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Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Während der Sklaverei in den Vereinigten Staaten mussten schwarze Frauen als Ammen die weißen Babys ihrer Besitzer stillen.

Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Hinter schwedischen Gardinen leisteten politische Gefangene in der DDR unter Zwang Akkordarbeit.

Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Nur weil Sklaverei weltweit verboten ist, ist sie noch lange nicht beseitigt. Sie ist Teil von vielen Produkten, die für uns alltäglich sind.

Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Für die Bekämpfung von Sklaverei müssen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eine Allianz formen.

Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Eine Welt ganz ohne Formen von Sklaverei und Ausbeutung scheint noch weit entfernt. Unmöglich ist eine solche Gesellschaft aber nicht.

Kompendium

In der Neuzeit wurden Sklaven noch stolz zur Schau gestellt. Inzwischen ist diese menschenverachtende Praxis weltweit verboten – praktiziert wird sie dennoch. Nicht als ferne periphere Erscheinung, sondern als selbstverständlicher Teil unserer globalisierten Welt.

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Die blutige Milch der Sklaven-Ammen

Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Die blutige Milch der Sklaven-Ammen

Foto:

Foto: "Distant Echoes of Slavery" (North Carolina Health News)

Wenn Intimität und Tragik miteinander einhergehen. Während der Sklaverei in den Vereinigten Staaten wurden schwarze Frauen in ihrer Gefangenschaft in ein abscheuliches Dilemma gestürzt. Als Ammen mussten sie auf Kosten des Lebens ihrer eigenen Kinder die weißen Babys ihres Besitzers stillen.

Sie waren noch ganz nah am Ursprung ihres Seins, unschuldig, doch konnten Babys während der Sklaverei ein dunkles Schicksal bedeuten. Denn die Neugeborenen von damaligen Sklavenhaltern nährten sich von der Muttermilch fremder Frauen. Das ist nichts Verwerfliches. Doch die Frauen wurden dazu gezwungen, ihre Brust dem eigenen Kind für das Fremde vorzuenthalten. Es ist die Geschichte der versklavten Ammen in den Vereinigten Staaten.

Das Geschäft mit der Muttermilch

Der heute ausgestorbene Beruf der Amme geht bis in das Altertum und die Antike zurück. Zum Beispiel erzählte man sich in der griechischen Mythologie von Eurykleia, der treuen Amme des Helden Odysseus. In Europa behandelte man die Frauen, die die Kinder des Wohlstands stillten und großzogen, auf unterschiedliche Art und Weise. Je nach Land und Zeit galten sie als ekelhaft oder waren angesehen, wurden von den eigenen Vätern dazu getrieben oder konnten in der Arbeit ein lukratives Geschäft unter durchaus guten Bedingungen sehen.

Sklaverei in den Vereinigten Staaten

In diesem Gemälde wird besonders deutlich, was im schlimmsten Fall passierte: Das fremde Kind wurde gut versorgt, während das Eigene dieser Ausbeutung zum Opfer fiel. Bild: Vieira de Campos – Museu de Arte da Bahia (São Paulo: Banco Safra, 1997)

In den USA, wo viele versklavte Ammen ein abscheuliches Dilemma erlebten, gab es nicht die eine oder andere Möglichkeit, es gab nur den Zwang. Bis zum Jahr 1808 wurden Menschen aus Afrika dorthin gebracht, um von sogenannten Mastern in Besitz genommen und als billige Arbeitskraft eingesetzt zu werden. Diese Zeit ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Landes, das während der Kolonialisierung Amerikas vom 16. bis zum 18. Jahrhunderts eine Massenversklavung von Afrikaner*innen beschreibt. Laut US Census Bureau soll der Umfang der Sklavenbevölkerung in den USA um das Jahr 1790 noch 683.020 Menschen, um das Jahr 1860 mehr als 3,5 Millionen Menschen betragen haben. Der Anstieg dieser Zahl, die einen enormen wirtschaftlichen Faktor bedeutete, hing unter anderem mit der Entwicklung des Plantagensystems zusammen.

