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Kompendium: Virtuelle Gewalt

Schon in der Antike war die Darstellung von Gewalt zweckdienlich: Sie diente der Unterhaltung, Abschreckung oder Lehre.

Kompendium: Virtuelle Gewalt

Verbesserungen in der Fotografie, bei der Radiotechnik und die Einführung von Film und Fernsehen tragen dazu bei, die Gewalt in den Medien auch akustisch und optisch erlebbar zu machen.

Kompendium: Virtuelle Gewalt

Das Internet hat neue Medien erschaffen, die zu einer Demokratisierung der Medienwelt geführt haben, mitsamt der positiven und negativen Auswirkungen.

Kompendium: Virtuelle Gewalt

Fast forward in das Jahr 2030. Vom möglichen Identitätsklau bis hin zum amoralischen VR-Game der Zukunft: Der Fortschritt in der Wissenschaft kreiert neue Herausforderungen.

Kompendium: Virtuelle Gewalt

Jedes Entertainment-Produkt und jede Konversation ist einsehbar. Dadurch wird auch die Darstellung von und Partizipation an der Gewalt in den Medien zu einem alltäglichen Bestandteil im Leben. Man selbst wird das Medium, man selbst erschafft die Medien und beeinflusst ihre Inhalte und Ausrichtung 24/7.

Kompendium

Jeder Mensch, der einen Internetzugang hat, kann heute Opfer und Täter virtueller Gewalt werden. Offenbart dieses Massenphänomen den zerstörerischen Instinkt des Menschen? Oder ist er Teil einer jahrhundertealten Medienentwicklung?

Kompendium: Virtuelle Gewalt

Schriften als Multiplikatoren von Gewaltdarstellung

Kompendium: Virtuelle Gewalt

Schriften als Multiplikatoren von Gewaltdarstellung

"Grausamkeit, Schmerz und Leid, die Misshandlung von Fremden, Armen und Schwachen. Eindrucksvolle Blutbäder – alles unter dem Deckmantel des Ruhmes und der Ehre." By William-Adolphe Bouguereau

Es erklärt sich von selbst, dass das Thema der virtuellen Gewalt, wie wir es im Jahr 2018 begreifen, in der griechischen Antike nicht relevant war. Aber schon damals war Darstellung von Gewalt zweckdienlich: Sie diente der Unterhaltung, Abschreckung oder Lehre. Wie bei der Geschichte zur Büchse der Pandora: dem Mythos darüber, wie das Böse in die Welt kam.

Von politischer Macht und dem gekränkten Ego

Als Reaktion auf das von Prometheus gestohlene Feuer ließ Zeus Pandora, die erste Frau, aus Lehm erschaffen. Sie wurde als Geschenk an Epimetheus überliefert – zusammen mit der Warnung, keine Gaben von Zeus anzunehmen. Aufgrund ihrer Schönheit und zahlreicher betörender Talente, kannte Epimetheus jedoch kein Halten und heiratete sie (dieser Lustmolch!). Dies war der perfekte Zeitpunkt für Pandora ihre kleine Büchse zu öffnen und all das Böse auf die Welt zu bringen. Als eine der ältesten Überlieferungen der griechischen Mythologie wurde nicht nur der Hass auf Frauen geschürt (thanks for that…), sondern, analog zum Sündenfall in der Bibel, auch davon erzählt, wie Krankheit, Gewalt, Leid und Tod über die Menschheit kam.

Einer der bekanntesten und einflussreichsten Belege für die Verbindung zwischen der Menschheit, den Medien und der Gewalt ist aber das Troja-Epos von Homer, eine der ersten fixierten Schriften der Menschheit. Selbst wenn umstritten ist, ob Homer der ursprüngliche Verfasser ist, wann genau das Werk niedergeschrieben wurde und wie viele historische Fakten wahrheitsgetreu festgehalten wurden, steht fest: Es ist ein Zeugnis brutaler Gewalt. Aufgeteilt in zwei Bücher, Ilias und Odyssee, wird aufgezeigt, wozu Menschen in diesem sagenumwobenen Krieg fähig waren: Grausamkeit, Schmerz und Leid, die Misshandlung von Fremden, Armen und Schwachen. Eindrucksvolle Blutbäder – alles unter dem Deckmantel des Ruhmes und der Ehre.

