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Meinung: Freiheit durch Siedlungsutopien

Von der Marvel-Phantasie Wakanda bis zum Schwul-Lesbischen Königreich der Korallenmeerinseln: (Anti-)Kolonisierungs- und Siedlungsfantasien sind heute in Mode. Ihre Vorläufer und Kehrseiten diskutiert Hanno Hauenstein.

Kolonialismus ist kein Abenteuer. Historisch gesehen meint er bekanntlich Unterwerfung von Land und Menschen. Wäre aber nicht auch ein – quasi nicht-kolonialer – Kolonialismus denkbar? Kolonisierung ohne Versklavung? Ohne Terror und Ausbeutung?

Die Kolonisierung des Mars’ würde ohne gewaltsame Unterwerfung verlaufen – denn dort gibt es nichts zu unterwerfen. Foto: D Mitriy – Own work, English Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Den Nerv dieser Frage trifft derzeit der Kinofilm “Black Panther” – als afrofuturistische Utopie. Im Zentrum des Films steht die verborgene Enklave Wakanda, ein technologisch fortgeschrittenes Königreich zwischen Kenia und Uganda. Wakanda ist das schillernde Gegenstück zu den kolonialen Projekten der letzten Jahrhunderte, eine Welt im Konjunktiv II: So hätte Afrika aussehen können, hätten weiße Europäer das nicht gewaltsam verhindert. Wie Jelani Cobb kommentiert, existierten wakandische Visionen lange vor dem Marvel-Universum. So bewarb etwa der liberianische Diplomat Edward Wilmot Blyden bereits im 19. Jahrhundert eine Art ‘schwarzen Zionismus’: Menschen mit afrikanischen Wurzeln im Westen sollten nach Afrika übersiedeln, um den Kontinent von der kolonialen Katastrophe zu erlösen.

Afro-Zionismus auf Saturn

Sun Ra auf dem New England Conservatory of Music (27. Februar 1992). Foto: Pandelis karayorgis, English Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Auch der Afrofuturismus hat Tradition. Ansehnlicher Vorläufer ist der Jazzmusiker und Philosoph Sun Ra. Für Ra war nicht nur der Westen, sondern die Erde selbst Inbegriff von Trauma und Rassismus. Und so besang er, eine von ägyptischer Mystik inspirierte Vision von Frieden und Gleichheit abseits der Erde, als die Weltmächte noch verbissen um ihre Vorherrschaft im All und zum Mond rangen. Ra ersetzte das Sklavenschiff (metaphorisch) mit dem Raumschiff. Und rief die ‘Outer Space Employment Agency’ ins Leben, die junge Afroamerikaner tatsächlich davon überzeugen sollte, den Saturn zu besiedeln. “Rising up above what they call liberty and they call equality”, sprach Ra. Frei übersetzt: Wenn Freiheit vorstellbar ist, und sei’s nur auf einem anderen Planeten, so wird sie bereits ein Stück weit realer.

Das Königreich der Korallenmeerinseln

Wie Ra’s Weltallvision oder Blyden’s Zionismus liegt auch der Ursprung des Schwul-Lesbischen Königreichs der Korallenmeerinseln in der Diskriminierung einer Minderheit: Das Königreich wurde 2004 aus Protest gegen die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Ehen in Australien ins Leben gerufen. Auf Cato Island, unweit des australischen Festlands und königliche Hauptstadt, prangt eine Regenbogenflagge. In der Unabhängigkeitserklärung wird die Motivation offensiv benannt: „Homosexuelle haben sich ehrlich und überall bemüht, sich im Sozialleben der sie umgebenden Gemeinschaften einzuordnen (…) noch immer werden wir als Fremde beschrien.”

Heute, wo Staatsgrenzen durch Migration weiter in Frage gestellt werden, erscheinen derartige Zukunftsideen nicht mehr so fremd wie vielleicht noch vor ein paar Jahrzehnten. Im Beispiel Israel/Palästina wird die politische Zuspitzung auf symbolisch überladene Orte wie Jerusalem dieser Tage offensichtlich – der Umzug internationaler Botschaften, allein die der USA, zeigt dies deutlich. Und eine Umsiedlung kritischer Personen der Region an einen anderen, von aus- und inländischen Interessen befreiten Ort, wäre auch durchaus vorstellbar. In einer kleineren Dimension scheint dieser Ort bereits zu existieren: Er heißt Berlin.

Ob die Sezession einer Gruppe der Vision einer vielfältigen Gesellschaft letztlich nicht eher abträglich ist, bleibt zu diskutieren. Doch selbst wenn Wakanda nicht real ist und das Korallenkönigreich nie anerkannt wurde: Freiheit erwächst aus der Fantasie, die solche Orte erst vorstellbar macht.

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