Zu den wichtigsten Exportprodukten, für die Sklav*innen auf den Plantagen unter Gewaltanwendung schuften mussten, zählten Tabak und Reis, später auch Zuckerrohr und Baumwolle. Vor allem letzteres Produkt spielte den USA als Rohstoffproduzent eine enorme Bedeutsamkeit für die Weltwirtschaft ein. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung wurden auch Produkte wie Schokolade, Zucker und Tabak erstmals aufgrund von niedrigeren Preisen für eine breitere Schicht von Konsumenten zugänglich. Zuvor waren die Güter einer Elite vorbehalten. Doch die kostbarste Ware der Plantagenbesitzer waren wohl ihre Sklav*innen. Ihre Arbeit wurde wichtiger als Lohn- oder Familienarbeit, auf ihre Kosten wurden Sklaventreiber reich und politisch einflussreich.

Zwischen Intimität und Ausbeutung

Unter den Unterdrückten waren auch viele Frauen, auf die fern von der Heimat harte Arbeit und tagtägliche Erniedrigungen warteten – zudem wurden sie oftmals vergewaltigt. Während ihrer Gefangenschaft erfuhren sie neben den offensichtlichen Formen der Sklaverei eine andere unsichtbare Form der Ausbeutung, verborgen in den Kinderzimmern der Gutsherren. Die Tragik, die sich dahinter verbarg, wird mit einem Blick auf die Umstände und Folgen ersichtlich: Schwarze Sklavinnen wurden Überlieferungen zufolge dazu gedrängt, den weißen Kindern ihres Sklaventreibers die Brust und volle Aufmerksamkeit zu schenken. Mit dem Stillen gingen sie einen der intimsten zwischenmenschlichen Momente ein, der eine starke Bindung zwischen Mutter und Baby bedeuten kann. Doch während es der Lebenserhaltung des kleinen Masters diente, trennte es die Frauen von ihren eigenen Kindern. Sie wurden nicht nur ihrer Muttermilch, sondern auch ihrer Fürsorge und Zeit als Mutter beraubt.

Das Dasein als Amme dürfte eine zusätzliche Belastung, aber auch für viele Frauen ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. So soll es laut  Enthuse Mag– ein Magazin, das sich mit der afrikanischen Kultur damals und heute beschäftigt – durchaus vorgekommen sein, dass einige der sogenannten Wet Nurses keine Milch mehr für die eigenen Kinder übrig hatten, die daraufhin den Hungertod starben. Ein abscheuliches Drama: Sie hatten ein Neugeborenes, ausgerechnet von ihrem eigenen Sklaventreiber an der Brust, das sie mit der Muttermilch nährten und somit ihnen das Leben schenkten. Aber bei ihrem eigenen Kind, dem eigen Fleisch und Blut, war dies nicht mehr möglich. Konnten die Sklaven-Ammen gar keine Milch mehr produzieren, wurden sie laut UC Davis Humanities Institute durch weiße Mütter ausgetauscht und als unbrauchbar beschimpft. Sie durchgingen einen Leidensweg der Erniedrigung. Versteckt hinter verschlossenen Türen erfuhren diese Frauen die Ausbeutung ihres Körpers durch ein unschuldiges Baby.

Die Geschichte wiederholt sich

Im Jahr 1865 wurde die Sklaverei in den Vereinigten Staaten durch den 13. Verfassungszusatz endgültig abgeschafft. Doch trotz der vermeintlichen Freiheit, die die Afrikaner*innen dadurch erlangten, war das Leid nicht beendet. Im Archiv der Plattform Documenting the American South beschrieb eine Afroamerikanerin ihre Arbeit als Kindermädchen nach der Sklaverei. Für zehn Dollar im Monat arbeitete sie 14 bis 16 Stunden am Tag, kümmerte sich um Kinder und Haushalt, während es ihr nicht gestattet war, sich auszuruhen. Ihre eigenen Kinder durfte sie nur alle zwei Wochen für einen Nachmittag sehen, erfuhr Erniedrigung und Unterdrückung. „Ich bin die Sklavin, Körper und Seele, dieser Familie”, schrieb sie über ihre Arbeitgeber.

