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Foto: Canel Ataman

Zwischen Moschee und Minirock – Interview mit Model Canel Ataman

Das deutsch-türkische Model Canel Ataman hat in einem Selbstversuch aufgehört, für einen Monat ihre Körperhaare zu entfernen. Für sie selbst war das Experiment eine Befreiung, für ihre Follower hingegen ein Grund, ihr Hassnachrichten zu schreiben. Mit Qiio hat sie über ihre Erfahrung und das Tabu von Körperhaaren bei Frauen gesprochen.

Wann hast du angefangen, dich nicht mehr zu rasieren?

Meine Augenbraue steht seit 2019. Aber da war ich noch lange nicht so selbstbewusst, dass ich den Rest meiner Körperbehaarung stehenlassen konnte. Diese hab ich noch ganz penibel weiter entfernt. Bis ich dann im Februar diesen Jahres auf die Idee kam, meine Körperbehaarung doch einfach mal komplett stehenzulassen. Da gab es diese Haarmony Challenge auf Instagram sich einen Monat lang nicht zu rasieren. Da dachte ich mir: Wir sind im Lockdown, es war kalt zu der Zeit, es gibt also eh kaum Leute, die sehen, wie meine haarigen Beine durch die Welt stolzieren. Aber auch nachdem die Challenge vorbei war, habe ich nicht sofort zum Rasierer gegriffen. Ich nehme mir auch immer wieder vor, mich zu rasieren, aber ich habe da gar keinen Nerv mehr drauf. Es ist einfach keine Notwendigkeit mehr in meinem Leben. Mein Freund hat absolut gar kein Problem damit, sonst wäre ich ja auch nicht ihm zusammen. Aber auch mein Freundeskreis hat mehr Akzeptanz entwickelt. Früher habe ich oft auch von Freunden dumme Sprüche bekommen, aber das ist jetzt gar nicht mehr so. Deswegen bin ich da sehr selbstbewusst.

Und was hat dich dazu bewogen, Bilder oder Videos davon auf Instagram zu teilen?

Durch meine Erfahrung mit Instagram habe ich sehr früh gelernt, dass das, was ich tue, vielen Frauen und jüngeren Leuten auch etwas gibt. Sei es Selbstsicherheit, Ermutigung oder Inspiration. Und da dachte ich mir, teile ich einfach mal diese Challenge. Aber dass es so krass durchschlägt und dass es so viele Mädchen erreicht, damit hätte ich tatsächlich nicht gerechnet. Es haben sich hunderte Frauen bei mir gemeldet, die mir jetzt noch ihre Bilder von den kleinen Pelzen auf ihren Beinen schicken, oder die mir erzählen, dass sie nicht mehr so panisch werden, wenn eins von ihren Damenbärtchenhaaren ein bisschen länger ist.

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Leider hast du neben positiven Nachrichten und Applaus auch viel Hass abkriegt, das hast du ja auch gepostet. Warum glaubst du, ist Körperbehaarung bei Frauen so ein starker Trigger für Hate-Nachrichten?

Erstens glaube ich, dass es für Frauen ein Trigger ist, weil die sich selbst gar nicht mit der Thematik auseinandergesetzt haben und einfach diesen gesellschaftlichen Zwängen, diesem „rasieren, rasieren, rasieren“ total nachgehen. Und wenn dann da eine andere Frau auf einmal in deren Blickfeld auftaucht, die diesen Zwängen nicht nachgibt, stößt man eher auf Unverständnis. Und dann fangen die an, einen anzugreifen: „Warum macht die das, was ich nicht kann und auch nicht will?“ Bei den Männern, die mich dann teilweise angegangen sind, war das anders. Da hatte ich das Gefühl: Frauen existieren für diese Typen nur zu deren Befriedigung, damit deren Auge befriedigt wird. Und dann komme ich daher und erfülle nicht alle Erwartungen und dann regen die sich auf. Wie kann es sein, dass eine Frau existiert, nicht, damit sie mir persönlich gefällt, sondern nur, damit sie selbst glücklich ist?

Von wem kam der meiste Hass?