Pandora öffnet ihre Büchse und das Böse erobert die Welt.  By Nicolas Régnier

Brutale Novellen als Entertainment

Auch Jahrhunderte später hat sich an dem Verhältnis zwischen Gewalt, Medien und Mensch nichts geändert, tatsächlich wurde es intensiviert. Mit der Erfindung und Verbreitung der von Johannes Gutenberg entwickelten Druckpresse, konnten schriftliche Medien in größerer Auflage vertrieben werden. Dank der Mechanisierung und der Massenproduktion am Fließband wurde das geschriebene Wort zu einem zugänglichen Kommunikationsmittel: Im späten 17. Jahrhundert waren  autobiografische Novellen von amerikanischen Siedlern ein echter Hit. Sie enthielten oft sehr detailreiche Beschreibungen darüber, wie Siedler durch Native Americans massakriert wurden. Westworld lässt grüßen! Dies ist nur eines von vielen Beispielen, wie auch damals hasserfüllte politische Kämpfe über die Medien geführt wurden.

Abgesehen vom hetzerischen Inhalt dieser Geschichten wurde auch vom amerikanischen Präsidenten, dem Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, Kritik geübt. Seiner Meinung nach würden gewaltverherrlichende Bücher dazu führen, dass Leser einen verzerrten Blick auf die Realität bekämen und ihre Vorstellungskraft ausgereizt würde. Dies regte zukünftige Autorinnen und Autoren jedoch nicht dazu an, ihre Thematik zu überdenken. Schließlich ließ sich damit gut Geld verdienen: Im 18. und 19. Jahrhundert erfreuten sich Bücher, in denen es um die Verführung Minderjähriger, sexuellen Missbrauch und andere physische Gewalt ging, besonderer Beliebtheit.

Kann Gewalt schön sein?

Oder was ist es sonst, dass die Medien dazu bewegt, Gewalt darzustellen und Menschen dazu bringt, diese zu konsumieren? Als im 18. Jahrhundert der Schauerroman, die Gothic Novel, auf den Büchermarkt kommt, der darauf abzielt, Angst und Schrecken bei den Käuferinnen und Käufern auszulösen, wird klar: Dabei handelt es sich um ein Mittel der Unterhaltung. Der Autor, Philosoph und Politiker, Edmund Burke, befasste sich in seiner Untersuchung vom Erhabenen und Schönen im Jahr 1757 mit diesem Phänomen. Warum stellen literarische Medien Gewalt in dieser extremen Form dar? Er stellte die Theorie

Schon in den Sagen der Antike spielte Gewalt eine große Rolle. Auch in den folgenden Jahrhunderten werden detaillierte Darstellungen von blutrünstigen Kämpfen erzählt. By Jacques Réattu

auf, dass es in der Kunst nicht darum ginge, Schönheit zu zeigen, sondern etwas Erhabenes zu kreieren, das starke Gefühle auslöst. Und das stärkste Gefühl war seiner Meinung nach der Schmerz. Burke zufolge könnten Schmerz und Entsetzen ein angenehmes Gefühl beim Menschen auslösen: Erleichterung, da man selbst nicht die betroffene Person ist. Entspannung, sobald der Schrecken verdaut ist. Befriedigung, wenn ein einflussreicher Charakter besonders tief fällt.

In diesem Sinne kann man auch den Erfolg von Büchern wie Émile Zolas Die Bestie im Menschen aus dem 19. Jahrhundert erklären. Hier werden die tiefen Abgründe der menschlichen Existenz dargestellt – und trotzdem wird immer wieder auch Hoffnung beim Leser geweckt. So auch im Falle des Mythos der Pandora übrigens. Denn als Pandora ihre Büchse ein weiteres Mal öffnet, befreit sie damit die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass im echten Leben vielleicht doch alles besser wird…

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Gewalt für alle Sinne – die Geburt der Massenmedien

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Gewalt für alle Sinne – die Geburt der Massenmedien

Mit der Entwicklung der Technik wird die Darstellung von Gewalt vielfältiger und damit auch häufiger. Foto-Collage: Frank Okay und Ernest Brooks

Mit der Entwicklung der Technik wird die Darstellung von Gewalt vielfältiger und damit auch häufiger. Foto-Collage: Frank Okay und Ernest Brooks

Werden Gewaltgeschichten erst einmal visualisiert, entsteht eine ganz neue Gewalterfahrung. Mit dem Fortschritt der visuellen Technologie im 18. und 19. Jahrhundert haben sich auch die Medien weiterentwickelt. Printmedien mit einer hohen Auflage und immer günstiger werdende Produktionskosten verbreiten täglich Nachrichten aus der Welt in der Bevölkerung – mit zum Teil verstörender Detailgenauigkeit von Gewalttätigkeiten. Verbesserungen in der Fotografie, bei der Radiotechnik und die Einführung von Film und Fernsehen tragen dazu bei, die Gewalt in den Medien auch akustisch und optisch erlebbar zu machen.