Die grausame Geschichte sollte sich wiederholen. Zwar änderten sich die Formen von Sklaverei, doch blieb der Mensch als Ware, der für Wirtschaft und Profit missbraucht wird. Heute ist es vor allem die Armut, aus der Menschen in die Sklaverei gelockt werden und durch das Wegschauen der Gesellschaft unsichtbar verharren.


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Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Zwangsarbeit in der DDR: Knochenjob für den Klassenfeind

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Zwangsarbeit in der DDR: Knochenjob für den Klassenfeind

Der sogenannte Sozialistische Realismus zeichnete ein stark idealisiertes Bild vom DDR-Alltag. Foto: Sol Octobris

Der sogenannte Sozialistische Realismus zeichnete ein stark idealisiertes Bild vom DDR-Alltag. Foto: Sol Octobris

Wegschauen stand im Überwachungsstaat DDR auf der Tagesordnung. Hinter schwedischen Gardinen leisteten politische Gefangene unter Zwang Akkordarbeit. Es waren vor allem Unternehmen in der BRD, die daraus Profit schlugen.

Die Bezeichnung Hölle der Frauen lässt nur auf die Grausamkeiten schließen, die sich bis zum Jahr 1989 im Gefängnis Hoheneck abgespielt haben. Hier flossen Blut und Tränen. Psychoterror, Leid, Angst wehen noch wie eine kalte Brise durch das ehemalige Frauenzuchthaus. Dort saß auch Inge Naumann hinter den backsteinroten Gefängnismauern. Sie war eine der vielen politischen Gefangenen. Weggesperrt, weil sie sich nach Freiheit sehnte. Weil sie 28 Anträge stellte, um von der DDR legal in den Westen überzusiedeln.

Das lukrative Geschäft mit dem Klassenfeind

In einer Sendung des ARD-Politikmagazins Report Mainz berichtete sie über die drei Jahre ihrer Gefangenschaft, in der sie arbeiten, nein, Seite an Seite von anderen Insassinnen unter militärischem Drill in völliger Ungewissheit schuften musste. Wer sich weigerte, wurde bestraft. Die Frauen hatten keine Vorstellung davon, wo die täglich produzierten 1.400 Strumpfhosen später im Regal landen würden. Heute wissen wir: Es war vor allem die westdeutsche Industrie, die ihren Profit daraus zog. Während sich die DDR Devisen aus den lukrativen Deals mit dem Klassenfeind erwirtschaftete.

Quelle, Otto, Bayer, Neckermann, Aldi, VW, Kaufhof, Karstadt, Woolworth, Baur – es sind nur einige der großen Namen, die man in Verbindung mit Zwangsarbeit politischer Gefangener in der DDR setzt. Im Jahr 2012 musste sogar der schwedische Möbelriese IKEA ein dunkles Kapitel der Vergangenheit aufschlagen und nach einer Wirtschaftsprüfung zugeben, dass damalige Vertreter im Konzern von der Herkunft aus Gefängniswerkstätten einiger ihrer Möbel und Zusatzteile wussten. Die Stasi-Unterlagen-Behörde schätzt, dass der auf Häftlingsarbeit beruhende Ost-West-Handel jährlich mindestens 200 Millionen DM (umgerechnet 102 Millionen Euro) betrug.

Der Einsatz von Häftlingen zur Herstellung westlicher Güter verspricht Finanzspritzen für die magere DDR-Wirtschaft. Foto: Ye Jinghan

Wie das Journal Zeithistorische Forschungen erklärt, bedeutete der Häftlingseinsatz niedrigere Arbeits- und Sicherheitskosten für die marode DDR-Wirtschaft. Zudem konnten Gefangene die Arbeit verrichten, wofür aufgrund von großen körperlichen Anstrengungen, schlechten Bedingungen und erhöhten Arbeitszeiten keine regulären Arbeiter gefunden wurden. Eine Wahl hatten die Menschen nicht, denn auf Verweigerer warteten Sanktionen. Den Insass*inen, die ohnehin nur einen Hungerlohn bekamen, drohten Geldabzug oder die Verweigerung von Besuchen sowie Briefkontakten.

