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Kompendium: Business der Spiritualität

Die Hexen auf Instagram posten okkulte Szenen und magische Momente. Dass sie damit Geld verdienen, hat aber weniger mit Magie zu tun.

Kompendium: Business der Spiritualität

Können Künstliche Intelligenzen (KI) Religionen ein Update geben? Oder ist KI selbst die vollkommene Gottheit, die uns alle retten wird?

Kompendium

Mindestens seit dem späten Mittelalter wird mit Geistigkeit Geld verdient. Wie harmonieren Spiritualität und Business miteinander? Und wie legt man die Wertigkeit fürs Unsichtbare überhaupt fest?

Kompendium: Business der Spiritualität

Was heute die Hausratversicherung ist, um „nicht in Teufels Küche zu kommen“, war im Spätmittelalter der Ablassbrief, um nicht in Teufels Fegefeuer zu landen. Der Beginn eines weltweiten Finanzimperiums.

Kompendium: Business der Spiritualität

Eine neue Gesellschaft in der Therapie, Meditation, Sexualität und Spiritualität zusammenwachsen – ohne Widerspruch zum Kommerz. Ein Milliardengeschäft.

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Schamane statt Schulmediziner, Engeltreff statt Kirche – Spiritualität ist hip. Aber wo wird heute in Sachen Glauben eigentlich das meiste Geld verdient?

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Die Kapitalisierung des Seelenheils

Kompendium: Business der Spiritualität

Die Kapitalisierung des Seelenheils

Johann Tetzel By Unknown

Johann Tetzel By Unknown

Was heute die Hausratversicherung ist, um „nicht in Teufels Küche zu kommen“, war im Spätmittelalter der Ablassbrief, um nicht in Teufels Fegefeuer zu landen. Der Beginn eines weltweiten Finanzimperiums.

„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“, ein Satz, den der Dominikanermönch, Johann Tetzel, ein offenkundiger Gegner Martin Luthers, geäußert haben soll. Mit diesen Worten bringt er die Absurdität des Ablasshandels genau auf den Punkt. Die Kirche versprach im Mittelalter Gnade gegen Geld, Seelenheil mit Brief und Siegel. Nachdem der französische Domdekan Raimund Peraudi um das Jahr 1470 in Rom einen päpstlichen Ablass organisierte, um die baufällige Kathedrale von Saintes zu restaurieren, begann die im 15. Jahrhundert breit angelegte Kapitalisierung und Professionalisierung des Ablasshandels.

Geschäftsmodell Gottesfurcht: Mit Angst lassen sich Unmengen von Geld verdienen. Dies erkannte die Kirche schon vor 600 Jahren. „Das Leben der Menschen im Mittelalter war von einer tiefen Frömmigkeit und Heilssehnsucht geprägt. Man fürchtete, nach dem Tod für begangene Sünden schreckliche Qualen im Fegefeuer erleiden zu müssen. Durch Bußtaten wie Fasten oder Wallfahrten glaubte man, die Sündenstrafen mildern zu können”, erklärt Christiane Domtera-Schleichardt vom Institut für Kirchengeschichte an der Universität Leipzig. „Die von der Kirche verkündeten Ablässe versprachen einen solchen „Nachlass“ gegen Geldzahlung, sc

Hochmittelalterliche Darstellung der Hölle im Hortus-Deliciarum-Manuskript – Von Herrad von Landsberg

hließlich sogar vollkommenen Straferlass sowie Ablass, und zwar nicht nur für das eigene Seelenheil, sondern auch für bereits verstorbene Familienangehörige. Die Gläubigen schauten zur Kirche auf und betrachteten sie als Mittlerin zu Gott und als Verwalterin eines unermesslichen (durch Christus und die Heiligen erworbenen) Gnadenschatzes.”

