es gibt z. B. klassische Konzerte, die ausschließlich über Zoom übertragen werden und erste Bands, die nur noch über Zoom auftreten. Sie können die Audioeinstellung für Musikübertragung entsprechend optimieren. Die kalifornische Band „Thao & The Get Down Stay Down“, hat ein eigens in Zoom konzipiertes Musikvideo inklusive Choreographie für ihren Song “Phenom” herausgebracht.

Für viele ein gewohnter Anblick: Das Gesprächsfenster mit ein oder mehreren Teilnehmern auf der Videocall-Plattform Zoom. Foto: Gabriel Benois.

Parlamentssitzungen, digitale Beerdigungen, Abschlussprüfungen, Hochzeitsfeiern gibt es etwas, das man nicht ins Digitale übertragen kann?

Alles, was menschlich ist, werden wir nicht ins Digitale bringen können. Ich kann meine Frau und meine Kinder nicht umarmen. Forscher sind zumindest schon dabei, Gerüche zu übertragen. In den ersten Studien, an denen wir auch beteiligt sind, werden gerade solche Dinge erforscht, wie es z. B. möglich sein könnte, dass ich hier eine Tasse Kaffee trinke und Sie diesen Kaffee dann auch bei sich riechen können. Es gibt z. B. auch schon Möglichkeiten, in verschiedenen Meetingräumen die gleiche Raumtemperatur herzustellen. Größere Unternehmen verwenden darüber hinaus die gleichen virtuellen Zoom-Hintergründe und richten die Büros der Mitarbeiter mit den gleichen Bürotischen ein. Bei den Mitarbeitern soll so der atmosphärische Eindruck entstehen, sie arbeiten im selben Raum. Tatsächlich sind sie jedoch über die ganze Welt verteilt. Dieses Prinzip nennt man Telepräsenz. Ich finde das sehr spannend, denke aber nicht, dass sich das durchsetzen wird, weil es sehr teuer ist.

Wie halten Sie die vielen privaten UserInnen auch nach Corona bei der Stange?

Wir sind ein Business-Tool und wollen das auch bleiben. Wir streben nicht die Monetarisierung eines Consumer-Tools an. Facebook hat angekündigt, ein Zoom ähnliches Tool zu bauen. Mit denen wollen und können wir uns gar nicht anlegen. Wir werden uns weiterhin auf unsere Business-Kunden konzentrieren.

Das Teilen privater Einblicke ist mittlerweile Teil einer neuen Online-Meetingkultur. Foto: Visuals.

Das Gute an digitalen Konferenzen ist, dass sie flexibel von überall durchgeführt werden können. Nachteil hingegen ist, dass sie oft in privaten Räumen stattfinden und hier natürlich unvorhergesehenes passieren kann: schreiende Kinder, PartnerInnen, die durchs Bild laufen etc..

Wir alle erinnern uns an den Auftritt von Politikprofessor Robert Kelly im britischen Sender BBC von 2017, bei dem, während einer Live-Aufzeichnung, Kinder und Frau durch den Bildschirm liefen. Damals fanden das alle noch furchtbar peinlich. Mittlerweile ist das ein ganz klarer Meetingtrend. Mitarbeiter im Home Office holen aktiv ihre Kinder und Partner zum Meeting hinzu. Es gibt ganz viele Kollegen und Kolleginnen, die kleine Kinder haben, die bei den Meetings dabei sein können, wenn sie wollen. Ich selbst habe drei Töchter. Es gibt sogar Leute, die es cool finden, wenn sie morgens ihren KollegInnen via Zoom zeigen, wie sie ihren Kaffee zubereiten. Dieses Teilen privater Einblicke ist mittlerweile nicht mehr peinlich, sondern irgendwie witzig und eben Teil einer neuen Online-Meetingkultur.

Die digitale Meetingkultur gehört in Europa noch nicht zum Standard. Ändert Corona hieran etwas?

Was die Digitalisierung im Allgemeinen angeht, sind die Länder in Europa sehr unterschiedlich aufgestellt. In einem europäischen Land, das keinen Föderalismus hat und dessen Namen ich hier nicht nennen darf, hat die Regierung beispielsweise beschlossen, dass alle Schüler von zuhause aus unterrichtet werden und alle Lehrer einen Zoom Zugang bekommen. Zusätzlich haben die Lehrer eine viertägige Schulung erhalten. Der analoge Unterricht soll da nun 1:1 auf Zoom, inkl. Zoom-Pausenhof, stattfinden. So etwas wäre in Deutschland undenkbar. Ich denke aber, dass Deutschland aus der Krise gestärkt hervorgehen wird. Wir werden endlich anfangen, über Chancen und nicht ständig über Nachteile der Digitalisierung zu sprechen.

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