Blutige Machenschaften hinter Gittern

Das Ausbeutersystem des sozialistischen deutschen Teilstaates nahm aber noch absurdere Züge an. Neben der Arbeitsleistung wurde selbst mit dem Blut der Gefangenen gehandelt. Anschließend wurde es für Devisen an den Westen verkauft. Blutkonserven aus den Gefängnissen sollen über einen Schweizer Zwischenhändler beim Bayerischen Roten Kreuz gelandet sein. Aus einer Studie der Stasi-Unterlagen-Behörde geht hervor, dass es deutliche Hinweise darauf gibt, dass derartige Spenden seitens der Gefangenen nicht freiwillig abgegeben wurden. So sollen sich seinerzeit sogar einige Krankenschwestern geweigert haben, Häftlingen das Blut abzunehmen. Denn sie vermuteten, dass dies unter Zwang geschah.

Wegschauen für den Profit

Lange Zeit blieb die Ausbeutung politischer Gefangenen verschleiert. Auch nach dem Ende der DDR. Foto: Stefan Kühn

Die Ausbeutung der Gefangenen blieb lange verschleiert, hinter Gittern, unsichtbar. Oder verschloss man einfach nur die Augen? In Report Mainz aus dem Jahr 2014 mutmaßte Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen: „Wer sich mit der Diktatur eingelassen hat, Geschäfte gemacht hat, der konnte nie sicher sein, unter welchen Bedingungen die Produkte gefertigt worden sind.“ Wegschauen auf Kosten von Menschen.

Viele der politischen Gefangenen aus der DDR kämpfen noch heute mit den Folgen ihrer Gefangenschaft, haben physische und psychische Schäden davongetragen. Kommen Erinnerungen hoch, fallen Worte wie „menschenunwürdig“ und „Sklaventreiberei“. Nachdem Inge Naumann doch ausreisen durfte, hielt sie die schmerzhafte Vergangenheit plötzlich in der eigenen Hand. Es war eine der Strumpfhosen, die in Hoheneck produziert wurde. So eine kostete den Insass*innen enorme Kraft, im Supermarkt Aldi aber nur 68 Pfennig. Was bleibt, ist Fassungslosigkeit.

Die Verbraucher*innen, ob im Osten oder Westen, wussten nicht, unter welchen Bedingungen ihre Bettwäsche, Schuhe, Radios, Kameras oder Möbel gefertigt wurden. Ihnen blieb verwehrt, dass die Spur ihrer Konsumgüter hinter schwedische Gardinen im Osten zu politischen Gefangenen, zur Knastware Mensch führte. Hinter Gittern versteckte sich eine Art der Ausbeutung, die unter Kontrolle und Machtausübung wirtschaftliche Vorteile bringen sollte. Man würde es heute als eine Form der sogenannten modernen Sklaverei beschreiben.


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Die Opfer unserer Konsumgesellschaft

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Die Opfer unserer Konsumgesellschaft

In Indien wird nicht nur viel Ware für den westlichen Markt produziert, er landet dort auch wieder als Müll. Foto: Hermes Rivera

In Indien wird nicht nur viel Ware für den westlichen Markt produziert, er landet dort auch wieder als Müll. Foto: Hermes Rivera

Es ist ein Trugschluss, dass Sklaverei abgeschafft sei. Nur weil sie weltweit verboten ist, ist sie noch lange nicht beseitigt. Heute tritt sie in anderen Erscheinungsformen auf. Unter anderem findet sich die Ausbeutung in vielen unserer alltäglichen Produkte.

40,3 Millionen Menschen arbeiten nach Schätzungen des Global Slavery Index heutzutage als Sklav*innen auf der Welt. 50 Prozent davon müssen Zwangsarbeit leisten. 37,5 Prozent werden unter Zwang verheiratet. 12,5 Prozent sind Opfer von Sex-Sklaverei. 25 Prozent sind Kinder. Sie leiden und schuften in einer Welt, in der die meisten Menschen glauben, Sklaverei sei ein nur noch ein dunkles Kapitel der Vergangenheit.

