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Foto: Josefin.

Mit FemTech weht ein neuer Wind in der Technologiebranche

Mit FemTech kommen immer mehr smarte Lösungen für die Gesundheit der Frau auf den Markt. Die innovative Auseinandersetzung mit frauenspezifischen Themen wie Menstruation und Schwangerschaft wird von den User*innen gerne angenommen. Somit steigt auch die Bedeutung der Branche für die Wirtschaft. 

Es besteht kein Zweifel, dass der Körper der Frau immer wieder im Rampenlicht landet. Auch, weil er von der Gesellschaft dorthin gerückt wurde. Im Laufe der Zeit hat man daraus unter anderem eine Werbefläche, ja sogar eine Art Markt in unserer Wirtschaft gemacht, aus dem sich in verschiedensten Branchen Profit schlagen lässt. Da ist es fast schon ironisch, dass er nun auch in den Fokus der Tech-Industrie rückt und dort ökonomisch immer bedeutsamer wird. Aber in diesem Fall sind Frauen nicht mehr nur Zuschauer*innen, sondern diejenigen, die selbst den Takt angeben.

Fallen wir mit der Tür direkt ins Haus: FemTech ist die Nische in der Technologie, die den Scheinwerfer mal wieder auf den weiblichen Körper rückt. Genauer gesagt umfasst dieser spezielle Tech-Bereich Produkte, Dienstleistungen, Software und Hardware, die der Frauengesundheit dienen. Bio-Tampons, Menstruationscups und Co. werden hierbei digital vertrieben und vermarktet, wobei manche Produkte eben auch auf fortschrittlichen Technologien aufbauen. Themen wie Menstruation, Fruchtbarkeit und Menopause, die ja schon immer da waren, werden damit nicht nur stärker diskutiert, sondern ganz neu angegangen. Das scheint anzukommen, denn Schätzungen zufolge soll der Wert der FemTech-Branche bis zum Jahr 2025 auf sage und schreibe 48,7 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 40,44 Milliarden Euro) steigen. 

Risikokapital? Noch trauen sich die Investoren nicht richtig 

Rund sieben Jahre ist es her, dass einer der mittlerweile hellsten Sterne am FemTech-Himmel zum ersten Mal erschien. 2013 wurde nämlich die Menstruations-App Clue von der Dänin Ida Tin mitbegründet, die den Begriff FemTech drei Jahre später nicht nur grundlegend geprägt, sondern überhaupt erst hervorgebracht hat. Allein die Namensgebung dieser eigenständigen Branche, die sich ganz deutlich von anderen Technologie-Bereichen abgrenzt und absichtlich nicht für alle gedacht ist, ist schon richtungsweisend. Unfair sei das, mögen manche denken, MaleTech gibt es ja schließlich auch nicht. War aber auch nie nötig, da der männerdominierte Tech-Sektor sowieso auf den Mann als Hauptkonsumenten ausgelegt war. Jetzt ist das erstmals anders. Vielleicht ist das Label „FemTech” genau deswegen noch mit Vorurteilen behaftet und für die einen oder anderen Investoren abschreckend, aber es kann langfristig trotzdem neue Denkweisen eröffnen. Weil der sogenannte „Boys Club” endlich Gesellschaft von mehr Frauen bekommt, die ebenso Teil der technologischen Wende sind. 

Die Menstruations-App Clue zeichnet deinen Zyklus auf, zeigt dir deine fruchtbarsten Tage und kann deine nächste Periode vorhersagen. Foto: Clue.

Damit zurück zu Ida Tins‘ Menstruations-App, die den Zyklus aufzeichnen, die fruchtbarsten Tage identifizieren, die nächste Periode voraussagen und eine Schwangerschaft tracken kann. Der Periodenkalender begeisterte bereits Mitte 2015 rund eine halbe Million User*innen. Das Interesse wuchs und somit auch das wirtschaftliche Potenzial, weswegen das Unternehmen noch im selben Jahr eine Finanzierung von sieben Millionen Dollar (umgerechnet 5,92 Millionen Euro) einheimste. Es sollte nicht das letzte Funding bleiben. Und das in einer Zeit, in der Investitionen rund um FemTech trotz des enormen Marktpotenzials noch eher zurückhaltend waren und weiterhin sind, besonders wenn es um Risikokapital geht. Jenes Investment, das zur Finanzierung und Förderung eines jungen Unternehmens dient, aber ein gewisses Verlustrisiko mit sich bringt, weil ein Scheitern der Firma nicht auszuschließen ist. 

