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Foto: FreundevonFreunden.com / FvF Productions

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Mehr Freizeit zahlt sich aus! – Interview mit Business-Skills-Trainer

Julian Kea ist Business-Skills-Trainer und hat seine eigene Firma gegründet. Mit ihm sprechen wir über zukünftige Arbeitsmodelle und darüber, wie sinnvoll es ist, unterwegs zu arbeiten. 

Wir treffen Julian Kea bei der Eröffnung des “Workhouse” in Biesenthal, wo Arbeitsmodelle der Zukunft erörtert und erprobt werden. In einem Workshop zeigt er, wie Kreativität in Teams durch spielerische Elemente freigesetzt wird. Dieses Prinzip hat er zu seinem Geschäft gemacht. Unternehmen kommen zu ihm, um vor allem ihre Meetings effizienter zu gestalten.

Julian Kea Mehr Freizeit Interview Workhouse Biesenthal

Überhaupt sind Effizienzsteigerungen in wohl jedem Unternehmen ein großes Thema. Laut Julian ist aber vor allem entscheidend, wie mit dieser Zeit umgegangen wird. Soll die Zeitersparnis zur weiteren Produktivitätssteigerung genutzt oder doch an die Mitarbeiter weitergegeben werden? Julian ist der Meinung, dass die Freizeit von Angestellten auch für das Unternehmen keine verschwendete Zeit ist. Angestellte nutzen sie stattdessen zur persönlichen Weiterentwicklung – und das zahlt sich letztlich für beide aus.

Seit 2010 existiert deine Firma [ki:]Learning. Welchen Service bietest du an?

Ich bin Business-Skills-Trainer. Das heißt, ich begleite Firmen dabei, ihre Meetingkultur zu verbessern. Das betrifft natürlich viele Themen, die wir heute schon gehört haben – rund um die Kommunikation, Moderation, Präsentation und Entwicklung neuer Ideen. Ich helfe Teams dabei, mehr Selbstvertrauen zu entwickeln. Das heißt: Vertrauen stärken in die einzelnen Teammitglieder sowie in die Gruppe selbst. Zusätzlich setze ich bei den Teams sogenannte Serious Games ein, also Lernspiele.

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Gamification ist zurzeit ein relevanter Trend. Viele Firmen wollen die Arbeitsmotivation durch Spielelemente erleichtern. Warum ist es wichtig, die eigenen Arbeitsabläufe zu hinterfragen, und warum fällt das in spielerischer Umgebung leichter?

Arbeitsabläufe zu hinterfragen ist wichtig, um sie zu optimieren. Das Hinterfragen ist aber gar nicht so leicht. Deshalb hilft es, sich ihnen spielerisch anzunähern. So kann ich sie auf der Metaebene betrachten und erkenne dadurch, wie ich überhaupt arbeite und meine Arbeit strukturiere.

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Deine Workshops richten sich vor allem an Teams. Glaubst du, dass funktionierendes Teamwork ein wichtiger Erfolgsgarant ist?

Wir werden mit Sicherheit mehr Teamarbeit erleben, denn viele der kommenden Herausforderungen werden nur kollaborativ zu lösen sein. Um Kundenbedürfnisse optimal zu erfüllen, braucht es da ein interdisziplinäres Team. Da könnte sogar der Kunde selbst mit eingebunden werden.

Gibt es die individuelle Arbeit in der Form in Zukunft noch?

Wenn sich Arbeit auf den Einzelnen konzentriert, dann in Form von Remote Work: Die Person arbeitet in einem Team, ist aber physisch allein. Dennoch glaube ich, nichts ersetzt die persönliche Begegnung – selbst wenn es teilweise sehr teuer ist, allen ein Reiseticket zu schicken. Denn wir Menschen sind soziale Wesen. Nichts ersetzt das Anfassen, das Angucken, das Riechen, das Hören, das miteinander Lachen. Auch diese kleinen Mikro-Bewegungen, sei es das Nicken oder das Runzeln auf der Stirn; das sind essentielle Bestandteile unserer Kommunikation, die bei Videokonferenzen oft untergehen. Deshalb muss man Teams, wenigstens einmal, zusammenbringen. Egal, wo sie arbeiten. Und dann kann auch Remote Work, wenn die Tools und die Moderation stimmen, sehr effektiv und effizient sein.