Das Milliarden-Dollar-Geschäft

Die Schicksale der Menschen, die als unsichtbare Ware die Wirtschaft boomen lassen, fallen unter den Begriff der modernen Sklaverei. Dazu zählen Menschenhandel, Kinder- und Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft, wirtschaftliche Ausbeutung sowie Zwangsprostitution und Zwangsheirat. Laut der Zeitung DIE ZEIT werden jährlich 20.000 Mädchen aus Nepal verkauft und zur Prostitution gezwungen. Auch in Kolumbien werden venezolanische Migrant*innen in die Prostitution gedrängt und als Sexarbeiter*innen missbraucht.

In Libyen wird mit Westafrikaner*innen auf modernen Sklavenmärkten gehandelt. Damit wir die Kleider der westlichen Textilkonzerne am eigenen Leib tragen können, nähen Kinder in indischen Sweatshops bis in die Nacht. Auch indonesische Tabakfirmen profitieren von Kinderarbeit, während die jungen Arbeiter*innen eine Nikotinvergiftung riskieren. Für amerikanische Technologiekonzerne produzieren chinesische Zwangsarbeiter*innen täglich mehr als zwölf Stunden.

Kinderarbeit ist keine Seltenheit in Textilfabriken. Dabei ist sie, genau wie Sklaverei auch, international verboten. Foto: FaiQe Sumer

Das Risiko, dass wir Produkte von Sklaverei täglich in unseren eigenen Händen halten, ist hoch. Man nehme nur das Smartphone. „Wer mobil telefoniert, hat Blut an seinen Händen“, schreibt Amnesty International. Wir sehen es nicht, aber es hat einen langen Weg zurückgelegt. Spuren finden wir im Kongo. Besser gesagt in dessen Boden. Für die Technologieindustrie ist er dort einer der nährstoffreichsten Böden der ganzen Welt.

Der Boom der Blutmineralien

Er ist unter anderem reich an Coltan, dessen Brocken von armen Menschen mit einfachstem Werkzeug, manchmal mit bloßen Händen aus der Erde gemeißelt werden, wie es bereits in der ZDF-Dokumentation „Coltan – Kongos verfluchter Schatz“ gezeigt wurde. In den Minen verrichten Menschen körperliche Schwerstarbeit. Menschenrechtsorganisationen und Opfer berichteten in den vergangenen Jahren von ungesicherten Stollen, sexuellem Missbrauch, Gewalt und Sklaverei. Das Malochen für die Blutmineralien kann zudem gesundheitsschädlich sein – nicht zuletzt, da sich Teile des Gesteins in die Atemwege schleichen. Sowohl Unfälle als auch Schüsse von bewaffneten Rebellen, die Minen besetzten, forderten schon Menschenleben.

Wer dort arbeitet, macht es vermutlich nicht freiwillig. Keine Alternativmöglichkeiten, Armut, Verschleppung und Zwang seitens der Rebellen treiben Menschen, darunter Kinder und Jugendliche, zum Schuften in die Steinbrüche. Die Arbeiter*innen, die ganz am Anfang der Wertschöpfungskette von Handys oder Laptops stehen, kennen die Verwendung von Coltan nicht. Aus dem Rohstoff wird später Tantal gewonnen, welches sich im nahezu jedem Elektrogerät findet. Das große Geld damit machen andere.

Foto: MONUSCO

Das Ende des blinden Konsums?

Das Streben nach Transparenz großer Unternehmen und zertifizierte Minen sollen positive Veränderung bringen. Dass es illegales Coltan durch Schmuggel doch in die Lieferkette schafft, kann aber nicht ausgeschlossen werden. Immer noch listet The Global Slavery Index Mobiltelefone, Laptops und Computer als die Produkte mit dem höchsten Risiko an moderner Sklaverei. Gefolgt von Kleidung, Fisch, Kakaobohne und Zuckerrohr. „Free The Slaves“ schätzt, dass Menschenhändler jährlich 150 Milliarden US-Dollar mit Sklaverei verdienen.