Von der passiven Wahrnehmung zur aktiven Ausführung

Die Darstellung von Gewalt wurde mit Un Chien Andalou von Luis Buñuel und Salvador Dalí im Jahr 1929 mit der Methode der Montage revolutioniert. Das bekannteste Beispiel ist die Szene, in der der Protagonist einer Frau mit einer Rasierklinge durch das Auge schneidet. Aber erst seit Ausbreitung des Fernsehens in den 60ern wurde der Zusammenhang zwischen medialer Gewaltdarstellung in Filmen, Serien und Nachrichten und dem Anstieg von real ausgeführter Gewalt erforscht. So wurde festgestellt, dass in den USA die Gewaltquote im Jahr 1965 tatsächlich angestiegen ist. Könnte das daran liegen, dass die erste Generation von Kindern, die damals mit dem Fernsehen aufgewachsen ist, in das Alter kam, in dem sie selbst Gewalt ausüben konnte? So die Spekulationen der Autoren Brad J. Bushman und Craig A. Anderson in ihrem Abstract „Media Violence and the American Public”. Dennoch wäre es zu einfach, allein die Fernsehprogramme für den Anstieg von realer Gewalt verantwortlich zu machen. Soziale Probleme in den USA wie beispielsweise der andauernde Rassismus, die Benachteiligung der Black Community und der wachsende Drogenhandel werden ausgeklammert, wenn es um die Gründe für einen Anstieg der Kriminalität geht. Dennoch stellt sich die Frage: Können die Medien die Menschheit mit Gewalttätigkeit infizieren?

Yellow Press, Tabloid Journalism oder die Boulevardpresse: Sensationsgier verkauft sich

Doch nicht nur physische Gewalt wird in den Medien dargestellt, auch psychische Schonungslosigkeit wurde dort etabliert und spricht so die niederen Triebe des Menschen an: Je schockierender und krasser der Inhalt, desto größer das Aufsehen. Dabei ist unwichtig, ob der Inhalt auf Klatschinformationen, Halbwahrheiten, der Fiktion oder böswilligen Intentionen des Verfassers beruht – was zählt, ist der Abverkauf. Mit dem sogenannten Pressekrieg im späten 19. Jahrhundert versuchten konkurrierende Medien den Gegner

“Je schockierender und krasser der Inhalt, desto größer das Aufsehen.” Foto: Elijah O’Donell

mit immer brisanteren Themen, auffälligeren Aufmachungen, reißerischen Headlines und kundenbindenden Ideen à la Comics auszustechen. Entstanden sind daraus Publikationen wie The Sun in Großbritannien oder die Bild in Deutschland. Letzteres Medium aus dem Hause Axel Springer wurde sogar zeitweilig zur auflagenstärksten Tageszeitung Europas. Durch die kontroverse Wortwahl und Aufbereitung aktueller Themen schaffen es die Boulevard-Redakteure, das Mainstream-Meinungsbild zu beeinflussen, was man beispielsweise an der Hetze auf die RAF in den 70ern (Bild) oder der profitablen Paparazzi-Jagd auf Princess Diana in den britischen Medien.

Die Geburt des Trolling und Pranking

Bevor die Begriffe im Internetzeitalter zu omnipräsenten Schlagwörtern geworden sind, wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereits der Grundstein für die heutige Troll-Szene gelegt. Das erfolgreiche Format Candid Camera, das zunächst als Radio-Show startete bevor es ins Fernsehen wechselte, hatte sich darauf spezialisiert, zufällig ausgewählte normale Menschen zur Belustigung anderer, uncharmant ausgedrückt, zu verarschen. Auf dieser sehr simplen Art der Unterhaltung basieren ebenfalls das 2000er Format Punk’d mit Ashton Kutcher oder das deutsche, familientauglichere Pendant Die versteckte Kamera, das zeitweise zur Prime Time im ZDF ausgestrahlt wurde. Die Schadenfreude wurde salonfähig, Pranking wurde zum Massenphänomen.