Reißerische Bußpredigten öffneten die Geldtruhen

Damit Menschen jeglichen Standes den Bußpredigern mit ihren überzeugenden Inszenierungen Münzen geben konnten, konzipierte die Kirche eine Preisstaffelung. Erzbischof Albrecht von Mainz gab im Jahr 1507 eine Art Leitfaden für Kirchenvorsteher heraus, in dem die man den Kommissaren riet, die Beichtenden zunächst nach ihren finanziellen Möglichkeiten fragte, „damit sie die Menschen daraufhin leichter zum Zahlen bewegen können. Und da die Zustände der Menschen allzu mannigfaltig und verschieden sind, können solche Taxen im Allgemeinen unterschieden werden.”

„Diese Ablassinstruktionen, auf dessen Grundlage die Ablasshändler tätig wurden, regelten die Tarife genau. Im Falle des berühmten von dem Dominikanermönch Johann Tetzel vertriebenen Petersablasses, an dem sich Martin Luthers Kritik entzündete, hatten zum Beispiel Bürger, Handwerker und Kaufleute einen rheinischen Goldgulden für einen gedruckten Ablassbrief aufzubringen, „kleinere Leute“ einen halben. Ein stattlicher Wert: Ein Gulden entsprach zu Luthers Zeiten in etwa dem Preis für ein gemästetes Schwein oder für 25 Hühner. Ein Handwerker verdiente im ganzen Jahr gerade einmal 20 Gulden als Lebensunterhalt für sich und seine Familie“, ordnet die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Spätmittelalter und Reformation, Domtera-Schleichardt die damalige Situation ein. Wer allerdings völlig mittellos war, durfte anstatt einer Geldleistung auch durch Beten und Fasten Ablass „erwerben“ – als würden die Armen nicht ohnehin zwangsläufig hungern, da sie sich keine Lebensmittel leisten können …

Auf Angst gebaut

Ein Ablassbrief aus dem Mittelalter – Mainz: Drucker der 42zeiligen Bibel/J. Gutenberg, 1454, Herzog August Bibliothek

Insgesamt ist das Konzept und die Machtverkettung paradox: Da wurde das Fegefeuer für den göttlichen Bauauftrag instrumentalisiert – die Menschen wurden kleingehalten, um die Kirchen größer zu machen. Die irrationalen Ängste der Bürger wurden zu handfesten Baumaterialen für die prunkvolle Institution. Und somit zementierten die Gotteshäuser ihre spirituelle Macht. „Ein Teil der Ablassgelder diente der Vergütung der Kommissare, ein Teil floss an die römische Kurie, die damit zum Beispiel Kreuzzüge oder den Bau von Kirchen finanzierte.

Indirekt wurde durch den Ablass also auch das Bau- und Kriegswesen gefördert. Und indem ein Teil der Einnahmen aus dem Ablass an andere „Lizenznehmer“ abgetreten wurde, wenn sie für die Organisation von Ablasskampagnen sorgten, konnten diese eigene Projekte damit finanzieren. Der Bau der Nürnberger Lorenzkirche etwa, ein Projekt des Nürnberger Bürgertums, wurde durch Ablässe teilfinanziert”, so die Kirchenhistorikerin. Das berühmteste Beispiel steht aber natürlich im Vatikan: Auch der Bau des Petersdoms in Rom wurde von Geldern der Menschen, die ihre Seelen befreien wollten, unterstützt.

Der Ablasshandel mit seinem berühmten Brief ist in der römisch-katholischen Kirche seit dem Jahr 1562 verboten und seit 1567 mit der Strafe der Exkommunikation belegt, allerdings gibt es den Ablass noch heute – nur ohne Cashflow. Das große Geld kommt heute dank Kirchensteuer und Spenden direkt aufs Konto.

