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Bequem ist anders – diese Sitzgelegenheit in Downtown Los Angeles wurde nicht zum Schlafen gestaltet. Foto: Tyler Nix.

Bequem ist anders – diese Sitzgelegenheit in Downtown Los Angeles wurde nicht zum Schlafen gestaltet. Foto: Tyler Nix.

Hostile Design: Gezielte Ausgrenzung im öffentlichen Raum

Designer, Architekten und Stadtplaner sind erfinderisch, wenn es um Verhinderung ungewollter Verhaltensweisen geht – nicht jedes Verhalten und nicht alle Menschen sind willkommen. Was sagt der öffentliche Raum über eine Gesellschaft aus und wie können wir unsere Städte menschenfreundlicher gestalten?

Pinkfarbenes Licht gegen pickelige Jugendliche

Auf der ganzen Welt gibt es Strategien, die darauf abzielen, bestimmte Verhaltensweisen und Personengruppen aus Stadtzentren fernzuhalten. Vieles davon ist zur Gewohnheit geworden und wird von den meisten Menschen gar nicht bemerkt. Doch wer genau hinschaut, wird sie wahrnehmen: die Stacheln auf Zäunen und Mauern, die Unterteilung von Parkbänken durch Armlehnen, den unebenen Bodenbelag in geschützten Hauseingängen, die Anti-Skateboard-Noppen, die Metalldorne in Schaufenstern, die Steine in Hausecken gegen öffentliches Urinieren, die Gitter und Bleche vor Nischen im Mauerwerk.

Daneben gibt es jedoch auch weitaus subtilere Maßnahmen, wie klassische Musik an Bahnhöfen, die das lange Verweilen für bestimmte Personengruppen unattraktiv machen soll. Auch Technologie wird gezielt eingesetzt: Gegen lärmende Jugendliche wurde ein Ultraschall-Abschreckungsgerät entwickelt: Das „Mosquito“ sendet Hochfrequenztöne, die besonders für junge Menschen unangenehm sind. Seit 2005 wird es in Großbritannien verkauft, seit 2007 ist es auch in Deutschland, der Schweiz und Österreich erhältlich. Frankreich hat hingegen den Verkauf der Abschreckungsgeräte mit der Begründung verboten, dass nicht nur diejenigen Jugendlichen und Kinder belästigt werden, die Lärm machen, sondern auch alle anderen. Der Erfindungsreichtum der Verdrängungsbranche zeigt sich auch in pinkfarbener Beleuchtung im öffentlichen Raum: Die britische Gemeinde Mansfield beleuchtet öffentliche Unterführungen mit einem speziellen Licht, in dem Hautunreinheiten deutlich hervortreten. So sollen pickelige Jugendliche vom Trinken und Drogenhandel an diesen öffentlichen Orten abgehalten werden. Günstig sind die Maßnahmen dabei meist nicht. Der Hamburger Bezirk Mitte hat über 100.000 Euro investiert, um Obdachlose vom Lagern unter der Kersten-Miles-Brücke abzuhalten. Zunächst wurden Steine einbetoniert, die das Liegen verhindern sollten, als die Maßnahme nicht griff, wurde schließlich ein Stahlzaun um die Steine herum gebaut. Keine dieser zahlreichen und teilweise durchaus kreativen Vertreibungsstrategien geht jedoch den Ursachen der jeweiligen Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum auf den Grund.

Die Edelstahlkugeln auf diesem Treppengeländer in London sind ein wirksames Mittel, um Skater fernzuhalten. Foto: Martin Binder.

Für wen sind öffentliche Räume gestaltet?

