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Illustration, William Blake
Short Q

Außerkörperliche Erfahrung: So kommt sie zustande

Lange Zeit dienten außerkörperliche Erfahrungen als Beweis für das Übernatürliche. Inzwischen können Wissenschaftler jedoch die Ursachen für dieses Erlebnis präzise beschreiben.

Als Kind habe ich mich immer gefragt: Warum bin ich ich und nicht jemand anders? Ich habe mir den darüber Kopf zerbrochen. Seit wann bin ich und was war ich davor? Bin ich nicht mehr, wenn mein Körper nicht mehr ist? Ich war verunsichert, aber auch stolz, denn ich hatte so originelle Fragen gefunden, dass sie mir niemand, nicht mal Papa, beantworten konnte. Erst kürzlich folgte die Ernüchterung. Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ behandelt meine philosophischen Fragen so, als würde sie sich jedes Kind stellen. Anscheinend war meine Grübelei alles andere als originell. Viel schlimmer; sie war ziemlich gewöhnlich. Es gibt sogar etliche Bücher dazu, die Eltern bei der Beantwortung helfen sollen.

Außerkörperliche Erfahrungen: Beweis für die Seele?

Kern meiner offenbar völlig normalen Fragerei ist im Grunde die Vorstellung einer unsterblichen, außerkörperlichen Seele. Als Kind war sie bereits fest verankert, sonst wäre die Frage nach der Zeit vor dem Leben und der danach nicht so bohrend gewesen. Diese Vorstellung habe ich aus verschiedenen Gründen inzwischen verworfen. Vielen dient ein besonderes Phänomen jedoch als Beweis für die Existenz von Seelen: außerkörperliche Erfahrungen.

außerkörperliche Erfahrungen

Außerkörperliche Erfahrungen können auch im Traum auftreten, dann wird es allerdings luzides Träumen genannt.

Betroffene geraten dabei in einen Zustand, in dem der Körper nunmehr als Hülle scheint. Oft können sie ihren reglosen Körper von außen betrachten. Frei schwebend ist ihnen nichts ein Hindernis; kein Gebrechen, keine Sorgen, keine Objekte. In vielen religiösen oder esoterischen Glaubensgemeinschaften hat die außerkörperliche Erfahrung – und auch das Gefühl, wahrhaftiger Zeuge von etwas Übernatürlichem zu sein – wohl dazu geführt, dass Anhänger sich der Vorstellung der Freiseele verschrieben haben. Frei deshalb, weil sie auch ohne Körper existiert. Die außerkörperliche Erfahrung als Beweis für ein Leben nach dem Tod.

Gleichgewichtsstörung ist entscheidend

In der Wissenschaft werden außerkörperliche Erfahrungen nüchterner betrachtet, Neurowissenschaftler klassifizieren sie als dissoziative Störung. Ihnen zufolge entsteht die Illusion des vom Körper getrennten Selbst durch das Unvermögen des Körpers, verschiedene Reize in Einklang zu bringen – vor allem Schwindelgefühle sollen dabei entscheidend sein. Maya Elzière vom Hôpital Européen und Christophe Lopez von der Aix Marseille Université haben das nun in einer Studie nachweisen können. Sie befragten Patienten mit Gleichgewichtsstörungen nach außerkörperlichen Erfahrungen. Das Ergebnis: Nicht nur der Anteil war deutlich größer, häufig hatten sie das Erlebnis gleich mehrmals.

Außerdem wurde nachgewiesen, was der Illusion alles zuträglich ist: Meditation und Hypnose, (drogeninduzierte) Rauschzustände, aber auch epileptische Anfälle oder Migräne. Inzwischen genügen einige Multimedia-Simulationen, um die Sinnesverarbeitung derart fehlzuleiten, dass das Gefühl der Außerkörperlichkeit entsteht. Was also lange Zeit als unumstößlicher Beweis für etwas Übernatürliches, vielleicht sogar Göttliches, für das Leben nach dem Tod galt, könnte bald zur Meditationspraxis werden. Die nüchtern vorgestellten Ergebnisse der Studie rütteln damit an den Grundpfeilern von Religion und Esoterik. Ernüchterung ist schmerzhaft. Sie ist aber auch der beste Weg zur Erkenntnis.