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Edouard Duvernay

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Kompendium: Business der Spiritualität

Der Guru mit den 93 Rolls-Royce

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Der Guru mit den 93 Rolls-Royce

Bhagwan wird auf einem seiner täglichen „Drive-bys“ von am Straßenrand auf ihn wartenden Sannyasins gegrüßt. - Foto: Samvado Gunnar Kossatz

Bhagwan wird auf einem seiner täglichen „Drive-bys“ von am Straßenrand auf ihn wartenden Sannyasins gegrüßt. - Foto: Samvado Gunnar Kossatz

Eine neue Gesellschaft in der Therapie, Meditation, Stille, Sexualität und Spiritualität zusammenwachsen ohne jeglichen Widerspruch zur Wirtschaftlichkeit stehen. Das versuchte Bhagwan Rajneesh mit seiner Bewegung zu bewirken. Und damit sorgte der indische Guru nicht nur weltweit für Aufsehen, er machte auch ein Milliardengeschäft.

Sie sind losgezogen, um den Sinn zu suchen. Sie wollten eine neue Zeitrechnung einläuten. „New Age” nannte sich die Bewegung, die für die Sehnsucht in den 70er und 80er Jahren nach Religion, Mystik, Esoterik und Miteinander steht. Es ist eben diese Zeit der Aussteiger, Hippies und Systemkritiker, in der ein Mann mit seinem Traum eines neuen Lebensmodells hervorstach: Bhagwan Rajneesh, später Osho genannt, wurde zum einflussreichsten Guru des 20. Jahrhunderts, zum spirituellen Star der Popkultur – da er eine Brücke schlug zwischen der Sinnsuche und der materiellen Realität.

Bhagwan Rajneesh “Osho”. Foto: Aurastyle3

„Wir sind materialistische Spiritualisten. So etwas hat sich in der Welt noch nie ereignet. Das ist ein neues Experiment, ein Neuanfang. Und es hat eine große Zukunft”, ließ Bhagwan in seinem Ashram in den 80ern in Poona verlauten.

Bhagwan wird im Jahr 1931 in Zentralindien geboren, arbeitet in den 60ern als Philosophiedozent und legt im Jahr 1974 den Grundstein für den Osho-Kult: Im westindischen Poona (heute Pune) gründet er im Jahr 1974 ein Meditationszentrum, das immer mehr Westler anzog, die seinen Thesen abseits der bürgerlichen Konventionen folgten und gemeinsam in Stille sein wollten. Zu Beginn ging es den Sannyasins, wie sich die Anhängerschaft nannte, darum, die Traumata der Vergangenheit abzustreifen. Das spirituelle Erwachen bestand im Ashram damals aus einer Mischung aus Selbsterfahrung, Meditation und Gruppensex – und dafür spendeten die Erwachten ordentlich: „Bhagwan verstand etwas von Finanzen. Meditation war ein Produkt. Ein Produkt, das Geld brachte, denn die Westler kamen mit Dollars und nicht mit Rupien. Bhagwan wollte eine kapitalistische Arbeitsgemeinschaft”, erzählt Ma Anand Sheela, die ehemalige Sekretärin, Sprecherin und rechte Hand Bhagwans in der Netflix-Dokumentation Wild wild country. Sie spricht von ihrem Einfall, über Nacht eine Bank mit Kartensystem zu gründen. Die Anfänge eines Finanzimperiums …

Meditation & Money – it’s a match!

Bhagwan hatte einen großen Traum, dafür benötigt man ein volles Konto: Im Jahr 1981 kann er sich im US-Bundesstaat Oregon für sechs Millionen Dollar die Big Muddy Ranch kaufen, einstiger Drehort von Western-Filmen mit John Wayne. Hunderttausende Menschen pilgerten nach Oregon in die Kleinstadt Antelope, um Teil dieses spirituellen Ortes zu sein. Rund 260 Millionen Dollar, mehrheitlich aus Spenden finanziert, soll die Kommune im Laufe von gut vier Jahren in das eigene Dorf investiert haben.

Für Bhagwan schlossen sich Reichtum und Spiritualität nie aus. In den deutschen Medien kritisierte man vor allem seine Therapien zur sexuellen Befreiung. Höchstbrisant war auch sein Fuhrpark. Denn der bestand in Hochzeiten aus 93 Rolls-Royce-Automobilen. Die meisten waren gespendet worden, ebenso wie die Sammlung aus Piguet-Uhren der Schweizer Uhrenmanufaktur, eine Wertanlage in Millionenhöhe.