Häufig wird im Kontext von Architektur und Urbanistik von Aufenthaltsqualität gesprochen. Dabei ist meist eine Umgebung gemeint, die all jene Teilöffentlichkeiten ignoriert, die nicht vom sogenannten öffentlichen Interesse repräsentiert werden. Viele dieser bestehenden Strategien sind für diejenigen, die nicht das Ziel der Diskriminierung sind, unsichtbar. Ausgeschlossen sind beispielsweise Obdachlose, Drogenabhängige oder Migranten. An die Stelle von öffentlichen Räumen, die ohne Einschränkung von allen nutzbar sind, treten kommerzielle Räume, in denen störungsfrei konsumiert werden soll. Das ist nicht neu, aber menschenwürdig ist es auch nicht – und es sagt viel über eine Gesellschaft aus. Henri Lefebvre äußert sich dazu in „Das Recht auf Stadt“ (1968): „Die Stadt hat eine symbolische Dimension; die Monumente, aber auch die Leerflächen, Plätze und Prachtstraßen symbolisieren den Kosmos, die Welt, die Gesellschaft oder einfach den Staat.“ Als Lefebvre diesen Satz verfasst, toben gerade Studentenproteste auf den Straßen von Paris.

Was uns Protestbewegungen über öffentlichen Raum lehren

Man könnte erwarten, dass öffentliche Räume als Ort der Meinungsäußerung und Meinungsbildung in unserer digital vernetzten Welt obsolet geworden sind. Protestbewegungen verbreiten sich rasant im Netz, man kann gewissermaßen in den eigenen vier Wänden im virtuellen Raum protestieren. In Deutschland, Taiwan, Chile und zahlreichen weiteren Ländern haben sich in den vergangenen Monaten dennoch gewaltige Protestbewegungen geformt – trotz und mithilfe des Internets. In der chilenischen Hauptstadt Santiago ist der Kampf um den öffentlichen Raum besonders anschaulich. Solange es möglich war, besetzten Menschen Plätze, Monumente und Straßen. Das aggressive Vorgehen der Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas zeigt die Angst der Autoritäten vor Kontrollverlust. So sind nun Hausfassaden zum Austragungsort öffentlichen Dialogs geworden, täglich erscheinen Tags und Poster, die am Folgetag von Regierungsanhängern übermalt werden, um daraufhin erneut überklebt und besprayt zu werden. Doch was hat das Beispiel Chiles mit den anfangs erwähnten Armlehnen auf Parkbänken zu tun? Es veranschaulicht die Bedeutung und das Potential öffentlichen Raums für eine Gesellschaft. Wir können uns fragen, ob wir uns mit Verdrängungsstrategien gegen jene, die aus dem Raster fallen, identifizieren. Möchten wir weiterhin Hostile Design billigen, das Nutzungskonflikte, nicht aber deren Ursachen bekämpft? Als Problem behandelt werden die Menschen, also „die Obdachlosen“, die „kriminellen Jugendlichen“, „die Drogenabhängigen“ oder „die Prostituierten“. Doch sind die Probleme nicht in Wirklichkeit die Ursachen von Obdachlosigkeit, Jugendkriminalität, Drogenkriminalität oder Zuhälterei?

Die Schablone für den Pfandparkplatz kann per Download von Pfand-gehört-daneben heruntergeladen werden. Foto: Simon Räpple.

Wie wird sich die Verdrängung im öffentlichen Raum entwickeln?

Ein Szenario ist, dass sich Vorurteile weiter verhärten und die Ablehnung ganzer Gruppen von Menschen vorangetrieben werden. Die bereits bestehenden Strategien der Diskriminierung im öffentlichen Raum werden sich auf weitere Personengruppen ausweiten, die Verdrängungsmaßnahmen werden zur Perfektion getrieben und menschliche Begegnung in diesem pseudo-öffentlichen Raum wird nur wenigen Gruppen vorbehalten sein.

Ein alternatives Szenario ist, dass der öffentliche Raum eingefordert, benutzt und achtsam weiterentwickelt wird. Dafür bedarf es mehr Offenheit und Veränderungswillen gegenüber den gesellschaftlichen Missständen, die Menschen in ungewollte Prostitution zwingen, die Menschen dazu bewegen, auf der Straße zu schlafen oder Drogen zu verkaufen. Durch diskriminierendes Public Design kann erreicht werden, dass Menschen gezielt aus öffentlichen Räumen vertrieben werden, die eigentlichen Probleme werden dadurch jedoch nicht bekämpft, sondern allenfalls unsichtbar gemacht. Es gibt Projekte, die Mut machen – doch der Ansatz inklusiver Gestaltung öffentlicher Räume ist längst nicht die vorherrschende Maxime in der Stadtentwicklung. Das zeigt das Beispiel der Hamburger Brücke sehr deutlich, bei dem die Gelder zum Verdrängen von Obdachlosen auch in die Errichtung von Unterkünften und Hilfsprogrammen hätten fließen können.