Der Begriff Troll hingegen wurde erstmals Anfang der 90er, in den frühen Tagen des Internets, in Foren wie BBS oder Usenet genutzt. In letzterem fand sich auch eine Definition: „utter a posting on Usenet designed to attract predictable responses or flames“. Ein Troll war also jemand, der durch kontroverse oder verwirrende Kommentare digitale Diskussionen störte und sich daran erheiterte. Doch wer hätte vermuten können, dass sich aus diesem vermeintlich harmlosen Verhalten eine ungeahnte Welle virtueller Gewalt in den neuen Medien entwickeln könnte…

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Die demokratisierte Gewalt auf dem Smartphone

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Die demokratisierte Gewalt auf dem Smartphone

"Vermeintlich harmlose Streiche oder Provokationen werden zu ausgewachsenem Cyber-Mobbing mit teils fatalem Ende." Foto: Mwangi Gatheca

War es früher einer selektierten Elite vorbehalten auf die Medien zuzugreifen, kann es heute jede und jeder tun – die digitalen Medien kann jeder nutzen, um Gewalt darzustellen und vor allem selbst auszuüben. Das Internet hat neue Medien erschaffen, die zu einer Demokratisierung der Medienwelt geführt haben, mitsamt der positiven und negativen Auswirkungen. Denn: Regulationen gibt es im Netz so gut wie keine. Zumindest bis jetzt.

Anti Social Media: Jede und jeder kann zum Opfer werden

Waren es vorher meist fiktive Charaktere oder Personen des öffentlichen oder politischen Interesses, kann nun jede und jeder zur Zielscheibe werden. Durch das Internet haben sich ganz neue Formen und Möglichkeiten der Gewalt eröffnet – besonders im Bereich der psychischen Gewalt. Sei es Cyber-Mobbing, Hate Speech oder Shit Storms – über Kommentare oder per Direkt-Nachricht kann jeder ständig und überall ein Opfer und Täter von psychischer Gewalt werden.

„96 % der 14- bis 24-Jährigen haben bereits Hass im Netz erlebt”

Durch die Distanz, die der virtuelle Raum schafft sowie durch die Möglichkeit einer anonymen Netz-Identität, sind die Hemmschwellen geringer zum Täter zu werden. Dabei beschränken sich die Angriffe nicht mehr auf Personen aus dem unmittelbaren Umfeld – auch Stars, Influencer und sogar zufällige Unbekannte kann es treffen. Hass im Internet ist schließlich leicht gesät. Eine Forsa-Umfrage der Landesanstalt für Medien NRW aus dem Jahr 2018 hat ergeben, dass 96 % der 14- bis 24-Jährigen bereits Hass im Netz erlebt oder gesehen haben. Besonders tragisch wird es, wenn man schaut, wie sich die Trolle weiterentwickelt haben: Statt der Unterhaltung zu dienen, gilt es nun die egoistischen Triebe zu befriedigen, vermeintlich harmlose Streiche oder Provokationen werden zu ausgewachsenem Cyber-Mobbing mit teils fatalem Ende. Mit dem Aufkommen dieser Tendenz steigt die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen sich selbst physischen Schaden zufügen, um das 2,3-fache. Dies belegt eine Studie von Forschern der Universitäten in Oxford, Swansea und Birmingham. Dabei wurden 150.000 Teilnehmer unter 25 Jahren aus insgesamt 30 Ländern über eine Zeitspanne von 21 Jahren beobachtet.

Foto: Mwangi Gatheca

Trolle und Hater nutzen das Internet gezielt, um gegen Personen zu hetzen, die häufig einer benachteiligten Bevölkerungsgruppe angehören. Die Plattform no-hate-speech.de nennt als Gründe dafür: „Sexismus, (antimuslimischer) Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Neonazismus, Klassismus, Ableismus, Homo- und Transphobie.“

“Wer hat dir erlaubt das Baumwollfeld zu verlassen?”