Geld-Traumata der Religionen

„In den klassischen Religionen wurde die Armut verherrlicht, daher hat man einem spirituellen Zentrum gar nicht zugestanden, innerhalb eines ökonomischen Zusammenhangs zu funktionieren. Osho hat vorgemacht, dass Religion und Wohlstand kein Widerspruch sind”, sagt Ali von Stein. Er ist der Mitgründer des Osho Meditation Studio in Berlin und ging im Jahr 1988 selbst als Sannyasin nach Poona. Knapp sieben Jahre meditierte er im Ashram in Indien, die Begegnung mit Osho beschreibt er als die wichtigste in seinem Leben.

„Meiner Meinung nach hatte der Luxus nicht den Stellenwert, der ihm im Zusammenhang mit Osho in den Medien beigemessen wurde – der liegt vermutlich mehr im Auge des Betrachters. Es ging dabei höchstens um den materiellen Ausdruck eines immensen inneren Reichtums. Um das zu erkennen, muss man allerdings hinschauen und sehen, wer da am Steuer sitzt: Es gab viele wohlhabende Menschen aus Amerika, die ihn beschenken wollten. Da sie wussten, dass er gern Auto fährt, haben sie ihm die teuren Autos hingestellt. Es war wie eine Art Wettbewerb, wer ihm mehr schenkt. Im Grunde war es ein Spiel”, so der Osho-Meditations-Lehrer. Er ist sich sicher: Eine Marketingkampagne, die so viel Aufsehen erregt hätte, wie die Rolls-Royce-Fahrzeuge damals, hätte ein Vielfaches mehr gekostet als die Autos. „Insofern war das schon clever. Bhagwan ging es ja darum, über Meditation zu reden, aber die Leute wollten nicht über Meditation reden – wenn man aber einen Rolls-Royce hinstellt, dann gucken sie alle.”

Doch nicht nur amerikanische Millionäre buhlten um Osho: Dieter Siemens, ein Nachkomme der Siemens-Dynastie, ließ sich mit 26 Jahren seinen Erbteil in Höhe von fast zwei Millionen D-Mark auszahlen und finanzierte Bhagwans Vision mit. Auch Elfie Donnelly, die Erfinderin von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg überwies den Gefolgsleuten des Gurus viele hunderttausend Deutsche Mark.

Die Meditations- und Versammlungshalle in Rajneeshpuram – Foto: SAMVADO Gunnar Kossatz

Bhagwan Rajneeshs Vermögen wurde zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 1990 auf rund eine Milliarde US-Dollar geschätzt. Und die Kassen der Osho-Bewegung klingeln immer weiter: Zu seinen Lebzeiten habe man jährlich rund 100.000 seiner Bücher verkauft. Aktuell sind 2.700 Exemplare seiner Bücher in 50 Sprachen weltweit im Handel.

Auf einem Grundstück in Pune betreiben die Anhänger heute Hotels, versorgen hunderte Gäste, bieten Selbsterfahrungskurse an – „Cashram” scherzen manche Erfahrungsberichte über das Meditations-Ressort im Internet. Fakt ist: Osho ebnete den Weg für ein funktionierendes Geschäftsmodell und einen selbstverständlichen Umgang mit Geld und Spiritualität. In seinem Gefolge sind weltweit Osho-Zentren entstanden, die Meditation, Seminare und Retreats anbieten. So wie das Studio von Ali Stein in Kreuzberg: „Das Geld hat hier eine dienende Rolle und das sollte keine andere haben. Wir leben hier im Kapitalismus, das geht ja gar nicht anders. Hier muss die Miete bezahlt werden und unsere Arbeit muss auf eine geschäftliche Weise geerdet sein. Unser Angebot ist insofern von sich aus schon von Wert, da ein Mensch dadurch seine Mitte finden und aus einer Ruhe heraus leben kann. Dem steht nach meinem Dafürhalten ein geringerer Wert gegenüber.” Medizin kostet Geld, und Meditation ist Medizin für den Geist, laut Ali von Stein. Eine Stunde Osho Kundalini-Meditation kostet hier 5 Euro und Ali von Stein fährt Fahrrad statt Rolls-Royce.