Trotzdem lässt sich schon jetzt ein Trend nach oben erkennen: Laut einer Analyse des SaaS-Unternehmens „Pitchbook” flossen 2008 etwa 23 Millionen Dollar (umgerechnet 19,45 Millionen Euro) in die Branche, zehn Jahre später waren es schon 392 Millionen Dollar (umgerechnet 331,5 Millionen Euro). Dieser Anstieg scheint längst überfällig zu sein, wenn man sich einmal bewusst macht, dass Frauen, die ja die potenzielle Kundinnen sind, knapp die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Und dieser Fakt dürfte auch nicht an den überwiegend männlichen Investoren vorbeigehen, die FemTech-Produkte, möchte ich mal behaupten, nicht ganz so fassen können wie die Zielgruppe selbst. Schlichtweg, weil es sie eben nicht betrifft. „Es ist oft nicht böse gemeint, wenn Männer ihre Kolleginnen, Frauen oder Töchter vorschieben. Doch es ist herabwürdigend”, sagte zum Beispiel Unternehmerin Bettina Hein gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung über die Situation, wenn Geldgeber in Sachen FemTech erst einmal nach Rat und Tat fragen, bevor sie eine Entscheidung treffen. Es braucht also Durchhaltevermögen bei den Macher*innen und Verständnis sowie Bewusstsein auf Investorenseite – mal ganz abgesehen von mehr weiblicher Repräsentation unter den Entscheidungsträger*innen.

Mit dem inne Strip ganz einfach mit Hilfe der dazugehörigen App die eigene Fruchtbarkeit bestimmen lassen. Foto: Inne.

Vom Smart-BH bis hin zum Zyklus-Tracker – FemTech im Überblick

Geht man nach den Prognosen, hat FemTech durchaus das Potenzial, nachhaltig zu wachsen. Was es für mich, und da bin ich sicherlich nicht alleine, außerdem so bedeutend macht, ist der Mehrwert, den ich als Frau bekomme – Innovation bei wichtigen und vor allem natürlichen Themen, die in der Vergangenheit entweder tabuisiert wurden, mit Scham behaftet waren oder einfach keinen Anklang in der öffentlichen Diskussion fanden. 2021 soll zum Beispiel ein smarter BH gelauncht werden, der Krebserkrankungen frühzeitig erkennen soll. Entwickelt wurde er von Student*innen der ETH Lausanne, die hierbei mit Ultraschallwellen und erneuerbarer Energie arbeiteten. Ihre Erfindung kam so gut an, dass sie jetzt mit einem Unternehmen an der Vermarktung arbeiten. 

Schaut man sich in der FemTech-Branche um, gibt es noch viele weitere interessante Startups, die die Lösungen von morgen bieten. Die App von Natural Cycles hat zum Beispiel die Temperatur-Verhütung digitalisiert, bei der der Zyklus der Frau anhand der Körpertemperatur bestimmt und (weniger) fruchtbare Tage angezeigt werden. Bloomlife ist hingegen unterstützend während der Schwangerschaft und lässt die User*innen mit Hilfe eines digitalen Monitors ihre Wehen überwachen, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Spannend ist auch das Berliner Unternehmen Femna Health, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, über Hormone aufzuklären und hierfür Tests für zuhause anbietet. Außerdem gibt es online die Möglichkeit einer ganzheitlichen Beratung von verschiedenen Expert*innen via Videocall – egal ob es um PMS, Darmgesundheit oder das Immunsystem geht.

Gründerin Maxie (links) ermöglicht mit Femna unter anderem eine ganzheitlichen Beratung durch verschiedene Expert*innen via Videocall. Foto: Femna.