Verbraucher*innen haben nun die Möglichkeit, die Augen zu öffnen und nicht mehr einfach blind zu konsumieren. Dabei unterstützt der Test „Slavery Footprint“, der von der Organisation Made In A Free World entwickelt wurde. Nutzer*innen können anhand ihres Konsumverhaltens messen, wie viele Menschen sie ausbeuten. Unangenehme Wahrheiten, die zum Umdenken und Engagement anspornen. Kommt damit der Umschwung? Das steigende Bewusstsein der Gesellschaft und die fortschrittliche Arbeit von Menschenrechtsorganisationen könnten tatsächlich eine Revolution bedeuten.

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Die Hoffnung für eine sklavenfreie Welt

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Die Hoffnung für eine sklavenfreie Welt

Wenn sie nur existiert, solange sie unsichtbar ist, dann muss man sie eben sichtbar machen. Foto: Arlindo Camacho

Wenn sie nur existiert, solange sie unsichtbar ist, dann muss man sie eben sichtbar machen. Foto: Arlindo Camacho

Bei der Bekämpfung von Sklaverei spielt das Wir eine immer zentralere Rolle. Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft müssen eine Allianz formen, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Bei den Opfern selbst spielen Technologien eine Rolle, um in ausweglos scheinenden Situationen sprachfähig zu werden.

Wir schreiben das Jahr 2026, unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel, das ethische Bewusstsein wird stärker. Die Leserzahlen kleinerer Conscious-Blogs, die um das Jahr 2018 initiiert wurden, können nun mit renommierten Magazinen und Zeitungen mithalten. Sie interviewen aktivistische Influencer, deren Reichweite die ihrer modischen Kolleginnen langsam zu überholen scheint. Sie machen die Hashtags #NoSlavery und #NoExploitation groß – und die Schicksale dahinter zum weltweiten Problem, dass es zu lösen gilt.

Immer mehr Marken versehen ihre Artikel mit einem Gütesiegel externer Prüfer, das eine saubere Lieferkette garantiert, die ihren Ursprung nicht in Zwang oder Leid findet. Nachfrage formt das Angebot: Wer mit sklavenfreien Produkten wirbt, hat einen Marktvorteil. Die Gesellschaft fordert, dass jeder Mensch wieder Mensch sein kann. Keine*r soll mehr als unsichtbare Ware, die sich und ihre Rechte für den Profit aufgeben muss, abgestempelt und hilflos ihrem Schicksal überlassen werden.

Dietmar Roller. Foto: Judith Stein

Nur Zukunftsmusik? Dass Opfer von moderner Sklaverei und Ausbeutung eine Stimme bekommen, kann nicht ohne den Einsatz von Menschenrechtsorganisationen geschehen. Deswegen haben wir mit Dietmar Roller über künftige Möglichkeiten gesprochen. Er ist Vorstandsvorsitzender der IJM Deutschland, die Opfer aus Sklaverei und anderen Formen massiver Unterdrückung befreit.

Herr Roller, worauf kommt es bei der Bekämpfung von Sklaverei und wirtschaftlicher Ausbeutung in der nahen Zukunft an?

Wir brauchen eine Koalition seitens der Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Anders werden wir es nicht schaffen. Aber da sehe ich durchaus Fortschritte. Ein weiterer Punkt ist, dass wir die Banken noch viel stärker mit ins Boot holen müssen. Finanzinstitute spielen in der Zukunft eine entscheidende Rolle im Kampf gegen moderne Sklaverei und wirtschaftliche Ausbeutung. Da sind wir auch schon am Dialog dran und es gibt erste Allianzen wie mit der Global ATM Alliance.

Was kann seitens der Banken passieren?

Die Banken verfügen über eine Vielzahl von Daten und können Beweise liefern, die der Strafverfolgung dienen. Ein Beispiel: Kinder werden auf den Philippinen über das Internet verkauft und die Täter*innen sitzen zum Beispiel hier in Deutschland und bezahlen über einen Dienst 100 Dollar, um zu entscheiden, was mit dem Kind geschehen soll. Das Ganze funktioniert aber eben nur, da dort ein Finanzfluss besteht. Wir wissen, dass die Großen anfangen ihre Schalterbeamten darauf aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. Wenn jemand regelmäßig 100 Dollar auf die Philippinen überweist, liegt der Verdacht nah, dass so etwas passiert.