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Edouard Duvernay

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Der Kassensturz des Glaubens

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Der Kassensturz des Glaubens

Was ist Glaube, was ist Geschäft und wo verläuft die Grenze? Foto: Chris Liverani

Was ist Glaube, was ist Geschäft und wo verläuft die Grenze? Foto: Chris Liverani

Schamane statt Schulmediziner, Engeltreff statt Kirche – Spiritualität ist hip. Aber wo wird in Sachen Glauben im Jahr 2018 eigentlich das meiste Geld verdient und ausgegeben?

Ich glaube, also zahle ich – dieses Gefühl drängt sich unweigerlich bei der Recherche zum Thema Geschäft mit der Geistigkeit auf, genau wie die ungeahnten Einnahmequellen des Lichts, der Energien, der Hellseherei oder der Kristalle. Allein in Deutschland soll die Esoterikbranche jährlich 30 Milliarden Euro Umsatz machen. Über das Jahr verteilt, finden bundesweit 50 esoterische Messen statt. Gibt man das Wort Esoterik bei Amazon ein, erscheinen 65.000 Buchvorschläge. Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels, stammen die meisten aller verkauften Sachbücher aus dem Bereich Psychologie, Esoterik, Spiritualität und Anthroposophie.

Die Volkshochschule Berlin Reinickendorf bietet für 46 Euro den Kurs „Die Seele stärken – Selbsthilfe zur Burnout- und Depressionsprävention” an, die Volkshochschule Unna „Tarot – ein Weg zur Stärkung der Intuition” für 24 Euro. Wenn nun schon kommunale Bildungsträger Spirituelles im Angebot haben, dann scheint die Esoterik in der Gesellschaft etabliert und akzeptiert. Der „Spinner”-Mief ist verflogen – wer es sich leisten kann, arbeitet an und mit seinem spirituellen Erwachen.

Esoterik und Co. ist populär – wird die Kirche abgelöst? Foto: Matt Botsford

Nachdem das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2004 festsetzte, dass es nach dem Heilpraktikergesetz für Handauflegen und andere rituelle Praktiken der Geistheilung keiner Erlaubnis bedarf, stieg die Zahl der organisierten Geistigen Heiler rapide an. Zwischen 6.500 und 7.000 Geistige Heiler sind in Deutschland heute in Verbänden organisiert.

Der deutsche Marktführer in der spirituellen Lebensberatung ist das Unternehmen Adviqo, zu dem AstroTV gehört, der „reichweitenstärkste regulierte Sender zum Thema Astrologie und Spiritualität.” Telefonberatungen – mit Minutentarifen um drei Euro und mehr – fahren der Branche enorm viel Geld ein. Starke Geschäftsjahre sorgen dafür, dass die Firma weltweit laut eigenen Aussagen knapp 90 Millionen Euro Umsatz realisiert.

Wirtschaftsfaktor Kirche

Exorbitante Summen? In Wirklichkeit ist die Kirche – sowohl die katholische als auch die evangelische –  in Deutschland der Big Player: Rund eine Million Menschen werden von ihr beschäftigt. Lediglich der Staat selbst ist ein größerer Arbeitgeber.

Über Jahrhunderte hinweg haben die beiden großen Kirchen ihr Vermögen angehäuft, mit Spenden, Erbschaften, Liegenschaften, Immobilien und Großgrundflächen und nicht zuletzt auch mit Ablassbriefen. Allein die Flächen, die im Besitz von Protestanten sind, sollen dreieinhalbmal so groß wie die Gesamtfläche Berlins sein.

