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Tokophobie – Die Angst vor Fruchtbarkeit

Der jährliche Muttertag feiert die Bedeutung von Müttern in unserer Gesellschaft. Eine wachsende Anzahl von Paaren entscheidet sich mittlerweile aber gegen das Kinderkriegen. Es herrscht regelrecht eine Angst vor Fruchtbarkeit. Denn Kinder, Karriere, Freizeit und eine erfüllte Paarbeziehung sind immer schwieriger unter einen Hut zu bringen. Die Künstlerin und Aktivistin Taina Guedes weiß um die Herausforderungen der Mutterschaft und wünscht sich, dass die Erziehung eines Kindes nicht nur von der Frau abhängt, sondern auch von der Gemeinschaft, in der Mütter leben.

Seit 1971 sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden. Die Gründe, warum junge Paare sich immer mehr gegen ein Kind entscheiden, sind vielfältig und oft Anstoß für unmögliche Diskussionen, die oft frauenverachtender Natur sind. Dennoch haben mich Online-Kommentare wie „in dieser Welt ist es besser, keine Kinder zu zeugen” oder „unsere Welt ist doch sowieso überbevölkert” zum Nachdenken angeregt. Wie kann es sein, dass das seit Jahrhunderten herbeigesehnte Geschenk der Fruchtbarkeit auf einmal nichts mehr wert ist, gar zur einer klinischen Angststörung wird für einige Frauen? Wie kann es sein, dass in der westlichen Welt für Kinder kein Platz mehr ist? Und ist vielleicht der schambehaftete und für Frauen oft diskriminierende Diskurs über Fruchtbarkeit so historisch belastet, dass er auch den heutigen Diskurs negativ prägt? Dies ist der Abriss einer persönlichen Spurensuche.  

“Fruchtbarkeit gilt seit der Antike als ein Geschenk und als ein ökonomisch hohes Gut.” Foto: Taina Guedes.

Eine kurze Geschichte des Leidens um die Fruchtbarkeit

Fruchtbarkeit gilt seit der Antike als ein Geschenk und als ein ökonomisch hohes Gut. Viele gesunde Kinder zur Welt zu bringen, ist auch heute noch ein Segen in vielen Kulturen. Ein genauerer Blick in die Geschichte zeigt aber, dass Frauen wegen des Fruchtbarkeitsmythos‘ viele körperliche und psychische Leiden auf sich nehmen mussten. Denn Fruchtbarkeit spielt sich zwar im Körper der Frau ab, doch Männer erhoben darauf immer ihren eigenen Besitzanspruch und so musste sich der weiblichen Körper allerlei bizarren, unwissenschaftlichen Praktiken aussetzen. 

In alten ägyptischen Schriftrollen ist beispielsweise folgendes Fruchtbarkeitsritual dargestellt: Frauen wurden, während sie auf der Erde saßen, in Bier getränkt und bis zum Erbrechen mit Datteln zwangsernährt. Teilweise werden dieses und andere absurde Fruchtbarkeitsrituale des alten Ägypten immer noch praktiziert. Im alten Indien wurden Frauen, die nicht schwanger werden konnten, als „besessen von Nirrti”, einer besonders wilden Göttin, angesehen, und konnten aus der Familieneinheit ausgeschlossen werden. Im antiken China bestand die Lösung für kinderlose verheiratete Frauen darin, Konkubinen in die Ehe einzuführen.

Auch die Praktiken im alten Rom bringen mich heute zum Kopfschütteln. Das bekannteste Fruchtbarkeitsfest war die Lupercalia, bei dem verheiratete Frauen auf offener Straße mit den Häuten von toten, blutenden Tieren gegeißelt wurden, um das „Eheglück” zu begünstigen. Dieses Pastoralfest zur Feier des Gottes Faun, das jährlich am 15. Februar zur „Reinigung” der Stadt begangen wurde, steht übrigens auch direkt in historischer Beziehung zum heutigen Valentinstag.  

Der berühmte griechische Arzt Hippokrates gab Frauen die Schuld an allen möglichen Dingen. Seine medizinischen Vorschläge beinhalteten, das weibliche Genital mit „hohlen bleiernen Sonden” zu erweitern und die Frau mit Abführmitteln ausreichend dünn zu machen. Im Mittelalter war Unfruchtbarkeit sowieso immer die Schuld der Frau. Unfruchtbare Frauen galten entweder als Hexen oder sie mussten den Urin und das Blut schwangerer Tiere trinken und vom pulverisierten Eberpenis bis zu den Hinterpfoten von Wieseln ziemlich viele absurde Dinge essen. 

Die Darstellung eines Ablaufs des blutrünstigen Fruchtbarkeitsfests Lupercalia um 1635. Gemälde: Andrea Camassai.

Fruchtbarkeit wurde im Laufe der Jahrhunderte immer besser erforscht. Mittlerweile gibt es genug medizinische Forschung, die solche unwissenschaftlichen, barbarischen Praktiken in weiten Teilen der Welt abgelöst hat. Doch angesichts der Angst und Scham, die Frauen rund um das Thema Schwangerschaft, Fehlgeburt und Fruchtbarkeit immer noch in sich tragen, muss ich feststellen, dass trotz aller medizinischen Fortschritte unsere Gesellschaft immer noch in negativen Konzepten und Ideen gefangen ist. Der Druck, als Frau berufstätig und zugleich als Mutter erfolgreich zu sein, ist immer noch sehr schmerzhaft und führt oft zu Entscheidungen, die mit Angst getroffen werden. Ich frage mich, ob Frauen in westlichen Industrieländern jemals ihre Emanzipation hatten, wenn es darum geht, sich entscheiden zu müssen, ob sie Mutter sein möchten oder nicht. 

