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Foto: Markus Winkler

Foto: Markus Winkler

Menschenhandel im Hipster-Paradies?

Im Sommer berichteten lokale Medien über skandalöse Zustände im Berliner Dong Xuan Center: Von einem Drehpunkt für Schleuserbanden war unter anderem die Rede. Worum ging es genau und wie können Besucher*innen Zivilcourage zeigen? Ein Nachtrag.

Farbenfrohe Gadgets, Deko-Artikel, Spielzeuge, Regenschirme und Töpfe ragen aus den vollgepackten Regalen des Dong Xuan Centers, dem größten Asia-Markt Berlins. In sechs Hallen auf rund 200 Hektar geht es vor allem bunt, aber auch laut und lebhaft zu. Zwischen Supermärkten, Restaurants, Friseuren, Technik-Shops und Nagelstudios gibt es Andrang, Blitzlichtgewitter – und einen schlimmen Verdacht.

Digital Natives auf der Suche nach dem perfekten Insta-Spot in Berlin hat es sicherlich schon mindestens einmal in die Blumenhalle des Dong Xuan Centers gezogen. Fernab der typischen Szeneviertel wird dort im Lichtenberger Industriegebiet fleißig posiert, gepostet und günstig geshoppt.

Der Eingang zum Dong Xuan Center in Lichtenberg, im östlichen Teil Berlins. Foto: Fridolin Freudenfett.

Zwischen Hype und Ermittlungen

Doch es könnte widersprüchlicher nicht sein: Das Herzstück der vietnamesischen Community, welches Locals, Zugezogene und Tourist*innen begeistert, steht im Visier der Ermittler*innen, denn es soll ein Zwischenstopp für Schlepper*innen sein. Seit 2012 gelten in Berlin 474 minderjährige Vietnames*innen als vermisst. Nach rbb-Recherchen sollen unter ihnen Opfer von hochprofessionellen und gut organisierten Schleuserbanden sein, die sie illegal nach Deutschland schafften. Die in Etappen unterteilte Reise soll zwischen 10.000 und 15.000 Euro kosten. Diese Summe müsse wiederum durch Arbeit – etwa im Nagelstudio – und/oder durch das Begehen von Straftaten abgearbeitet werden. Wie die Polizei in Deutschland bestätigt, führt eine Spur ausgerechnet ins Dong Xuan Center – ein Ziel, das Schleuser*innen angeblich immer wieder angesteuert haben.

Unter anderem hörte sich die „BZ“ vor Ort um: Tatsächlich berichtete eine anonyme Quelle der Zeitung von Restaurants, Nagelstudios und Blumengeschäften, in denen illegal eingeschleuste Menschen schwarz zu einem Lohn von maximal vier bis fünf Euro die Stunde für ein schuldenfreies Leben arbeiten. Ob sich die Zwangsarbeit auch in Läden des Dong Xuan Centers abspielt, ist bislang reine Spekulation. Dessen Geschäftsleitung stritt die Gerüchte um kriminelle Machenschaften jedenfalls ab und beteuerte, seit Jahren eng mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Doch die Berichte und Mutmaßungen über die vietnamesische Mafia und Menschenhändler verzerren das Bild vom Berliner Hipster-Paradies. Wer die Schlagzeilen gelesen hat, wird dort wahrscheinlich nicht mehr mit rosaroter Brille durch die Gänge schlendern.

Farbenfrohe Kleidung und Haushaltsartikel ragen aus den vollgepackten Regalen des Dong Xuan Centers, dem größten Asia-Markt Berlins. Foto: Fridolin Freudenfett unter CC BY-SA 3.0.

Nicht wegschauen und Zivilcourage zeigen 

Aber wie kann man als Privatperson reagieren, wenn einem beim Shopping-Trip ein mulmiges Gefühl oder ein schrecklicher Verdacht überkommt? Wir fragten bei der Menschenrechtsorganisation International Justice Mission Deutschland nach, die sich weltweit gegen Sklaverei, Ausbeutung und Menschenhandel einsetzt: „Die Abteilung für Menschenhandel des Landeskriminalamtes ist eine wichtige und gute Anlaufstelle, wenn man einen konkreten Verdacht hegt“, erklärt Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender IJM Deutschland. Allerdings sei es von außen nur schwer zu beurteilen, ob jemand wirklich von Menschenhandel betroffen ist.

Folgende Kriterien könnten Roller zufolge dafür sprechen: „Wenn eine Person sehr isoliert wirkt, lange Arbeitszeiten hat und eine einfache Arbeit verrichtet, für die eventuell auch nur wenige bis keine Sprachkenntnisse nötig sind, ist es wichtig, genauer hinzusehen. Illegale Einwanderung, einfache Arbeitsverhältnisse und günstige Preise können Rückschlüsse auf Menschenhandel geben.“ Zivilcourage bedeutet in solchen Fällen vor allem, nicht die Augen zu verschließen. „Wann immer uns als Verbraucher*innen etwas zu günstig erscheint, sollten wir genauer hinsehen – und bei den Geschäftstreibenden nachfragen. Woher kommen Ihre Arbeiter*innen? Wie werden sie bezahlt? Das setzt wiederum auch ein wichtiges Signal: Wir als Verbraucher*innen sehen genauer hin und fordern faire und gute Arbeitsverhältnisse ein“, fügt Roller hinzu.

Ob sich die Zwangsarbeit auch in Läden des Dong Xuan Centers abspielt, ist bislang reine Spekulation.Foto: Fridolin Freudenfett unter CC BY-SA 3.0.

Unsichtbare Sklaverei in Deutschland

Für uns gilt also: Smartphone weglegen und Augen öffnen – in allen möglichen Situationen, versteht sich. Denn Ausbeutung versteckt sich bekanntlich in den verschiedensten Bereichen des Alltags. Nach Schätzungen des Global Slavery Index arbeiten heutzutage sogar 40,3 Millionen Menschen weltweit als Sklav*innen. Offiziell gibt es sie in Deutschland zwar nicht, doch tatsächlich sollen schätzungsweise 167.000 Menschen hierzulande in moderner Sklaverei leben. Demnach zählen zwei von 1.000 Bürger*innen dazu.

Welchen Zusammenhang es nun letztlich zwischen dem Dong Xuan Center und dem Menschenhandel mit vietnamesischen Minderjährigen gibt, bleibt unklar. Der beliebte Asia-Markt sei jedenfalls „für Schleuser*innen ein Anlaufpunkt, der im Rahmen der Schleusung sporadisch genutzt wird“, bestätigte Polizeisprecher Thilo Cablitz gegenüber dem „rbb“. Berlin selbst sei mittlerweile aber kaum noch ein Zielort, sondern eher ein Zwischenstopp. Für Ermittlungen wegen Gewaltanwendung, Prostitution oder Sklaverei gäbe es aktuell keine Anhaltspunkte. Die Markthallen in Lichtenberg werden also sicherlich auch künftig ein beliebter Hotspot bleiben – aber der Zauber ist momentan verflogen.

Mehr zum Thema unsichtbare Sklaverei in unserem gleichnamigen Kompendium

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