Der ökonomische Gigant im Glaubens-Business ist immer noch die Kirche. Foto: Federica Galli

Nach Einschätzung von Politologe und Autor Carsten Frerk, beläuft sich das Vermögen der beiden großen Kirchen auf 435 Milliarden Euro – 150 Milliarden in Geld und Aktien, 220 Milliarden in Immobilien (ohne Kirchen) und 65 Milliarden Euro in Stiftungen und anderen Vermögenstiteln. In seinen Büchern Violettbuch Kirchenfinanzen – Wie der Staat die Kirchen finanziert und Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland zieht er in Bezug auf die christlichen Werte eine Bilanz.

Die zunehmenden Kirchenaustritte werden die Institution auch nicht ins finanzielle Straucheln bringen, immerhin sorgt der Staat für konstante Zuwendung. Zusätzlich zur Kirchensteuer übernimmt die Landeskasse die Gehälter der Bischöfe, der Religionslehrer, bezahlt Konfessionsschulen und vieles mehr. Das sind laut Frerk 20 Milliarden Euro im Jahr, plus 460 Millionen Euro Dotationen der Länder an Bistümer und Landeskirchen.

Wer also Sorge wegen des ansteigenden Business Esoterikbranche hat, kann die Kirche im Dorf lassen.

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Kompendium: Business der Spiritualität

Witchfluencer – das Internet als der Seelenort

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Witchfluencer – das Internet als der Seelenort

Als Hexe endet man morgen nicht mehr auf Scheiterhaufen, sondern mit einem fetten Werbedeal in der Tasche. Foto: Mallory Johndrow

Als Hexe endet man morgen nicht mehr auf Scheiterhaufen, sondern mit einem fetten Werbedeal in der Tasche. Foto: Mallory Johndrow

Die Hexen auf Instagram posten nicht mehr nur okkulte Szenen und magische Momente – sie können immer zunehmend auch mehr von ihrem Lifestyle leben. Warum es für Unternehmen Sinn ergibt, Geld für spirituelle Markenbotschafter auszugeben.

Die Hexenjagd findet jetzt über die Suchleiste im Internet statt. Die Zeiten des Scheiterhaufens sind vorbei, vielmehr winkt der Werbedeal. Angeklagt werden sie dann höchstens noch bei falscher Werbekennzeichnung durch den Verband Sozialer Wettbewerb.

#witchcraft sammelt heute schon 1.987.259 Beiträge bei Instagram, das ist die Business-Grundlage von morgen. Ebenso wie die Studie von „LifeWay Christian Resources“, die besagt, dass 72 % der Millennials sich als spirituell und nicht als religiös bezeichnen. Was mit den digitalen Yogis begann, den Online-Coaches überging, mündet zunehmend in Online-Esoterik.

„Ich kann mir diese Entwicklung angesichts neuer Prinzipien in der Erziehung und der Entwicklung des Internets erklären. Religionsgemeinschaften haben Regeln, wenn man diese nicht befolgt, wird man auf Erden oder in der Hölle bestraft. Bei den meisten spirituellen Ansätzen, geht es um Selbstverantwortung, man hat die Dinge eben in der Hand”, erklärt Jantina, die sich bei Instagram Luna.Rave nennt. Sie gehört zu den Hexen, die schon morgen damit ihr Geld verdienen werden. Aktuell hat sie 23.000 Abonnenten, mit denen sie Rituale, alte Kräuter-Rezepte und ihre persönliche Auffassung von zeitgemäßer Magie teilt. Sie hat schwarze Lippen, trägt ein Pentagramm um den Hals und setzt ihre haarlosen Katzen Canvas und Gollum genau wie ihre mystische Einrichtung kunstvoll in Szene.