Von Frauen. Aber das kann auch hauptsächlich daran liegen, dass meine Community aus 70 % Frauen besteht. Aber die Typen waren teilweise viel übergriffiger und viel brutaler in ihren Nachrichten. Frauen haben mir dann sowas geschrieben wie „ekelhaft“, „unhygienisch“ oder „du hast Feminismus nicht verstanden“. Was ja absolut surreal ist, diese Aussage ausgerechnet mir an den Kopf zu werfen. Da dachte ich mir auch, wow, hab denen die Definition von Feminismus zurückgeschickt und einfach gar nicht mehr weiter diskutiert. Frauen haben auch Fake-Accounts eröffnet, nachdem ich sie blockiert hatte, um mich weiter zu beleidigen. Männer haben mir dann allerdings Sachen geschrieben wie „wenn ich dein Typ wäre, würde ich dir Schlafmittel einflößen und deinen Körper mit Haarentfernungscreme eincremen“. Da waren viele Gewaltandrohungen…

„Körperbehaarung ist für viele Frauen ein Trigger. Gibt eine Frau den gesellschaftlichen Zwängen nicht nach, stößt man eher auf Unverständnis.” Foto: Canel Ataman

Warum glaubst du, gilt in unserer westlichen Gesellschaft weibliche Körperbehaarung als unhygienisch?

Rein evolutionstechnisch haben unsere Haare ja überall einen Sinn, vor allem im Intimbereich. Weil dort wird mir am meisten unterstellt, dass es unhygienisch sei, behaart zu sein. Aber die Haare schützen uns eigentlich vor Bakterien und anderen Krankheitserregern. Tatsächlich glauben viele Menschen, dass an ihnen durch fehlende Haare auch weniger Schweiß oder Körpergeruch anhaftet. Das wurde aber tatsächlich von Studien widerlegt. Für eine gesunde Körperhygiene sind Duschen und saubere Kleidung entscheidend, nicht die Körperhaare.

Seitdem ich jetzt nicht mehr so penibel rasiere, habe ich viel, viel weniger Probleme als vorher. Juckreiz, eingewachsene Haare, das sind ja auch alles Bakterien, die dann Entzündungen hervorrufen. Das hab ich jetzt alles halt gar nicht mehr. Niemand kann mir sagen, dass es unhygienisch ist, behaart zu sein. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass dieses „Glattrasiert-Sein“ viel schlechter für meine Gesundheit war.

Du hast ja auch eine sehr starke intersektionale Position. Einerseits durch deinen feministischen Aktivismus, andererseits auch durch deine deutsch-türkische Biografie. Glaubst du, dass diese Position die Menschen besonders triggert?

Ja, definitiv. Ich will das nicht immer sofort sagen, weil ich nicht möchte, dass die deutsch-türkischen Beziehungen leiden. Aber hauptsächlich waren es Türkinnen, die auf mich ausgerastet sind. Das finde ich am traurigsten, weil ich mir denke, wir sitzen doch im selben Boot, zwischen Moschee und Minirock, sage ich gerne. Die wissen ja eigentlich am besten, welchen Struggle man durchlebt. Warum fängst du dann an, mich am meisten zu hassen? Die schämen sich unglaublich für ihre Behaarung und kommen dann einfach absolut nicht damit klar, wenn eine andere Türkin da einfach nichts darauf gibt. Ich muss aber auch sagen, dass es sehr, sehr viele türkische Frauen gibt, die sagen: „Danke, dass du das machst. Es braucht mehr von uns.“

„Als ich jünger war, hatten die Jungs mit meiner Behaarung Probleme und je älter ich wurde, einfach gar keiner mehr.” Foto: Canel Ataman

Ich habe, in Vorbereitung auf das Interview, mit Frauen über dieses Thema gesprochen. Viele haben mir gesagt, sie würden auch gerne aufhören sich zu rasieren, haben aber Angst, für Männer nicht mehr attraktiv zu sein.

Das ist sehr interessant. Bei mir war es tatsächlich ein Mann, der mir die Augen geöffnet hat. Ich hatte mal meinen Intimbereich nicht rasiert und meinte: „Sorry, ich hab mich nicht frisch rasiert, tut mir leid“ und er meinte: „Du brauchst dich gar nicht zu entschuldigen. Frisch rasiert und glatt, das sind Kinder für mich. Wir sind erwachsene Menschen, wir haben Haare. Das gehört dazu, das ist Mensch-Sein und das hat alles seine Funktion.“ Und als er das gesagt hat, hat es bei mir klick gemacht. Und ja, er hat recht.

Ich finde es selbst natürlich absurd, dass es ein Mann war, der mir zu dieser Erkenntnis verhalf. Aber darüber habe ich auch mit vielen Freunden im Anschluss gesprochen. Und die sind alle der Ansicht, dass das eigentlich gar nicht so toll ist, wenn Frauen komplett glattrasiert sind. Das ist eher so ein „Junge-Typen-Phänomen“, die noch voll in dieser Pornofilm-Ästhetik hängen. Also eigentlich noch gar nicht so viele sexuelle Kontakte haben, um feststellen zu können, dass jeder irgendwo Haare an seinem Körper hat. Das habe ich auch beim Heranwachsen gelernt. Als ich jünger war, hatten die Jungs damit voll Probleme und je älter ich werde, einfach gar keiner mehr. Ich meine die Typen verlieren auch ab einem gewissen Alter die Haare auf dem Kopf und bekommen mehr auf dem Rücken und auf dem Bauch (lacht).