Moderne Selbstbestimmung dank App & Minilab

Ebenfalls aus Berlin ist das FemTech-Unternehmen inne, das uns eine neue Art der Fruchtbarkeitsbestimmung bringt und damit Female Health neu denken will. Weg von der Einnahme oder Einführung künstlich hergestellter Hormone, die den eigenen Zyklus durcheinanderbringen können, hin zur Selbstbestimmung. Frauen sollen nämlich dank des sogenannten „Minilabs” und einer dazugehörigen App die Möglichkeit bekommen, Informationen aus ihrem Körper selbst zu auszulesen. Genauer gesagt wird das körpereigene Hormon Progesteron unter die Lupe genommen. In einer Pressemitteilung des Start-ups wird beschrieben, dass dieses für die Lutealphase, also die zweite Hälfte des weiblichen Zyklus, eine wesentliche Rolle spielt. Das Hormon bereitet die Gebärmutter für eine mögliche Schwangerschaft vor und sorgt für deren Aufrechterhaltung. Progesteron steigt nach dem Eisprung, aber die Werte sinken bis zur Menstruation, wenn es zu keiner Befruchtung kommt. Dementsprechend misst das inne-System über mehrere Zyklen den Gehalt des Hormons im Speichel, um dadurch Trends zu ermitteln und fruchtbare von unfruchtbaren Tagen zu unterscheiden. Der Vorteil: Die Methode ist unabhängig von schwankenden Temperaturmessungen, Urinproben oder Stichprobenuntersuchungen. 

Mehr als drei Jahre lang wurde das Minilab immer wieder weiterentwickelt. „Das anfängliche Ideal war es, die beste Technologie zur zuverlässigen und einfachen Messung von Hormonen zu Hause zu nutzen, damit mehr Frauen natürliche Verhütungsmittel verwenden können”, erzählt die griechische Gründerin, mittlerweile Wahlberlinerin und CEO, Eirini Rapti im Gespräch mit Qiio. „Diese frühe Idee entstand aus meiner eigenen Erfahrung mit der Temperaturmethode. Ich habe Ende 2015 mit der natürlichen Verhütung begonnen und die Vorteile, die sie für mein eigenes Selbstbewusstsein und mein Wissen über meinen Körper mit sich brachte, waren immens, ebenso wie die Intimität, die sie in meine Beziehung brachte. Ich erkannte jedoch, dass die Temperaturmethode nicht für jede Frau geeignet ist, und wollte noch tiefer gehen, um nicht nur die Temperatur, sondern auch die Hormone zu messen – der wahre Grund, warum sich die Temperatur während des Menstruationszyklus verändert.”

Frauen sollen nämlich dank des sogenannten „Minilabs” von inne und einer dazugehörigen App die Möglichkeit bekommen, Informationen aus ihrem Körper selbst zu auszulesen. Foto: Inne.

Wenn Frauen den eigenen Körper verstehen lernen

Mit dieser Innovation will inne Frauen dazu ermutigen, sich mit dem eigenen Körper bewusster auseinanderzusetzen und ihn besser zu verstehen – egal, ob sie schwanger werden oder verhüten wollen oder womöglich hormonelle Begleiterscheinungen wie Akne, Haarausfall und Stimmungsschwankungen nachvollziehen möchten. Und genau darin steckt für mich das enorme Potenzial der Digitalisierung und Technologisierung von Lösungen für die Frauengesundheit: Es geht darum, Bedürfnisse fortschrittlich zu befriedigen, weiterzudenken und Kund*innen zu ermöglichen, nachhaltig und zu ihrem eigenen Wohl mitzulernen. Auch Eirini Rapti glaubt fest an ihre Branche, die sich ja, wie bereits erwähnt, durch die Namensgebung ganz klar abkapselt: „Ich finde, dass FemTech ein toller Begriff ist, der eine sehr wichtige Rolle dabei gespielt hat, die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Start-ups zu lenken, die sich sehr bemühten, Geld zu beschaffen und Innovationen auf einem unterversorgten Markt, dem der weiblichen Gesundheit, einzuführen. FemTech hat dazu beigetragen, den Markt für Investoren zu konkretisieren und Unternehmen geholfen, sich einander anzunähern und voneinander zu lernen. Insgesamt glaube ich, dass es wichtig ist, Innovationen, die der weiblichen Gesundheit dienen, auf den Radar von Investoren zu bringen.”

Wird der Körper der Frau dadurch erneut zum Markt? Vielleicht. Aber er kann von der Wirtschaftlichkeit in dem Fall nur profitieren. Endlich wird für Frauen mehr geforscht und entwickelt, endlich wird lautstark aufgeklärt, sichtbar gemacht und für wichtige Themen, die Frauen betreffen, sensibilisiert. FemTech und das Wachstum der Branche werden ein stärkeres Bewusstsein mit sich bringen und den Alltag von Frauen an vielen Stellen erleichtern. Also bitte mehr davon!

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