In der Dokumentation “Lösch Dich” wird diese neue Form der Gewalt auf interessante und investigative Weise portraitiert. Journalisten schleusen sich undercover in die Kreise von rechten Digital-Aktivisten ein, die gezielt Hass streuen, sich zusammenschließen und die Medien instrumentalisieren. Aber auch Betroffene von Hate Speech kommen zu Wort und erzählen von den psychischen Folgen und die Konsequenzen für ihr eigenes Verhalten im Netz. Der Netzaktivist und YouTuber Tarik Tesfu, der sich für Feminismus, Gleichstellung und Anti-Rassismus einsetzt, ist einer von ihnen: „Wenn man mit 500 Kommentaren am Morgen wach wird und sich eigentlich denkt, „Heute ist ein geiler Tag“, dann aber liest, dass man für andere ein Vollpfosten ist, dann ist das verletzend. Wenn Du 2-3 Kommentare liest, denkst du Dir, come on, was soll’s? Aber diese Masse auszuhalten, das ist schon heftig.” Und diese Kommentare sehen so aus: „In der Zeit in der Du hier belanglose Scheiße redest, hättest Du auch einen Schal stricken können, damit arme Kinder in Afrika nicht erfrieren müssen. Lösch Dich einfach.” Oder so: „Ich bin nur auf dieser Seite, um alle Freunde der vulgären Analyse zu grüßen. Hurra, ich bin einer von 800 der Daumen Runter gedrückt hat. ”

 

Abgesehen von der persönlichen Diffamation und politischen Motivation, die oftmals hinter Hate Speech steckt, ist der digitale Hass auch ein Boost für das Selbstbewusstsein des Täters. Zu jedem Täter gibt es eine Reihe von digitalen Bully-Buddies, die ihn mit Zuspruch in seinem aggressiven Verhalten bestärken. Und virtuelle Gewalt beziehungsweise ihre mediale Darstellung kann, wie bei Candid Camera, durchaus lukrativ sein. Ein Beispiel dafür sind YouTube-Prank-Channels wie Kids Getting Hurt oder YouTubern à la Lucas and Marcus. Dort können Millionen von Abonnenten mitverfolgen, wie ahnungslose Menschen in eine Falle gelockt werden…

Weiterlesen Identitätsdiebstahl – neue Technologien, neue Gewalt
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Kompendium: Virtuelle Gewalt

Identitätsdiebstahl – neue Technologien, neue Gewalt

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Identitätsdiebstahl – neue Technologien, neue Gewalt

Gesichter sind austauschbar: Identitätsklau wird in Zukunft zu einem noch größeren Problem. Foto: Christal Yuen

Gesichter sind austauschbar: Identitätsklau wird in Zukunft zu einem noch größeren Problem. Foto: Christal Yuen

Fast forward in das Jahr 2030. Vom möglichen Identitätsklau bis hin zum amoralischen VR-Game der Zukunft: Der Fortschritt in der Wissenschaft kreiert neue Herausforderungen, um das Wohl des Einzelnen zu schützen und einen legalen Rahmen für die Ausschreitungen im Netz zu schaffen.

Du wachst morgens auf und schaust, was in der Welt so passiert ist. Plötzlich siehst Du einen Social Media-Account, auf dem unter Deinem Namen sämtliche Selfies gepostet wurden, von dem aus munter kommentiert wurde – doch es ist nicht Dein Profil. Ein anderes Szenario: Beim Herumstöbern auf YouTube entdeckst Du ein Video, in dem zwar Dein Gesicht zu erkennen ist, bei dem Du aber nie anwesend warst, als es gedreht wurde. Was ist passiert?

VR und AR beeinflussen das RL

Schon heute kann man sehen, wie Virtual Reality und Augmented Reality immer relevanter im Alltag werden. In der Zukunft wird die Technik unauffälliger, raffinierter, angenehmer – und wahrscheinlich so real, dass sie zur Zweitheimat wird, statt zur unterhaltsamen Realitätsflucht. Die seit den 90ern beliebten Ego-Shooter könnten eine Revolution erfahren: Die Gamer könnten in die digitalen Räume eintauchen, sie mit ihren eigenen Sinnen erfahren, Beziehungen zu Mitspielern aufbauen, die das Chatten weit überschreiten. Allerdings birgt diese Entwicklung auch Gefahren: Was wäre denn, wenn in den Ego-Shootern die dargestellte Gewalt auch erfahrbar für die einzelnen Personen wäre? Über Sensoren also tatsächlich die Schmerzen spürbar würden, eventuell sogar Menschen getötet werden könnten, online und analog? Die Cyber-Thriller Serie Kiss Me First von Bryan Elsley gibt einen Vorgeschmack auf diese mögliche Zukunftsdystopie, in der Realität und Virtualität immer mehr verschmelzen, kaum noch zu unterscheiden sind.