Das hast du schön gesagt. Glaubst du, man kann Körperbehaarung bei Frauen wieder zum Trend machen, also positiv konnotieren?

Ja, mit Sicherheit. Alleine, wenn wir uns Augenbrauen anschauen. In den 2000ern hatte jede Frau nur so kleine Striche. Jetzt sind buschige Augenbrauen wieder voll im Trend. Damals wärst du von Frauen voll fertig gemacht worden für deine buschigen Augenbrauen und heute ist es eher andersrum. So ist halt alles im Wandel.

„Frisch rasiert und glatt, das sind Kinder für mich. Wir sind erwachsene Menschen, wir haben Haare. Das gehört dazu, das ist Mensch-Sein und das hat alles seine Funktion.“

Hast du das Gefühl, dass du zu diesem Wandel beitragen kannst?

Mir hat letztens eine Bekannte erzählt, wie sie an einem Filmset war und mit einer von den Müttern der Schauspielerinnen gesprochen hat. Die Schauspielerin war um die 18. Ihre Mutter hat erzählt, dass dieses Mädchen auf Instagram irgendwen gefunden hat, eine Türkin, genauso wie sie, die voll cool mit ihrem Körper und  ihren Haaren ist. Und da hat meine Bekannte gesagt: „Kann es sein, dass das Canel war?“ Und die so: „Ja!“ Das finde ich dann super krass, dass so jüngere Mädels irgendwie, einfach nur dadurch, dass ich meinen Weg teile, was mitnehmen. Das finde ich immer so ein bisschen surreal. Dass einfach dadurch, dass ich dokumentiere, was ich tue, andere Leute so viel Positives daraus ziehen können. Aber so ist es eben, ich beschwere mich natürlich nicht. Es ist einfach schön, dass das dann nicht nur bei einer Person aufhört, sondern dass diese Person diese Selbstliebe oder diese Erkenntnisse zu ihrem eigenen Körper dann einfach weiterverbreiten kann.

Du arbeitest ja mittlerweile als Model für große Modelabels. Was schätzen Modehäuser an dir als Typ?

Dass ich super frei Schnauze bin, dass ich auch sehr einzigartig bin. Unique sagen sie dann. Ich hatte so einen Shoot für den online Modehändler „about you“ und ich war bei dem Fitting und meinte „sorry, ich hab‘ meine Beine nicht rasiert, weil ich jetzt gerade noch in dieser Haarmony Challenge bin, die hört aber in zwei Tagen auf, zum Dreh würde ich mich dann rasieren.“ Und alle so: „Nein auf gar keinen Fall! Wir nehmen dich so, wie du bist.“ Und das war für mich eine ganz, ganz krasse Erfahrung, weil ich immer dachte, dass das so richtig verlangt wird als Model, dass du voll glattrasiert am Set auftauchst und die waren so: „Nein, wir buchen dich so, wie du bist und deswegen kommst du dann auch so, wie du bist.“ Und das fand ich eine sehr schöne Erfahrung. Also ich sehe auch, dass das im Wandel ist. Also dass man jetzt nicht irgendein Mädel bucht, das offensichtlich lockige Haare hat und dann kommt sie zum Set und der Stylist macht aus der eine Glatthaarige. Es ist wirklich eher eine Typbuchung mittlerweile und nicht mehr so eine Leinwandbuchung.

Wünschst du dir auch mehr Realität in der Werbung?

Ja, natürlich. Ich finde es einfach so lächerlich, dass in jeder Gillette Werbung glatte Beine rasiert werden. Warum ist das so? Aber was mich noch mehr stört, ist eigentlich, dass in jeder OB- und Bindenwerbung blaue Flüssigkeit da rein getropft wird, als ob blaue Flüssigkeit aus mir läuft.

Absurd, dass Werbung so gemacht wird, damit Männer sich nicht angeekelt fühlen. Und das für ein Frauenprodukt.

Ja, genau das meine ich. Das ist so surreal. Dieses Produkt ist doch gar nicht für Männer. Aber wenn die Männer das dann im Fernseher sehen, fühlen sie sich anscheinend angegriffen, wenn sie da Blut sehen. Oh Gott, nein, Frauen haben nicht ihre Tage.

Was würdest du gerne jungen Frauen mitgeben?

Ich wünsche allen weiblich Personen, die das hier lesen, dass sie all die Kraft und all die Selbstsicherheit, die sie für ihr Leben wollen und brauchen, schöpfen können. Und dafür brauchst du halt erst mal ein gutes Umfeld um dich rum, ein gutes Verhältnis zu deinem eigenen Körper.

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