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Foto: @speckfechta

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Vom Erlebnishunger zur Sinnsuche – der Experience Economy steht ein Wandel bevor

Kürzlich noch jagten wir Erlebnisse, heute suchen wir den inneren Wandel. Durch die häusliche Isolation, die zur Eindämmung der Corona-Krise angemessen ist, werden viele Alltagsgewohnheiten überdacht. In der Hoffnung auf eine große Veränderung gaben wir bisher für Reisen, Workouts und Abendessen absurde Beträge aus. Doch dieser Trend scheint sich gerade zu verändern. Ob wir wollen oder nicht. 

1999 sagten Joseph Pine und James Gilmore in ihrem viel beachteten Buch „The Experience Economy“ voraus, dass die Nachfrage nach Erlebnissen zukünftig massiv steigen wird. Konsumenten seien bereit, für besondere Momente hohe Summen zu zahlen. Die Experience Economy löse eine Wirtschaftslogik ab, die auf die Vermarktung von Einheitsprodukten und Services abzielte. 

Aktuelle Statistiken geben Pine und Gilmore recht: In einer Umfrage von Eventbrite, die Vermarktungsplattform für Veranstaltungen, sagten 78 % der Millennials, sie würden eher Geld in ein Erlebnis als in ein Produkt investieren. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, immerhin macht der Auftraggeber der Studie sein Geld mit dem Verkauf von Erlebnissen. 

Die Umverteilung von Ausgaben wird aber auch von unabhängigen Quellen bestätigt. Zwischen 2014 und 2016, so McKinsey, stiegen die Konsumausgaben für Restaurantbesuche, Erlebnisparks, Konzerte, aber auch für Reisen allgemein fast viermal so schnell wie jene für Waren, und das nicht nur bei den Millennials. Temporäre Erlebnisse werden wichtiger als langfristiger Besitz. In einer Zeit, die uns Minimalismus à la less is more predigt und in der wir mit Scham den Flieger besteigen, boomt die Wirtschaft mit besonderen Augenblicken. Es wandelt sich aber auch, was wir von unseren Erlebnissen erwarten.

Zwischen 2014 und 2016, so McKinsey, stiegen die Konsumausgaben für Restaurantbesuche, Erlebnisparks, Konzerte, aber auch für Reisen allgemein fast viermal so schnell wie jene für Waren, und das nicht nur bei den Millennials. Foto: Ian Dooley.

Dabei sein ist alles – über den Wert der Erinnerung

Das Erinnern ist ein bedeutender Faktor in der Experience Economy, denn Studien der Cornell University zeigen, dass die Wertschätzung für ein Erlebnis immer weiter wächst. Das liege daran, dass wir Erlebtes auch noch Jahre später auf neue Weise positiv interpretieren. Wir alle kennen diese aufgewärmte Euphorie, eine Art Nachfreude als Gegenstück zur Vorfreude: Sie lebt auch noch zwei Jahre nach der Blockbuster-Show von Jay Z und Beyoncé in mir. Unvergessen auch die stürmische Kanutour durch einen Fjord in Neuseeland vor zehn Jahren. In Erinnerungen schwelgend, erwischen wir uns beim Klick auf den Kaufen-Button, der uns beste Unterhaltung mit Comedian Dave Chappelle für 99 Euro bescheren soll. Fast hundert Euro für einen einzelnen Mann, mit einem Mikrofon, wenn auch mit scharfem Verstand und spitzer Zunge. Auf Netflix gibt es ihn und einiges mehr für unter zehn Euro monatlich. Für weniger als zehn Euro könnten wir auf Netflix um die Welt reisen und in die Sterneküchen spitzeln, aber wir greifen für das „Echte” tief in die Tasche. Dabei sein ist alles. 

Du bist, was du erlebst: Erlebnisse als identitätsstiftender Akt  

Erlebnisse werden Teil unserer Identität und fördern unsere sozialen Beziehungen. Über die Hälfte aller Befragten der Eventbrite-Studie glauben, dass die Teilnahme an einem Live Event sie wieder in Verbindung mit anderen Menschen, Communities und der Welt bringt. Einfach nur dabei sein reicht aber nicht: Das Handy muss natürlich mit. Wir dokumentieren, um zu erinnern. Videos und Bilder persönlicher Freizeit-Highlights füttern uns, wenn der Alltag nicht genug Dopamin liefert. Zugleich ziehen wir aus dem digitalen Teilen eines Erlebnisses Bestätigung, also positive Emotion in Form von Likes und Kommentaren: Klicks, die die ausgegebenen Euros emotional aufwiegen. Wir nutzen Erlebtes, um uns aufzuwerten, als Material für unsere Selbstdarstellung.   

Videos und Bilder persönlicher Freizeit-Highlights füttern uns, wenn der Alltag nicht genug Dopamin liefert. Foto: Quinn Nietfeld.

