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Short Q

Ein neuer Trend, der keiner ist: Dopamin-Fasten

Ein Startup aus dem Silicon Valley proklamiert Dopamin-Fasten als neuen Trend. Aber handelt es sich dabei wirklich nachweislich um einen Trend und kann man überhaupt Dopamin “fasten”?

Stell dir vor, dein Handy, dein Laptop und dein Tablet PC fallen aus, deine Freunde sind alle im Urlaub – ohne dich – und du kannst auch kein Netflix gucken, weil es bei deinem Internetanbieter mal wieder eine Störung gibt. Du hast eigentlich keinen Grund rauszugehen und du kannst dich nicht mal mit Instagram oder Facebook ablenken. Achja, und Essen ist auch keins mehr im Kühlschrank, bestellen geht auch nicht. Zu trinken bleibt dir nur das Wasser aus dem Hahn.

Kein Social Media, keine Kontakte, kein Entertainmet, kein Essen – Dopamin-Fasten erfordert den Verzicht auf alles, was Freude macht. Foto: Daria Shevtsova.

Was nach einem richtig blöden Tag in einem (unbeabsichtigten) Offline- und Isolationszustand klingt, wurde jetzt von James Sinka aus dem Silicon Valley als neuer Trend “vermarktet” –mit kräftiger Unterstützung der Medienwelt. Sinka ist 24 und gründete mit zwei Kommilitonen das Startup sleepwell, das sich mit Schlafproblemen beschäftigt. Dopamin-Fasten nennt sich besagter Trend und es soll darum gehen, das Gehirn von der ständigen Dopamin-Ausschüttung durch äußere Reize im Alltag zu entwöhnen. Das mache einen dann nach ein paar Stunden oder einem ganzen Tag wieder aufnahmefähiger und vor allem wieder empfänglicher für Glücksmomente. 

Als er und sein Mitgründer von Sleepwell ,Andrew Fleischer, im November 2019 von der Journalistin Nellie Bowles für die New York Times bei einem Dopamin-Fast-Tag begleitet wurden, ging dies als Trend in den Medien viral. Ohne Beweise dafür liefern zu können, dass das wirklich jemand außer den beiden und ein paar anderen macht. Kurzum: Ob es diesen überhaupt Trend gibt. Die Tatsache, dass ein Startup-Gründer aus dem Silicon Valley sich einmal im Quartal von allen äußerlichen Reizen und sozialen Kontakten abschirmt, um “Dopamin zu fasten” reichte wohl aus, um von einem Trend zu sprechen. Was steckt aber hinter dem neuen Trend, der womöglich gar keiner ist?

Dopamin bereitet auf Belohnungen vor

Im Zeitalter der Digitalisierung befinden wir uns in einem konstanten Zustand der Überreizung. Dopamin-Fasten soll helfen. Foto: Marten Bjork.

Beginnen wir mit der Frage, was Dopamin ist. Dopamin ist das Hormon, dass besonders dann ausgeschüttet wird, wenn wir in Erwartung auf etwas sind oder auf eine Belohnung hinarbeiten, verrät Live Science. Eigentlich eine feine Sache, wirken diese Momente der Dopaminausschüttung doch motivierend und konzentrationsfördernd auf uns Menschen. Denn sie trainieren uns darauf, nach Erledigung bestimmter Aktivitäten ein gutes Gefühl als Belohnung zu erwarten. 

Heute mit dem Smartphone und allen anderen technologischen Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts gestaltet sich das jedoch womöglich als Problem: Mit der Erwartung jedes Herzchens, das unsere Instagram Posts bekommen oder auf jeder Folge der immer verfügbaren Lieblingsserie auf Netflix schüttet unser Gehirn Dopamin aus. In der Folge sind langfristig immer stärkere Reize notwendig, um ein Gefühl der Vorfreude und Motivation überhaupt noch zu spüren. Denn das Belohnungsgefühl ist so schnell und einfach zu bekommen wie noch nie zuvor. Soweit so richtig. 

Kann man Dopamin überhaupt fasten?

James Sinka will dem nun mit beabsichtigtem Dopamin-Fasten Abhilfe schaffen. Hierbei soll entweder für ein paar Stunden oder gar einen Tag auf alles verzichtet werden, was in uns (Vor)Freude auslöst: persönliche Kontakte, Social Media, essen, fernsehen, lesen – die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Er behauptet, damit könne das Dopamin-Level so weit heruntergefahren werden, dass man die Glücksgefühle nach einiger Zeit der Abstinenz wieder einmal richtig spüren kann. Er mache das selbst vierteljährlich und es helfe ihm, im Alltag wieder glücklicher zu sein, erklärte er der BBC.

Eigentlich logisch: die Reizüberflutung des Alltags mal für eine Weile hinter sich zu lassen und sich eine Pause zu gönnen tut jedem mal gut. Dafür sind tatsächliche Trends wie Reisen in Schweigekloster oder Meditation viel zu beliebt geworden in der jüngeren Vergangenheit. Trends im Übrigen, die sich statistisch klar nachweisen lassen im Gegensatz zum Dopamin-Fasten. Hinzu kommt das Problem, dass auch der Verzicht auf alle technologischen Annehmlichkeiten motiviert angegangen werden kann, was auch wieder Dopamin ausschüttet. Insofern klappt das mit dem Fasten vermutlich nicht so einfach, wie Sinka sich das vorstellt. 

Das Problem ist nicht das Dopamin, sondern unser Verhalten

Dopamin-Fasten oder Digital Detox? Letztendlich geht es um die Bekämpfung toxischer Verhaltensweisen. Foto: Marianne Krohn.

Letztlich ist es ist es so, dass es praktisch unmöglich ist, Dopamin wirklich zu fasten. Denn nicht nur das Belohnungszentrum, sondern auch andere Bereich im Gehirn brauchen Dopamin, um einwandfrei funktionieren zu können. Es wird also eigentlich ständig irgendwo gebraucht. Was es stattdessen zu fasten gilt, ist offenbar toxisches Verhalten im Alltag. Denn das sogenannte “Dopamin-Fasten” ist im Prinzip nichts weiteres als ein klassischer Digital Detox: Das Handy ausschalten, etwas im offline Leben machen, sich auf sich selbst zurückbesinnen, entschleunigen, eine Pause machen – vielleicht auch meditieren. Aber das hat mit einer vermeintlichen “Dopamin-Sucht” und deren Entwöhnung eigentlich nichts zu tun. Es ist unser Verhalten, das uns süchtig macht – nicht das Hormon an sich. 

Mehr zu den Themen Glück und Achtsamkeit findest du in unseren Kompendien Entschleunigung und Happiness Management.

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