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Schafft die Gig Economy ein neues Prekariat?

Für die einen ist die Gig Economy der Schlüssel zur Arbeit der Zukunft: vielseitig, unabhängig, digital und selbstbestimmt. In den Augen der anderen schaffen die meist über Apps bestellten Dienstleistungen, welche die Gig Economy ausmachen, ein neues Prekariat. Und wir alle unterstützen diese Entwicklung tatkräftig.

Jeden Abend nach der Arbeit fährt Erik mit seinem VW Golf durch die Straßen Berlins. Sein Smartphone weist ihm den Weg und zeigt ihm an, wo er jene E-Scooter findet, die er dann einladen und anschließend in seine Wohnung im dritten Stock schleppen wird. Die ganze Nacht über werden die Batterien der Roller an allen verfügbaren Steckdosen in Eriks Einzimmerwohnung geladen und tauchen dabei den Raum in rotes Licht.

Pro aufgeladenem Roller erhält Erik im Schnitt vier Euro vom Verleiher. Aber nur, wenn die Akkus auch wirklich vollständig geladen wurden und sämtliche Scooter pünktlich zur festgelegten Stunde in Reih und Glied aufgestellt auf ihre Nutzer warten.

Erik ist ein Juicer – und sein Beruf der neueste Streich der Gig Economy, deren Modell darauf basiert, dass Menschen ihren Lebensunterhalt mit vielen kleinen Freelancer-Jobs bestreiten. „Der Gipfel des digitalen Kapitalismus!“, schreien die einen. Für die anderen jedoch ist die Gig Economy der prophezeite Befreiungsschlag vom veralteten Arbeitsmodell. Doch kann ein Beschäftigungszweig, dessen Daseinsberechtigung auf dem Prinzip der Dienstleistung beruht – die wiederum mittels weniger Swipes auf dem Smartphone in Anspruch genommen wird – wirklich als Befreiungsschlag der „digitalen Bohème“ bezeichnet werden?

Das Modell der Gig Economy basiert darauf, dass Menschen ihren Lebensunterhalt mit vielen kleinen Freelancer-Jobs bestreiten. Foto: Austin Distel.

Selbstbestimmt oder App-gelenkt von der Realität?

Welche Anreize bietet die Arbeit in der Gig Economy? Für viele ist es vor allem die Möglichkeit, den eigenen Arbeitsalltag vielseitig und vor allem frei zu gestalten. Gleichzeitig ist unser System nicht auf diese Art von Beschäftigung ausgelegt und eine finanzielle Absicherung im Alter ist für Juicer eher unwahrscheinlich. Wird immer stärker mit klassischen Beschäftigungskonzepten gebrochen und ein Wandel angestoßen? Kann ein Berufsfeld, das ausschließlich dank Apps existiert, in einem Land funktionieren, in dem noch immer kein flächendeckendes Internet verfügbar ist? Wer ist am Zug? Eine regulierende Regierung, die dafür sorgt, dass auch Beschäftigte in der Gig Economy ihre Sicherheit nicht ihrer Freiheit opfern? Oder die Konsumenten, die diese Dienstleistungen zu Dumpingpreisen ohne schlechtes Gewissen in Anspruch nehmen?

Die Juicer der deutschen Großstädte, deren Berufsfeld es in Deutschland im Prinzip erst seit der Erlaubnis von E-Scootern im Mai gibt, sind vielleicht das jüngste und bis dato absurdeste Beispiel eines Arbeitsmarkts, der sich in der digitalen Welt immer kleinteiliger und undurchsichtiger gestaltet. Die Zeiten, in denen man unter Gig Economy ausschließlich das Ausfahren von Essen oder die Beförderung von Menschen verstand, sind vorbei.

Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, warum dein Carsharing-Auto immer geputzt, aufgetankt und nur wenige Straßen weiter bereitsteht? Firmen wie CleenUp stellen Anbietern wie etwa DriveNow ihr Netzwerk an freien Mitarbeitern zur Verfügung. Diese sorgen dann – von einer Art Commander-Bridge orchestriert – dafür, dass die kleinen Mietwagen nicht nur gleichmäßig über das gesamte Stadtgebiet verteilt verfügbar sind, sondern reinigen sie auch, füllen Kühlwasser nach, prüfen den Reifendruck und betanken sie.