Und auch die Technologie des sogenannten DeepFake begeistert nur auf den ersten Blick: Artificial Intelligence kommt hier zum Einsatz, um täuschend echte Videos von Menschen zu erstellen, die niemals am Ort des Geschehens anwesend waren. So wurde beispielsweise Donald Trumps Gesicht auf das von Angela Merkel montiert. Oder es kursierten Rache-Pornos auf Reddit, häufig aufgemotzt mit den Gesichtern von Ex-Liebschaften. Wenn schon heute diese Technologie genutzt wird, um Gewalt zu vervielfachen, was passiert dann wohl in 12 Jahren? Wie weit gehen dann die Konsequenzen von Hate Speech, Identitätsklau und Cyber-Mobbing? Man stelle sich die Konsequenzen vor, wenn Politiker im Web gefaked würden. Wenn niemand mehr zwischen Wahrheit und gefährlicher Inszenierung unterscheiden könnte.

Die automatisierten Cyberattacken

Bots und Spamfunktionen werden zum Problem, wenn diese so präzise arbeiten, dass sie sogar Blockaden umgehen können und eigenständig herausfinden, welche Digital-Person in das Raster fällt. Foto: Franck V.

“Lösch Dich” von Rayk Anders hat gezeigt: Nach und nach werden Hass-Kommentare und andere der Hassreden automatisiert, um nach gewissen Algorithmen gezielt Gewalt auszuüben. Dies könnte auch in Zukunft zu einem ausgewachsenen Problem werden, wenn Bots und Spamfunktionen so präzise arbeiten, dass sie sogar Blockaden umgehen können und eigenständig herausfinden, welche Digital-Person in das Raster fällt. Ganze Wahlkampagnen könnten so im Sinne bestimmter Gruppen beeinflusst werden, wenn Einschüchterung, Angst und Brainwashing auf dem Siegeszug sind. Der digitale Info-Krieg, der bereits im Jahr 2018 begonnen hat, würde auf ein neues Level gehoben werden.

Free Speech vs. Political Correctness

In Zukunft wird die Diskussion um die Grenzen der freien Meinungsäußerung des Einzelnen weitergeführt werden. Denn, wann wird dieses Grundrecht zur illegalen Hetze, zum schädlichen Content? Sollte eine staatlich initiierte Zensurinstanz darüber entscheiden? Aber wie würde sie dann funktionieren und bewerten, wann eine Grenze überschritten worden ist? Besonders auf YouTube zeigt sich bereits heute eine besorgniserregende Tendenz: Conservatives und Alt-Rights schieben die Meinungsfreiheit vor, um ihr Gedankengut zu legitimieren. Im Gegensatz dazu proklamieren sie Political Correctness als Einschränkung ihrer Rechte. Wichtig wird dann das Zusammenspiel zwischen staatlicher Justiz und dem Rechtsempfinden des Einzelnen, so, wie es seit Anfang 2018 schon mit dem Gesetz gegen Hass im Netz eingeleitet wurde. Websites und Social Media-Betreiber sind dazu verpflichtet mehr Transparenz im Beschwerdemanagement für den Umgang mit rechtswidrigen Inhalten à la Hasskriminalität darzulegen und schneller und effektiver gegen Verstöße vorzugehen. Bei einem Verstoß gegen diese Fristen haben User die Möglichkeit ein Online-Formular zu nutzen und es beim Bundesamt für Justiz einzureichen. Dieses entscheidet wiederum, ob ein Bußgeld von den betroffenen Unternehmen eingefordert werden kann.

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Ist die gewaltfreie Zukunft nah?

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Ist die gewaltfreie Zukunft nah?

"Vielleicht schaffen wir es aber mit neuer Technologie auf neuem Wege auch virtuelle Harmonie zu verbreiten. Ein Versuch wäre es doch wert, oder?" Foto: Kyle Szegedi

Wenn durch Kontaktlinsen im Auge jede Information, jedes Entertainment-Produkt und jede Konversation einsehbar ist, wird auch die Darstellung von und Partizipation an der Gewalt in den Medien zu einem alltäglichen Bestandteil im Leben. Das Evernet ist geboren. Man selbst wird das Medium, man selbst erschafft die Medien und beeinflusst ihre Inhalte und Ausrichtung 24/7.