In einem Artikel über Entschleunigung schreibt unser Qiio-Autor Kevin Junk, immer schneller und immer mehr, das kann nicht der richtige Weg sein. Ist eine Effizienzsteigerung der eigenen Arbeit daher genau der richtige oder genau der falsche Weg?

Julian Kea Mehr Freizeit Interview Workhouse BiesenthalOptimierungen hatten wir durch verschiedene Innovationen schon in den letzten Jahrzehnten. Nur glaube ich, dass die frei werdende Kapazität, sei es energetisch oder zeitlich, sofort mit anderen Dingen aufgefüllt wird. In so einem Moment könnte man stattdessen überlegen: Was machen wir mit dieser Zeit? Sollen Mitarbeiter sie dem aktuellen Projekt widmen, und dadurch schneller fertig werden? Oder gebe ich die Zeit frei, sodass Mitarbeiter ihre Arbeitsprozesse optimieren können, an freien Projekten arbeiten oder einfach lernen können, also beispielsweise TED Talks anschauen oder auf Veranstaltungen wie diese hier gehen. Das ist dann eine Team-, Management- oder eine kulturelle Entscheidung.

Von den meisten Arbeitnehmern wird aber erwartet, dass sie ein gewisses Volumen ihrer Zeit, also meist 40 Stunden pro Woche, am Arbeitsplatz verbringen. Unabhängig davon, wie viel Arbeit sie andernorts verrichten. Wird sich das ändern?

Wann kommen uns denn die besten Ideen? Ist das wirklich an diesem Ort, dem Arbeitsplatz? Leider sind die Büros ja oft gar nicht inspirierend oder laden ein zum Kollaborieren oder Querdenken. Deshalb ist heute die Arbeit für viele kein Ort mehr. Arbeit ist ein gewisser Teil unserer Lebenszeit. Das hat sich durch die ständige Erreichbarkeit durch Tablet und Smartphone ungemein verstärkt. Wenn also der Ort nicht mehr maßgeblich für Arbeit ist, was ist es dann? Ist es die Zeit, in der ich ganz bewusst und vertieft arbeite? Wenn ich nebenbei, über den Tag verteilt, Emails beantworte, weiß ich dann überhaupt noch, wann ich arbeite und wann nicht? Ist das Engagement oder nur eine dysfunktionale Gewohnheit? Die Frage ist also eher: Was sind gute Gewohnheiten, um mit meiner Zeit zu haushalten? Mein Coachee beispielsweise hat sich entschieden, E-Mail-Apps, Twitter, LinkedIn usw. von seinem Handy zu löschen. Er meint: „Wenn ich arbeite, dann arbeite ich fokussiert und richte mich ein. Dafür brauche ich keine Apps, denn bei allen Diensten kann ich mich auch im Browser einloggen. Apps verleiten dazu, es nebenbei zu machen. Und das kostet unverhältnismäßig viel Kraft.” Ich glaube nicht, dass das für alle die perfekte Lösung ist. Den Quick-Fix für alle, ob großes Team, Startup oder Konzern, gibt es nicht. Wichtig ist aber, dass wir eine Diskussion führen, wie wir damit umgehen, dass wir potenziell jederzeit arbeiten können.

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Eine ganze andere Frage: Du hast eine Chino-Hose entwickelt, die schmutzabweisend ist und nicht knittert. Wie kam es zu dieser Idee?

