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Short Q

Die Klickbarkeit der Selbstverletzung

Der Tod der 14-jährigen Molly Russell versetzt die digitale Medienlandschaft in Aufruhr. Die junge Britin hat sich das Leben genommen. Ihre Motivation: Social Media Inhalte die Suizid glorifizieren. Anderthalb Jahre später klagt ihr Vater gegen die verantwortlichen digitalen Dienste und stellt öffentlich die Frage, wie das hätte verhindert werden können. 

Gibt man #selfharm auf Instagram ein, erhält man Zugriff auf über 650.000 Beiträge und zahlreiche Profile mit grafischen Inhalten. Wagt man die Eingabe von #suicide, erhält man sogar über 8 Millionen Beiträge. Selbstmord gehört zu den drei häufigsten Todesursachen bei Teenagern in Deutschland. In den USA, Taiwan und Japan ist die Prozentzahl noch höher, mit Südkorea an der Spitze.

Jungen Menschen die unter Depressionen oder anderen psychischen Krankheiten leiden wird empfohlen eine Community zu finden. Ihre Gedanken bezüglich Depressionen, Essstörung oder ihrem Selbstverletzungs-Verhalten mit anderen zu teilen kann unterstützend wirken. Doch auch der gegenteilige Effekt ist möglich, so dass der Todeswunsch nur verstärkt wird.In der Psychologie nennt man dieses Phänomen: soziale Ansteckung oder Transmission. Durch soziale Medien erreicht dieses Phänomen jedoch unvorhergesehene Ausmaße.

Die Wissenschaft findet bereits erste Hinweise auf einen Zusammenhang

Wie aktuell das Thema ist, zeigt unter anderem eine groß angelegte Studie aus dem Jahr 2018. Sie exploriert den Zusammenhang von der Social-Media-Nutzung der beteiligten Teenagern mit der aktuell weltweit steigenden Selbstmord- und Selbstverletzungsrate. Diese ergab, dass die Zunahme der Selbstmordrate mit der Zunahme der Nutzung von Social Media korreliert. Zusätzlich gibt es Hinweise darauf, dass Jugendliche, die sich selbst verletzen, in sozialen Netzwerken aktiver sind als Jugendliche, die sich nicht selbst verletzen. Zwar belegt eine Korrelation kein kausalen Zusammenhang. Dennoch ist das Ergebnis ein Hinweis das Politik, Eltern und Schule sich mit dem Phänomen beschäftigen müssen. 

 

Was macht Social Media mit unserer Psyche?

So reagiert die Politik und die Verantwortlichen von Instagram

Der 2018 neu besetzte CEO von Instagram, Adam Mosseri, reagierte mit Bedauern auf den Tod der 14-jährigen und implementiert eine sofortige Verschärfung der Zensur graphischer Inhalte auf Instagram.

In einem Statement im Februar 2019 schildert er: “Ab dieser Woche werden alle von uns überprüften Inhalte verschwommen anzeigen, falls sie Verletzungen darstellen. Wir erlauben den Nutzern allerdings weiterhin zu teilen, dass sie Probleme haben. Diese Inhalte werden jedoch nicht mehr in Suchergebnissen, unter Hashtags oder Kontoempfehlungen angezeigt.”Des Weiteren erklärt er, dass Inhalte, die Esstörungen, Selbstverletzungen und Suizid glorifizieren – wenn von Instagram entdeckt – sofort gelöscht werden.

Der Algorithmus zeigt dir an was du likest – egal wie gefährlich es für deine Psyche ist! 

Der neu eingeführte Instagram-Algorithmus soll Nutzern dabei helfen, Bilder und Profile, die sie interessieren, einfacher zu finden. Was für viele eine positive Personalisierung unseres Nutzungserlebnisses bedeutet, hat für Betroffene einer Depression oder Essstörung einen nachhaltig negativen Effekt. So werden ihnen verstärkt Inhalte angezeigt, die ihrer Psyche schaden, ohne dass sie dabei von Instagram ausreichend geschützt werden. Zwar werden Nutzer/innen bei gewissen Hashtags gewarnt und bekommen Notfallnummern eingeblendet, doch der Zugriff wird nicht unterbunden.

Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock reagiert ebenfalls auf den Suizid der Britin Molly Russell. Er warnt sogar, dass das Parlament über Möglichkeiten verfügt, Social Media-Plattformen in Großbritannien zu verbieten, sollten sich die Plattformen nicht um eine ausreichende Hilfestellung bemühen. Ein drastischer Schritt, der allerdings auch von den Nutzern durch eine Anonymisierung ihres Standorts und ihrer Identität übergangen werden könnte.

Wurde mit sozialen Netzwerken ein Biest geschaffen, dass sich nicht mehr kontrollieren lässt?

Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Selbstverletzung und Essstörungen wurden bereits vor über 2000 Jahren dokumentiert. Erst  in den letzten 12 Jahren erhielten sie aber durch soziale Plattformen einen neuen, schwer zu kontrollierenden Kanal, durch den sich Betroffene zu Selbstverletzung inspirieren und austauschen können. Erschütterndes Bildmaterial kann binnen Sekunden über Pinterest und Instagram aufgerufen, gespeichert und vermehrt werden – da kommt eine digitale Zensur kaum hinterher.

Nutzer, die soziale Plattformen aus therapeutischen Zwecken nutzen, aus dem Netzwerk auszuschließen ist kontraproduktiv.  Hilfreich wäre dagegen auffällige Nutzer durch eine interne Nachricht Hilfe anzubieten. Darüber hinaus könnte bei diesen Accounts die Suchoptionen eingeschränkt werden, um den Konsum an schädlichen Inhalten zu limitieren. Letzten Endes bleibt aktuell die bittere Erkenntnis: Es gibt Künstliche Intelligenzen, die Gemälde erstellen und binnen Sekunden Krebs identifizieren, aber man schafft es noch nicht, den Menschen online vor sich selbst zu schützen.

Wie das Internet jegliche Form von Gewalt bestärkt, wurde auch in unserem Kompendium Virtuelle Gewalt untersucht. 

Headerbild: Illustration ist Streetart von Tentoffel fotografiert von Pörsil under Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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