Artificial Intelligence als virtuelle Lehrer*in

Womit die Wissenschaft schon heute begonnen hat und was sich noch drastisch weiterentwickeln wird, ist die Technologie um Artificial Intelligence. Hat sie in der Zukunftsvision des Jahres 2030 noch einen zerstörerischen Effekt, so wird ihre Macht bis in das Jahr 2050 einen positiven Nutzen erfahren. Statt selbst Gewalt zu kreieren beziehungsweise zu ermöglichen, werden Bots und Anti-Spam-Tools dazu genutzt, Hate Speech zu erkennen, zu filtern und zu melden. Anstatt Äußerungen und Meinungen einfach zu verbieten, erscheint ein VR-Wesen um darüber aufzuklären. Sobald gewalttätige Inhalte in der Kontaktlinse abgerufen werden sollen oder selbst publiziert werden sollen, etwa in den Kommentaren, so erscheint dieses Wesen um einen Diskurs anzuzetteln – Wissen gegen Hass. Harmonie statt Gewalt.

In Zukunft können wir unsere Aggressionen in virtuellen Räumen abbauen. Foto: Xuan Nguyen

Ein anderes Szenario: Durch die untrennbare Verknüpfung von realem und virtuellem Leben ist die Anonymität im Netz obsolet geworden. Unser virtuelles Ich ist keine unbekannte Entität mehr – sondern unser echtes Ich. Die Hemmschwelle virtuellen Hass zu säen existiert wieder, die anonyme Sicherheit ist non-existent. So würde Gewalt gegen spezifische Gruppen oder Personen im Internet dank der Strafverfolgung und des Wissens darüber, wer die Person am anderen Ende der Leitung ist, geringer werden.

Neue Kanäle, um Gewalt auszuleben

Wie man seit der Antike jedoch sehen kann: Der Mensch ist ein zwielichtiges Geschöpf, das die Medien nutzt, um Gewalt darzustellen, aber auch, um Gewalt zu legitimieren. In knapp drei Jahrzehnten wäre es also denkbar, dass virtuelle Räume kreiert werden, die speziell den Nutzen haben, Aggressionen, ob physischer oder psychischer Natur, abzubauen und danach sich entspannt im realen Umgang zu verhalten. Als Zielscheiben für die Angriffe gelten dabei rein fiktive Wesen, die im Bestfall auch nur wenig Ähnlichkeit mit dem Menschen aufweisen, sodass Gewalt entpersonifiziert werden kann. Wie in der Steinzeit kämpfen wir dann vielleicht wieder mit einem Säbelzahntiger. Oder gegen gänzlich abstrahierte Wesen, die unsere Fantasie mit jedem Mal neu erschafft.

Sich in die Haut der Opfer zu begeben, kann helfen ihren Schmerz nachzuempfinden und künftige Gewalt zu vermeiden. Foto: Christan Newman

Bereits heute wird ein artverwandtes Feld erforscht, das in der Zukunft an Relevanz für das gemeinschaftliche Zusammenleben gewinnen wird: Digitale Orte, in denen sich Gewalttäter in die Rolle ihrer Opfer versetzen können. Sich in ihre Haut hineinversetzen können, ihre Gefühle erfahren, ihre Hilflosigkeit spüren können. Ein Feld, das eventuell zur Prävention von psychischer und physischer Übergriffe, ob in der virtuellen oder analogen Welt, führen kann und aufklärt mithilfe eines solch einschneidenden Erlebnisses. Denn: Empathie, so scheint es, ist eine Empfindung, die im Rahmen der virtuellen Gewalt viel zu häufig von anderen Gefühlen überschattet wird. Die immer mehr verloren geht. Doch die Zukunft könnte Hoffnung geben. Eine Hoffnung, die reiner und froher ist als die, die Pandoras Büchse entwichen ist. Eine Zukunft, in der die Menschen die Gewalt so verabscheuen, wie eine schlimme Krankheit. Denn nichts anderes ist Gewalt. Ein Virus, den wir seit Jahrtausenden über die Medien verbreitet haben. Vielleicht schaffen wir es aber mit neuer Technologie auf neuem Wege auch virtuelle Harmonie zu verbreiten. Ein Versuch wäre es doch wert, oder?

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