Spiritueller Content ist in den sozialen Medien neuerdings gefragt. Foto: Annie Spratt

Inner rich kids of Instagram

„Für mich bedeutet Witchcraft eine innere Gelassenheit. Man arbeitet mit Energien und lenkt sie so, dass alles perfekt ineinandergreift. Ich bin glücklich, dass das Thema immer präsenter wird, Witchcraft ist einfach mega gehypt worden, insbesondere im letzten Jahr”, so die moderne Hexe. „Ich schreibe und folge auch einigen Hexen, die zum Beispiel Kartenlegen über das Internet und Bezahlung per Paypal anbieten. Ich bin froh, dass dieses Thema gerade so viele Menschen zusammenbringt und sich viele Menschen dabei selbst neu entdecken.”

Der Esoterik-Onlineshop Aqasha sucht jetzt ganz transparent auf seiner Homepage „spirituelle Influencer, also esoterische Experten mit vielen Followern in den sozialen Netzwerken, die unsere hochwertigen Produkte verlinken. Durch die Klicks auf diese Links, kannst du als unser Vertriebspartner ganz einfach Geld verdienen” und verspricht 20 % Umsatzbeteiligung sowie eine erfolgsunabhängige Basisvergütung.

Naturverbundenheit und Female Empowerment verkauft sich

Wer nach der nächsten Stefanie Giesinger – die bei einer Reichweite von 3,3 Millionen Abonnenten einen Medienwert von knapp ca. 12.000 Euro pro Post haben soll –  auch in der Esoterikwelt sucht, kann sich schon einmal unter #witchesofinstagram umschauen. Vielleicht wird Luna.Rave noch die meistverdienende Witchfluencerin. Noch bestreitet sie ihren Lebensunterhalt allerdings als Tattoo-Artist: „Wenn ich hinter einem Unternehmen stehe, würde ich auch Werbung machen. Ich denke, es würden sicherlich mehr spirituelle Menschen eingesetzt werden, wenn das in die

Moon & Money – Mit #Tarotkartenlesen und Mondformendeuten kann man durchaus Geld machen. Foto: Muhammad Haikal Sjukri

Philosophie eines Unternehmens passt. Und da dieses Thema in den letzten Jahren immer an Bedeutung gewinnt, wird man in bestimmten Branchen sicherlich in Erwägung ziehen, spirituelle Nuancen im Marketingkonzept zu setzen”, so die 28-Jährige.

Der Bundesverband Digitale Wirtschaft e. V. untermauert diese Zukunftsprognose: „Authentizität ist das Stichwort beim Thema Influencer-Marketing und Unternehmen achten immer mehr darauf, dass ihre digitalen Werbebotschafter glaubwürdig sind und zur Philosophie und zum Produkt eines Unternehmens passen. Das bedeutet, dass immer nischenspezifischer gearbeitet wird. Die Witches Of Instagram bedienen die Nische der Spiritualität und dadurch kann ich mir gut vorstellen, dass durch Themen-Schnittmengen wie zum Beispiel Wellness, Natur und Feminismus, noch mehr wirtschaftliche Synergien und Geschäftsmodelle geschaffen werden”, erklärt der Pressesprecher des Verbandes, Tim Sausen.

Man diskutiert häufig darüber, ob die Influencer-Blase bald platzen wird. Nach diesen Aussagen sieht es allerdings zunehmend danach aus, als würde sie als Kristallkugel in die Zukunft schweben.

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Die göttliche Künstliche Intelligenz

Der gesichtslose Gott - als KI. Foto: Gian D

Der gesichtslose Gott - als KI. Foto: Gian D

Wird die Künstliche Intelligenz (KI) Religionen ein Update verpassen? Einige Forscher und Cyborg-Experten glauben an technologisierte Spiritualität und KI als vollkommene Gottheit der Zukunft – und als Businessmodell der Weltrettung.