Die neuen Entwicklungen der Freelance-Arbeit von mehreren freien Jobs hin zu kleinteiligen Dienstleistungen fördern in jedem Fall das Leben von der Hand in den Mund. Foto: Thought Catalog

Vor zwei Jahren übernahm Ikea einen der Pioniere in Sachen Gig Economy: Der schwedische Möbelgigant kaufte das Onlineportal Taskrabbit, auf dem von der Putzhilfe bis zur helfenden Hand für den neu gekauften Kleiderschrank jegliche Dienstleistung innerhalb der eigenen vier Wände gebucht werden kann. Mit einem gewissen Humor bewarb Ikea diese Übernahme dann auch damit, dass man nun das neu gekaufte Billy-Regal nicht einmal mehr selbst zusammenbauen müsse. Hier erhalten die Kunden den 360-Grad-Service – outgesourct auf freie Mitarbeiter, denen gegenüber Ikea als Unternehmen oder gar Arbeitgeber in keiner Weise verpflichtet ist.

Der schwindenden Mittelschicht ein Gefühl von Oberschicht geben

Es scheint, als würde die Gig Economy dazu beitragen, dass Menschen mit etwas mehr Geld keinen Finger mehr krumm machen müssen. Dabei ist der Ursprung dieser Art von Beschäftigung alles andere als dienstleistungsorientiert: Einst stand hinter der Gig Economy die Idee, durch viele kleine Tätigkeiten und mit Einfallsreichtum immer neue Betätigungsfelder zu erschließen und die breit gefächerten Fähigkeiten der Arbeitenden sinnvoll einzusetzen.

Der Beruf (wenn man es überhaupt so bezeichnen möchte) des Juicers mutet gerade deshalb derart prekär an, weil die Idee so absurd ist. Handwerker, Tankwarte, Putzhilfen und sogar Menschen, die einem dabei helfen, ein Möbelstück aufzubauen, sind greifbare Dienstleister. Juicer wirken dagegen wie Geister, die tätig werden, wenn die Welt schläft.

Sicherheiten gibt es für diese Geister, die nachts die E-Scooter von Deutschlands Straßen pflücken, keine. Weder finanziell noch sozial übernehmen Firmen wie Lime Verantwortung. Fällt einer aus, rückt direkt der nächste nach – von Gewerkschaften oder Tariflöhnen kann man hier lange träumen. Die Gig Economy kennt keine Teams oder Kollegen, hier arbeitet jeder für sich. Eine Stimme zu finden, die gehört wird, fällt da auch Juicern schwer. Sie sind die sprichwörtlichen Heinzelmännchen unserer Gesellschaft – mit dem einzigen Unterschied, dass sie nicht verschwinden, wenn wir sie beim Verrichten ihrer Arbeit „ertappen“.

Ein Juicer ist dafür verantwortlich, entladene E-Roller bei sich zu Hause wieder aufzuladen und am nächsten Morgen in Reih und Glied aufzustellen. Foto: Eduardo Alvarado.

Erschaffen wir uns ein neues Prekariat?

Juicer und Cleener sind das neue Prekariat, das einer schwindenden Mittelschicht mit absurden Mini-Dienstleistungen für wenig Geld das Gefühl von ein bisschen Oberschicht gibt. Als Heilsbringer von Selbstbestimmung und Freiheit von den Fesseln eines Nine-to-five-Jobs in einem Arbeits- und Finanzsystem, das mit der rasend voranschreitenden Digitalisierung und all den neuen Jobs nicht mithalten kann, darf man die Regalaufbauer und Uber-Fahrer nun wirklich nicht bezeichnen.

Die neuen Entwicklungen der Freelance-Arbeit von mehreren freien Jobs hin zu kleinteiligen Dienstleistungen fördern in jedem Fall das berühmte Leben von der Hand in den Mund: Von Rentenvorsorge, Arbeitslosenschutz oder gar finanzieller Absicherung durch Fonds braucht man bei vier Euro pro E-Scooter oder sechs Euro pro gereinigtem Carsharing-Auto noch nicht mal träumen. Freiheit hat ihren Preis – und wie frei ist man am Ende wirklich, wenn man die Stechuhr im Betrieb gegen ein Leben tauscht, in dem Google Maps und andere Apps uns diktieren, wo wir den nächsten Euro finden?

Erik, den es in Wirklichkeit nicht gibt (in gewisser Weise aber schon), spielt derweil auch diese Nacht wieder Tetris mit den Rollern in seinem Mietwagen – damit sie für uns in Reih und Glied und mit aufgeladenem Akku am frühen Morgen bereitstehen.

Mehr zu diesem Thema gibt es in unserem Kompendium Gig Economy.

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