Nichtstun als antikapitalistischer Akt

In der Attention Economy, so Jenny Odell, Autorin des Buches „How to do nothing“, unterwerfen wir uns einem Regime, das ständige Produktivität verlangt. Der Kult um das Individuum habe uns dazu gebracht, unsere persönliche Marke aus professionellen Erfahrungen und privaten Interessen zu kreieren. Und so teilen wir vom beruflichen Panel-Auftritt, zum Festivalbesuch bis zum privaten Workout alles, was unseren Wert definiert. Odell appelliert an den Leser, sich dagegen aufzulehnen. In einer Zeit, in der jeder Augenblick einen Zweck zu erfüllen hat, wird das Nichtstun zum antikapitalistischen Akt. „Surviving usefulness“ sei das, worum es geht: ein Entkommen vom ständigen Leistungszwang. Eine ähnliche Agenda verfolgt die geplante Abschaffung sichtbarer Likes auf Instagram, das Vorzeigeunternehmen der Attention Economy. „Wir möchten,” so Instagram, dass eure Follower sich darauf konzentrieren, was ihr teilt, und nicht darauf, wie viele Likes dieser Post bekommt.” Eine Maßnahme, die die Attention Economy ganz schön ins Stolpern bringt. Und spätestens, wenn die Bestätigung von außen nicht mehr unseren Wert definiert, fangen wir an nachzudenken: Was bedeutet dieser abstrakte Wert überhaupt für mich persönlich? 

Change me! Die ewige Jagd nach transformierenden Momenten 

Die Bedeutung von Lebensqualität ändert sich mit der Zeit. Was sie aktuell ausmacht, dazu hat Odell eine klare Idee: Statt mit Virtual Reality-Brillen in andere Realitäten zu reisen, sollten wir mit Augmented Reality-Apps das Hier und Jetzt erweitern. Der Zustand der „placefulness“, eine Art Bewusstsein für das Hier und Jetzt, ist ein verkümmerter – in einer Zeit, in der Social Media geografische Grenzen ausblendet. Durch diverse technologische Möglichkeiten können wir zeitgleich an verschiedenen Orten sein. Wir können uns per Livestreams bei Events zuschalten – das Boiler Room-Broadcasting zählt wohl zu den Pionieren – oder für uns werden künstliche Welten kreiert, die uns vorgaukeln, wir wären woanders, in einem österreichischen Dorf zum Beispiel, obwohl uns die Karte in China verortet. Parallel zur Inszenierung von Erlebnissen und unserer Person wurden in den letzten Jahren diverse Services und Produkte geschaffen, bei denen einsteigen aussteigen bedeutet: Angebote für den kontrollierten Eskapismus

Parallel zur Inszenierung von Erlebnissen und unserer Person wurden in den letzten Jahren diverse Services und Produkte geschaffen, bei denen einsteigen aussteigen bedeutet: Angebote für den kontrollierten Eskapismus. Foto: Manuel Meurisse.

Reise als Sinnsuche

Der neueste Trend Transformational Travel nährt den Hunger nach dem „Echten”. Transformational Travel steht für die Erwartung, Erlebnisse müssten unser Leben verändern. Es bedeutet, Zeit für das Unerwartete zu schaffen, ein regeneratives Wellnessprogramm zu genießen und über die lokale Flora und Fauna zu lernen. Im Mittelpunkt steht das Ich und die Aufwertung unserer Person: „Change me!“, wie Pine und Gilmore das gewandelte Konsumenteninteresse von der Experience zur Transformational Economy zusammenfassen. Airbnb vergibt bis zum 18. Februar fünf Sabbaticals in die Bahamas zum Beispiel, wo sich die Teilnehmer über einen Zeitraum von acht Wochen für verschiedene Kultur- und Naturprojekte engagieren dürfen. In der Pressemitteilung heißt es: „Die Teilnehmer können nach dem Ende der zwei Monate stolz darauf zurückblicken, Hand in Hand mit engagierten Bahamaern an Projekten mitgewirkt zu haben, die den Grundstein für nachhaltige Entwicklung legen, sodass künftige Generationen wirtschaftlich davon profitieren können.” Ein perfektes Beispiel für Transformational Travel, wo der Reisende sich weiterentwickelt, das Land davon profitiert und die von Gentrifizierungsvorwürfen angeschlagene Marke Airbnb ein bisschen Imagepflege betreiben kann. Transformation für alle, quasi!

Transformation zum Teilen – ist das die Zukunft? 

Fakt ist: Viele Menschen suchen heutzutage in Erlebnissen nicht mehr nur das schnelle Glück. Der Wunsch nach Transformation ist vor allem der Wunsch, emotional berührt zu werden. Die Experience Economy unterhielt uns zuletzt mit immer noch tolleren, ausgefalleneren Spektakeln; die Attention Economy hat uns den Umgang damit – Like! – gelehrt. Die Transformation Economy ist der Versuch, wieder Ruhe und Authentizität ins Leben zu bringen. Das Ich steht wieder im Mittelpunkt und wir begeben uns auf den Weg der Selbstverwirklichung. Doch so sehr wir nach Ausstieg und Me Time streben, können wir nicht ablegen, was uns die digitalen Medien anerzogen haben. Es dauert, neu zu lernen, im Hier und Jetzt zu sein und „nichts tun” genug sein zu lassen. Bis es soweit ist, dokumentieren wir das Schweigekloster – trotz Fotoverbot – und zeigen unseren Freunden, dass sich die 8.000 Dollar für ein fünftägiges Safari-Camp gelohnt haben. Und das ist okay. Für den Übergang. Immerhin geht es um eine Transformation und die kann man nicht buchen.  

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