Die Sompasauna in Helsinki wird von Freiwilligen betrieben und kann von jeder und jedem gratis genutzt werden. Foto: Lauri Pirkkalainen.

Positiv, partizipativ, inklusiv

„Park Fiction“ in Hamburg ist so ein Beispiel, in dem durch Anwohnerinnen und Anwohner anstelle einer geplanten Büro- und Wohnbebauung eine öffentliche Parkfläche erkämpft und gemeinsam gestaltet wurde. In Helsinki haben Freiwillige eine kostenfreie (öffentliche) Sauna „Sompasauna“ gebaut. Im mexikanischen Chihuahua errichtete eine Studentengruppe in Zusammenarbeit mit AnwohnerInnen einen öffentlich nutzbaren Pool. In Berlin setzt sich die Flussbad-Initiative für öffentliche Schwimmbereiche in der Spree ein, während die Radbahn-Initiative für eine sichere Fahrradstrecke anstelle von Parkplätzen kämpft. Der Pfandring ist eine Erfindung, um Pfandflaschen außen an Mülleimern oder Fahrradständern abstellen zu können, um Pfandsammlern das Durchwühlen des Abfalls zu ersparen. Noch simpler ist der Pfandparkplatz der Initiative Pfand-gehört-daneben: Online steht eine Schablone zum Download bereit, mit deren Hilfe Bereiche zum Abstellen von Pfand markiert werden können. Diese Ansätze sind allesamt menschenfreundliche Initiativen, in denen die Beziehung des Individuums zur Stadt an Bedeutung gewinnt. Sie haben eine symbolische Tragweite und machen Mut, sich selbst in die Gestaltung öffentlicher Räume einzubringen, um Städte freundlicher, offener und für alle nutzbar zu machen.

Im PUBLIC SPA kann nach Belieben geplanscht werden, errichtet wurde er von einer Studentengruppe und den AnwohnerInnen aus Chihuahua, Mexico. Foto: PKMN Architectures & ISAD.

Wie werden Städte für Menschen gemacht?

Wir können hinnehmen, dass Städte zu leblosen Outdoor-Malls werden und die öffentlichen Räume den Außenwerbern und Herstellern von Hochfrequenzton-Geräten überlassen. Wir können aber auch für die Errungenschaften einer freien und demokratischen Gesellschaft kämpfen, die keineswegs selbstverständlich sind – das zeigen uns antidemokratische Entwicklungen weltweit. Dafür wird es mehr KünstlerInnen brauchen, die mutig den ausgetrampelten Pfad der Kunst im öffentlichen Raum verlassen und Neues wagen. Es wird DesignerInnen, ArchitektInnen und PlanerInnen brauchen, die für und nicht gegen Menschen arbeiten. Es wird Guerilla-Gärtner und Stadtmöbel-Hacker brauchen, es wird genaues Hinsehen erfordern und kritisches Hinterfragen. Und es wird mehr Unterstützung auf politischer und auf ganz persönlicher Ebene brauchen, um den gesellschaftlichen Problemen selbst auf den Grund zu gehen und Lösungen zu entwickeln. Es wird wahrhaftig öffentliche Begegnungsflächen brauchen und Empathie. Dabei können wir uns ständig selbst überprüfen, indem wir uns fragen: In welcher Art von Stadt möchten wir leben?

(Noch) fiktiver Schwimmbereich mitten in Berlin: Die Flussbad-Initiative setzt sich für den permanenten Zugang zum Wasser ein. Abbildung: Flussbad Berlin e. V., realities:united

Der Autor dieses Textes, Martin Binder hat übrigens ein ansteckungsfreien Spielplatz erfunden. Der ist alles andere als “Hostile”, würden wir sagen. 

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