Mein Geschäftspartner, Jörg Beckmann, war viel in Asien unterwegs. Es gab zwar schon viel Funktionsbekleidung, die er im Business tragen konnte, Jacke, Unterhemden, Socken, Unterhosen, Shirts, aber keine Hosen. Das waren immer nur Wanderhosen mit Reißverschlüssen und sonstigen Applikationen. Da haben wir uns gedacht: Wie kann man eine Hose entwickeln, die schmutzabweisend ist, sich aber auch im Business tragen lässt? Hinzu kam, dass Jörg und ich zwar zusammen studiert, aber nie ein gemeinsames Projekt verwirklicht haben. Das wollten wir unbedingt nachholen. Und als dann Startnext in Leipzig groß wurde, wollten wir das Crowdfunden einfach mal ausprobieren. Und so haben wir uns den berühmten 100-Hosen-Handschlag gegeben und zwei Runden sehr erfolgreich gecrowdfundet. Im Anschluss haben wir sogar noch eine Runde über eigene Vertriebswege verkauft. Wir hatten über 350 Kunden. Das Projekt haben wir allerdings vor zwei Jahren eingestellt. Unsere kleine Manufaktur in Potsdam wurde verkauft, die Ansprechpartner haben gewechselt und wir hätten sehr viel Aufwand gehabt, da noch mal von null anzufangen.

Glaubst du, dass Crowdfunding auch demokratisierende Effekte hat, weil im Prinzip jeder die Möglichkeit hat, seine Vision zu verfolgen? Oder bekommen dort nur sehr professionelle Leute genügend Geld zusammen?

Auf der einen Seite finden wir auf solchen Plattformen tatsächlich innovative Ideen. Crowdfunding ist eine gute Art, Produkte vorzufinanzieren und damit die eigentliche Produktion erst zu ermöglichen. In vielen Fällen ist die Community zudem, so haben wir das erlebt, sehr engagiert bei so einem Projekt. Wir finden aber auch genau die andere Seite der Achse: Unternehmen, die die nächste Produktrunde einläuten und hochprofessionelle Videos produzieren. Das kommt einfach nicht mehr authentisch rüber und hat mit Crowdfunding nur noch wenig zu tun. Ich finde, da könnten die Plattformen mehr Transparenz schaffen und kennzeichnen: Das hier ist eine Firma, die gibt es schon seit sechs Jahren und hier testen sie nun ein neues Produkt. Und im Gegensatz dazu: Hier haben wir zwei Tüftlerinnen, die haben viele Daten und eine tolle neue Lösung – und sind deshalb von Belang. Bislang behaupten die Plattformen ja alle, jeder hätte die gleiche Chance. Das ist aber nicht so.

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Du meinst also, Crowdfunding-Plattformen sollten bestimmte Produkte ins Scheinwerferlicht rücken, so wie Vimeo das etwas mit seinen Staff Picks macht?

Oder eben, dass die Plattformen ein bisschen unter die Arme greifen und Feedback geben, vielleicht aber auch ein kleines Studio haben oder Kooperationspartner, bei denen man drehen kann, sodass zumindest erst mal Licht und Audio stimmen. Oder dass man sagt; wir gucken noch mal über eure Storyline, wenn ihr das im Park aufnehmen wollt oder bei euch in der Werkstatt. Nicht, um professioneller zu sein, sondern, um dieses Look and Feel kundengerechter zu verpacken.

Danke dir für das Gespräch! Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Ich wünsche allen Beteiligten auf dem Gelände hier in den nächsten sechs Wochen ganz viel Spaß, Energie und Freude und, dass sie ihre Ergebnisse auch mit der Community teilen, sodass daraus wieder Neues entstehen kann.


In Biesenthal haben wir nicht nur mit Julian Kea, sondern auch mit dem Philosophen und Mitgründer der “School of Life” Robert Rowland Smith gesprochen. Das Interview zum Roboterhaften im Menschen und der “Fetischisierung” des Spiels im Büro könnt ihr hier lesen.


Fotos: FreundevonFreunden.com / FvF Productions

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