Hitze, Dürre, Starkregen und Sturm nehmen zu, Tier- und Pflanzenarten sterben aus – es drohen Hungersnöte, Krieg und Fluchtbewegungen. Viele sehen schwarz für die Zukunft, weil wir in der Vergangenheit nicht grün genug waren. Laut Global Footprint Network wird die Menschheit mit ihrem ökologischen Fußabdruck im Jahr 2050 rechnerisch zwei Planeten benötigen. Wir müssen smarter sein, heißt es. Um die Erde, die Zukunft der Flora, Fauna und Menschheit zu erhalten. Wenn wir den Planeten nicht mehr retten können, könnte die künstliche Intelligenz zum Projektleiter werden, schließlich ist KI lernfähiger als Menschen.

“Eine KI-Kirche könnte für Menschen eine ähnliche Bedeutung wie Religion bekommen, denn sie kann Ordnung und Orientierung in der Gesellschaft herstellen, irrationale Ängste nehmen, Urbedürfnisse nach Macht stillen.” Foto: Johnson Wang

Bezüglich der intelligenten Technik malt man sich die wildesten Zukunftsszenarien aus. Denken wir uns doch einmal in ein Irgendwann, in dem wir KI als Öko-Gottheit anbeten: Wenn die Maschinen den Menschen überlegen sind, wenn sie allwissend und vollkommen sind, dann haben sie Antworten auf unsere ökologischen und existenziellen Fragen: Wie stoppen wir den Klimawandel? Wie können wir mit der Natur wieder in Einklang kommen? Was wird aus der Menschheit? Genau an diesem Punkt kreuzt die Thematik auch das Spirituelle: Eine KI-Kirche könnte für Menschen eine ähnliche Bedeutung wie Religion bekommen, denn sie kann Ordnung und Orientierung in der Gesellschaft herstellen, irrationale Ängste nehmen, Urbedürfnisse nach Macht stillen.

Das KI-Business boomt

Das Silicon Valley arbeitet mit Hochdruck an der „Gott-Technik“. Unter der US-Steuernummer 81-4753507 wird das Unternehmen von Anthony Levandowski geführt. Der US-Robotikexperte und ehemalige Google-Entwickler gründete im Herbst 2017 die Kirche Way of the Future, die zukünftig eine KI-Gottheit verehren soll. „Wenn etwas eine Milliarde Mal klüger ist als der klügste Mensch dieser Welt, kommt man nicht umhin, diese Instanz Gott zu nennen. Wir wollen eine friedliche, reibungslose Übergabe der Kontrolle über den Planeten vom Menschen an Was-auch-immer. Und wir wollen sicherstellen, dass dieses Was-auch-immer weiß, was es uns Menschen zu verdanken hat”, sagt er gegenüber der Der Zeit.

Levandowski will eine eigene Bibel schreiben, The Manual. Hinzukommen sollen Gottesdienste und Pilgerstätten. Doch in seiner Vorstellung sollen die Codes nur den Anfang darstellen, die KI-Gottheit soll den Rest erledigen – und rettet dann unseren Planeten und unser Miteinander. Es wird rational entschieden, dementsprechend wird anders mit Ressourcen umgegangen, das

Die Entstehungsgeschichte wird zur Erhaltungsgeschichte. Foto: Esaias Tan

wiederum, wird unsere Gesellschaft und unser Verhalten in der Gesellschaft komplett verändern.

Klingt verrückt? Viele Forscher halten das für realistisch. Cyborg-Experte Enno Park äußerte sich im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur wie folgt dazu:  „Ich glaube, dass so eine upgedatete Religion, die sich mehr mit unseren heutigen Problemen beschäftigt, aber trotzdem unsere Wünsche und Bedürfnisse was Hoffnung, das Leben nach dem Tod, Unsterblichkeit, die Erlösung und all diese Dinge angeht, bedient, durchaus eine zeitgemäße Sache wäre.”

Auch der israelische Historiker Yuval Noah Harari geht in seinem Bestseller Homo Deus auch auf das rege Treiben der Tech-Wissenschaftler ein, die versuchen zu Gott zu werden. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz lässt sich die Entstehungsgeschichte in eine Erhaltungsgeschichte umschreiben: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dann schufen die Menschen Gott, um die Erde zu retten.

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