Es kommt also darauf an, bestimmte Muster zu erkennen …

Auch Fluggesellschaften können Flugbegleiter*innen und Bodenpersonal entsprechend ausbilden, um Menschenhandel oder Zwangsprostitution zu erkennen. Wenn jemand auf Muster achtet, kann sie oder er maßgeblich Einfluss darauf haben, dass so etwas gestoppt wird. Deswegen sage ich, dass wir alle zusammenarbeiten müssen, wenn wir bis zum Jahr 2030 Sklaverei abgeschafft haben wollen.

Mehr Transparenz soll der Sklaverei für alltägliche Produkte der Moderne ein Ende setzen. Foto: Dietmar Roller

Moderne Sklaverei und wirtschaftliche Ausbeutung stecken in unseren alltäglichen Produkten. Viele Menschen schauen noch weg. Denken Sie, dass sich ihr Bewusstsein künftig verändern wird?

Vor Kurzem hat eine Konferenz stattgefunden, an der große Konzerne teilgenommen haben. Es wurde ganz offen über das Thema gesprochen. Man merkt, dass schon jetzt eine größere Sensibilisierung da ist. Die kommt zum Großteil über die Verbraucher, die nachfragen. Ähnlich wie beim Fair Trade brauchen wir eine Revolution für sklavenfreie Produkte.

An welchen Technologien arbeiten Sie?

Wir haben eine App entwickelt, in der wir die ersten sklavenfreien Produkte und Hersteller auflisten, um einen kleinen Anfang zu machen. Aber so etwas kann einen Ansporn geben, um das Bewusstsein weiter auszubauen.

Welche weiteren Möglichkeiten könnte es in der nahen Zukunft geben?

Allgemein gibt es verschiedene Ansätze, die jetzt anfangen und in der Zukunft weitergehen. Es gibt Satelliten, die heute schon sehr günstig im All sind. Auf deren Bildern sind legale und illegale Minen zu sehen. Überwachungstechniken werden also auch für Nichtregierungsorganisationen erschwinglich. Technologie spielt auch bei den Opfern selbst eine Rolle, die immer öfter an Handys herankommen, um Hilfe zu holen. Die Kommunikation verändert sogar bei den Ärmsten der Armen die Möglichkeiten. Sie können in einer Situation sprachfähig werden, in der sie sprachunfähig gehalten werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Roller.


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Kompendium: Unsichtbare Sklaverei

Das Schlüsselwort lautet Verantwortung

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Das Schlüsselwort lautet Verantwortung

Foto: jbhthescots (CC BY-ND 2.0)

Foto: jbhthescots (CC BY-ND 2.0)

Eine Welt ganz ohne Formen von moderner Sklaverei und Ausbeutung scheint noch sehr weit entfernt. Unmöglich ist eine solche Gesellschaft aber nicht. Wir wagen einen Blick in die ferne Zukunft.

Sklaverei wurde offiziell abgeschafft, nach und nach, weltweit. Doch was auf Papier steht, ist nicht in Stein gemeißelt. Und so wurde man sich auch der unsichtbaren, der modernen Sklaverei bewusst und kündigte dieser den Kampf an. Mit den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen sollte die bis zum Jahr 2030 nur noch Teil der Vergangenheit sein.

Der Weg zum Ziel könnte durchaus länger dauern, denn es gilt eine Mauer des Profits zu durchbrechen. Darin ist moderne Sklaverei noch als lukratives Milliardengeschäft verfestigt. Sklaventreiber tun deshalb alles, um die Thematik aus der öffentlichen Diskussion zu verbannen. Damit das Leid hinter der Ware Mensch, die zum Kapital der Wirtschaft wurde, im Verborgenen bleibt.

