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Von Courtship zu Catfish – Auf Partnerjagd mit geklautem Ich

Social Media-Plattformen bieten heute eine noch nie dagewesene Freiheit der Selbstreproduktion. Was aber, wenn andere Identitäten viel interessanter sind als die Eigene? In den USA erlebt gerade der Trend des Catfishing eine bedenkliche Renaissance.

Auf YouTube finden sich eine Vielzahl von Videos, in denen jemand mit einem gefakten Tinder-Profil andere Benutzer der App hinters Licht führt. Teilweise mit mehreren Millionen Views. Ein bedenklicher Trend, der momentan besonders in den USA unter Teenagern als Zeitvertreib zu beobachten ist, nennt sich Catfishing. Dieser Begriff meint nichts anderes als die Annahme einer falschen Identität mit zuvor online gesammelten Bildern. Die Timelines der hippen Influencer werden zur Leihbibliothek einer neuen, falschen Identität, mit der besonders der Kontakt zu Unwissenden gesucht werden kann.

Screenshot Youtube

Designer-Identität – kaum getragen

Dating-Apps und ihre Gamification haben dazu geführt, dass die Menschen oberflächlicher entscheiden, wenn es darum geht, einen potenziellen Partner auszumachen. Optik und Anziehungskraft, die Kleidung, das Posing werden abgeglichen, in Sekundenschnelle wird die Entscheidung dafür oder dagegen mit einer Wischgeste besiegelt. Die anhaltende Flut von Bildern stammt von anonymen, unkonkreten Identitäten. Mehr und mehr schwindet das Bewusstsein dafür, dass sich dahinter durchaus echte Menschen verbergen. Die Grenzen zwischen privatem Account und Werbevehikel verschwimmen ohnehin zusehends. Ganze Identitäten, mit saisonalen Outfits bestückt, fast wie die Papier-Anziehpuppe aus Omas Zeiten, sind nur eine Hashtag-Suche weit entfernt. Ein Influencer-Account dient vielen als Inspirationsquelle für den eigenen Look, das eigene Leben. Für diejenigen, die entweder nicht zu den vermeintlichen Gewinnern der genetischen Lotterie gehören oder zu schüchtern sind, sich im Internet selbst darzustellen, sind diese Profile eine Art Sehnsuchtsquelle. Leider bieten sie mit der öffentlichen digitalen Identität auch eine Chance auf Betrug. Zum Beispiel für die YouTuber, die mit dem Missbrauch fremder Bilder viralen Content produzieren.

Anna von Kleve. Bild: Hans Holbein der Jüngere – Web Gallery of Art

Catfishing ist bei Weitem kein Phänomen der Post-Postmoderne: Der Legende nach gab der König von England, Henry VIII., im Jahr 1539 ein Portrait in Auftrag, um die Schönheit seiner potenziellen Braut Anna von Kleve besser beurteilen zu können. Das Portrait gefiel, der Heiratsvertrag wurde unterzeichnet und Anna reiste zum Hof. Kurze Zeit nach ihrer Ankunft wurde die Ehe für nichtig erklärt: Henry fand keinen Gefallen an Anna, ihr Portrait war zu ihrem Vorteil geschönt worden. Das im Jahr 1879 von Edmond Rostand verfasste Theaterstück Cyrano de Bergerac, erzählt die Geschichte des Titelhelden Cyrano de Bergerac, der die Unsicherheit über seine große Nase gegenüber seiner Angebeteten hinter schwärmerischen Briefen und einem falschen Namen versteckt. Auch diese Geschichten erzählt von dem Betrug mit der eigenen Identität die durch Medien (Briefe, Gemälde) ermöglicht wurde.

Spielplatz der Eitelkeiten

Social Media-Plattformen werden zum (Rollen-)Spielplatz einer ganzen Generation. Die MTV-Show Catfish geht Menschen nach, die falsche Identitäten verwenden und damit Beziehungen und Bindungen im Internet eingehen. Was zählt, ist der Reiz der Erfahrung, die Emotionen des Gegenübers werden nicht berücksichtigt. Dank der räumlichen Distanz, ist das Spiel mit den Gefühlen eines anderen Menschen auch ein leichtes, die rein digitale Verbindung macht das Spiel abstrakt. Die Bilder sind unecht, die Gefühle – zumindest eines der beiden Partner – sind es nicht.

Wie kann es aber sein, dass ein Teil der Generation, die sich der Realität des #metoo-Hashtag durchaus bewusst ist und für die die Kultur der Zustimmung, auch Consent Culture, kein abstraktes Konzept darstellt, sich dem Catfishing als Zeitvertreib bedient? Es scheint fast so als ob der Filter dafür, wann Grenzen und Persönlichkeitsrechte im digitalen Raum überschritten und missachtet werden, nicht existiert. Denn, trotz hoher Klickzahlen und Lacher, sollte man sich nichts vormachen: Catfishing ist eine Form von Gewalt an einem nichtsahnenden Individuum, kein eigener Straftatbestand, aber eine Möglichkeit für subtile, digitale Gewalt. Doch auch die (häufig) unwissentlich betroffenen User, deren Bilder gestohlen und für missbräuchliche Zwecke verwendet werden, erfahren Gewalt: Schließlich verlieren sie die Kontrolle über das eigene Aussehen, ihr eigenes Leben.

Hinter jedem Profil in den Sozialen Medien steckt ein Mensch, der für seine eigenen Angaben verantwortlich ist. Foto: Alexa Suter

Das ahnungslose Gegenüber wird von dem Catfish für die eigene Selbst- und Fremderfahrung genutzt. Sollten sich echte Gefühle entwickeln oder es zu Begegnungen kommen, sind tiefe Verletzungen und Enttäuschungen unausweichlich. Hierbei handelt es sich nicht nur um ein gefährliches Spiel, sondern auch um eine Verletzung der Persönlichkeits- und Urheberrechte anderer.

Über-Belichtung

Die Wissenschaft beschäftigt sich vor allem mit der Frage, welches Verhältnis die Millennials eigentlich zur Wahrheit haben: Laut einer Studie glauben nur 19 % der zwischen den 1980er und 2000er Jahre geborenen daran, dass man den meisten Menschen trauen kann. Generell zeigt sich in der Altersgruppe der 18-33-Jährigen, dass sie zunehmend weniger Vertrauen in Bilder, Medien und Mitmenschen haben, dennoch sieht sich diese stark miteinander vernetzte Generation Bildern wesentlich mehr ausgesetzt, als noch Generationen zuvor.

Nichtsdestoweniger ist eines klar: Das Zeitalter der Fake News und der einfach manipulierten Bilder entschuldigt nicht den Missbrauch fremder Fotos als Zeitvertreib. Das Ökosystem von Social Media-Plattformen, trotz all der zu Recht geäußerten Kritik, bietet eine nie dagewesene Möglichkeit für Individuen, sich mit Fremden zu vernetzen. Diese Verbindung genießt eine stille, einvernehmlich getroffene Vertrauensbasis. Diese ist allerdings fragil, denn sie wird durch Catfishing und ähnliche „Scherze“ grundlegend zerstört.

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