Tokophobie – die Angststörung, Kinder auf die Welt zu bringen und fruchtbar zu sein

Im Jahre 2000 wurde in einer ersten Studie in England die klinische Angststörung der Tokophobie beschrieben. Damit ist eine starke Angst vor einer Schwangerschaft und Geburt gemeint. Betroffene Frauen verfallen dann in eine übertriebenen Fürsorge bei der Verhütung, lassen sich häufig sterilisieren und drängen sogar ihren Partner zu einer Vasektomie. Laut der Studie geben 13 % der nichtschwangeren Frauen an, dass sie eine Schwangerschaft aufgrund von Angst vermeiden. Auch beängstigend ist der Fakt, dass ca. jede siebte schwangere Frau von einer Tokophobie betroffen ist und daher die Frau während der Schwangerschaft unter Schlafstörungen, Alpträumen und Depressionen leidet. Die gleiche Studie kommt auch zu dem Schluss, dass 7 % der Kaiserschnitte nur aufgrund der Angst vor einer Geburt durchgeführt werden. Wie viele Frauen von dem Phänomen betroffen sind, ist leider noch nicht gut erforscht. Aber diese extreme Form der Störung ist ein gesellschaftliches Symptom dafür, dass die Stigmen und Traumata rund um Schwangerschaft und Fruchtbarkeit nicht aufgearbeitet wurden. 

„[…] meine Entscheidung, kein Kind zu haben, hängt mit meiner Angst vor dem Scheitern zusammen […] der Angst, entweder als Mutter oder als Künstlerin zu scheitern.” (Eva Mitala, Künstlerin)

“Der Satz „es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen” trifft auf mich zu und ich bin sehr dankbar für alle Menschen, die mir auf meiner Reise geholfen haben.” Foto: Nayara Branco.

Die Hauptgründe, warum meine Freundinnen keine Mütter sein wollen, sind die Opfer, die sie in Bezug auf ihre Karriere, ihrer finanziellen Vorsorge und ihre Zukunftsaussichten bringen müssen. Oft wird argumentiert, dass es ökologisch sinnvoll ist, keine Kinder zu bekommen. Aber ich glaube, dass wir in einer besseren Gesellschaft leben würden, wenn mehr nachhaltig denkende Menschen Kinder hätten. Mütter gestalten die Zukunft aktiv mit, noch mehr als wir uns vielleicht vorstellen können. Wir leben in einer Gesellschaft mit ungenügender Sichtbarkeit für Mütter und deren Arbeit. So ist es zum Beispiel immer noch üblich, dass Arbeitgeber oder Kollegen wütend auf Mütter werden, wenn sie nicht zur Arbeit erscheinen, weil ihre Kinder krank werden.

Mutter in unserer Welt zu sein, ist ein Akt der Rebellion

Ich habe immer sehr offen über meinen Alltag als Mutter gesprochen, weil ich glaube, dass es wichtig ist, sichtbar zu machen, dass ich arbeite und Mutter bin. Und dass beide Ansprüche gemeinsam existieren und sich entwickeln können. Als ich meinen Sohn bekam, fand ich meine persönlichen Stärken und mein Lebensziel. Auf einmal war die Zukunft nicht mehr weit, sondern war genau hier in meinen Armen. Also waren alle Abstraktionen verschwunden und Wünsche, die ich für unseren Planeten hatte, mussten in diesem Leben stattfinden. 

Ich konzentrierte mich auf das Wesentliche, auf die Dinge, die mir wichtig sind, und wurde von allen Veränderungen, die dies in mein Leben brachte, beeinflusst. Ich erkannte auch in meiner Arbeit meine Stärken. Dadurch habe ich mich motivierter und kreativer als je zuvor gefühlt. Ich habe kurz danach verschiedene Unternehmen gegründet, realisierte verschiedene Kunstprojekte, reiste und arbeitete in verschiedenen Ländern und schrieb zwei Bücher. Meine Erfolge während des Mutterseins hatte ich, weil ich nicht alleine war. Ich habe auf die Hilfe vieler Freunde und Menschen gezählt, die meine Arbeit unterstützen wollten. Der Satz „es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen” trifft auf mich zu und ich bin sehr dankbar für alle Menschen, die mir auf meiner Reise geholfen haben.

In der Pandemie habe vielen Menschen begonnen, die wahre Bedeutung von Solidarität zu verstehen. Ich hoffe, dass dieses Verständnis Frauen weiter unterstützen kann, damit sie die Wahl haben können, Mutter zu sein oder nicht. Ich schreibe diesen Text, weil ich finde, dass ich keine Ausnahmen sein darf, sondern nur ein weiteres Beispiel einer Frau. Möge die Entscheidung, Mutter zu werden, nicht auf Ängsten beruhen, sondern auf Liebe. Daher engagiere ich mich dafür, dass die Angst vor Fruchtbarkeit nur eine temporäre Erscheinung ist und mehr Frauen ohne Scham über diese Themen offen sprechen können

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