Trotzdem ist eine gänzlich positive Entwicklung – unter anderem durch neue Möglichkeiten, Vereinbarungen und Technologien – sicherlich nicht unmöglich, heute aber noch schwer vorstellbar. Vielleicht blendet unser wirtschaftliches System die Vorstellungskraft von einer Welt, in der weder Profit über Mensch noch Mensch über Mensch steht. Wir haben darüber mit Prof. Dr. Tamara Jugov gesprochen.

Foto: Sorem Astrup

Jugov ist Professorin für politische Philosophie an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich unter anderem mit Themen wie Beherrschung und struktureller Dominanz. Sklaverei, so die Philosophin, ist deshalb ein moralisches Übel, weil hier Menschen willkürliche soziale Macht über andere Menschen haben. Willkürliche Macht haben Menschen noch immer über andere, auch dann, wenn Formen der Sklaverei nicht mehr legal festgeschrieben sind. Doch wie könnte eine Gesellschaft ohne solche unsichtbaren Formen der Sklaverei in der fernen Zukunft aussehen?

Eine Welt ohne unsichtbare Sklaverei

Es wäre wohl eine Welt, in der alle Machtunterschiede zwischen Menschen gerechtfertigt werden könnten, erklärt Jugov. Nachdenklich fügt sie hinzu: „Natürlich wären nicht alle Menschen gleich, manche hätten mehr Macht als andere, etwa weil sie zur Bundeskanzlerin gewählt worden sind. Aber Menschen hätten nicht mehr allein deshalb mehr willkürliche Macht über andere, weil sie zufällig in Deutschland und nicht in Bangladesch geboren sind – und deshalb eine viel bessere Ausbildung, mehr ökonomische Chancen und Geld haben.“

Unsere Wirtschaft würde dann möglicherweise nicht mehr dazu führen, dass manche Personen andere beherrschen können. Zwar gäbe es auch hier noch Unterschiede, aber keine so radikalen Machtungleichgewichte, wie sie heute das Verhältnis zwischen dem Gewinner und dem Verlierer des kapitalistischen Systems kennzeichnen.

Eine potenzielle Trendwende des wirtschaftlichen Systems prophezeien einige Ökonomen schon jetzt. Nicht zuletzt aufgrund der Finanzkrise, Staatsverschuldung und globaler Ungleichheit. Jugov erinnert an Karl Marx, der zu Lebzeiten meinte, dass „Ausbeutung in einer kapitalistischen Gesellschaft notwendigerweise vorkommen muss.“ Darüber, ob eine Auflösung solcher im Umkehrschluss auch ein Ende des Kapitalismus bedeuten könne, lässt sich nur spekulieren.

Karl Marx sah Ausbeutung als inhärentes Charakteristikum von Kapitalismus. Foto: John Jabez Edwin Mayal – International Institute of Social History

Voran geht es nur gemeinsam und verantwortungsvoll

Zukünftig wichtige Veränderungen erreichen, können wir nur gemeinsam. Das findet auch die politische Philosophin. Die Verantwortung läge in uns als Bürger*innen, die künftig mehr Druck aufbauen sollten, um „zum Beispiel sehr mächtige Akteure politisch besser zu kontrollieren und Macht besser zwischen den Besitzenden, den Unternehmern und den Angestellten und Arbeitern zu verteilen.“

Verantwortung. Sie kann nicht nur das Schlüsselwort einer fernen Zukunft sein. Verantwortung, weil jede*r diese selbst übernehmen muss, um eine faire Umwelt mitzugestalten. Verantwortung, weil mächtige Akteure für ihr Handeln viel stärker verantwortlich gemacht werden. Die Lösung scheint so einfach, dass sie es bereits in einen Comic schaffte. Schon Spiderman wusste: „With great Power comes great Responsibility.“ Mächtige Akteure – etwa solche aus der Wirtschaft – zur Verantwortung ziehen, müssten neben einer kritischen Öffentlichkeit eigentlich Staaten erledigen, meint Jugov: „Und darauf, dass Staaten das tun, sollten wir Bürger viel mehr drängen.“ Nicht irgendwann. Jetzt.


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