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Kompendium

Ich shoppe, also bin ich. Wir Menschen müssen konsumieren, um zu leben. Doch über das Überleben geht unser Konsum mittlerweile längst hinaus. Kaufen ist zum Selbstzweck geworden. Wie sich das Kaufverhalten und die Räume des Shoppings gestern, heute und morgen unterscheiden und was das über uns aussagt.

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Mehr als nur das Nötigste: Mit dem Privateigentum entstehen neue Machtstrukturen. Demonstrativer Müßiggang und demonstrativer Konsum definieren nun die Stellung des Individuums in der Gesellschaft. Im Zentrum von all dem steht das Kaufhaus.

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Wie das Kaufhaus damals den Trödelladen, so bedroht nun die Shoppingmall die historisch gewachsenen Einkaufsstraßen. Doch auch der Hype um die Mall ist nicht von ewiger Dauer.

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Von der Antike bis in die Neuzeit traf man sich auf den Marktplatz, um Informationen auszutauschen, neueste Nachrichten zu erfahren und Produkte des täglichen Bedarfs zu kaufen. Heute kommt der Marktplatz zu uns nach Hause und folgt uns auf dem Smartphone, wohin wir auch gehen.

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Vieles, was heute schon möglich ist, wird morgen ganz normal sein: Virtual Reality, Same Day Delivery, Liefer-Drohnen und das Internet der Dinge natürlich. Zum Offline-Shoppen trifft man sich, wenn überhaupt, nur für den Unterhaltungswert. Überlebt haben werden jene Marken und Händler, die diese Bedürfnisse richtig zu erfüllen wussten.

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Der Algorithmus wird in Zukunft über unser Einkäufe entscheiden können? Nein! Eine von unbeugsamen Technologieverweigerern gestartete Aktivistengruppe hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Eine Zukunftsfantasie.

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Das Kaufhaus macht Shopping zum Zeitvertreib

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Das Kaufhaus macht Shopping zum Zeitvertreib

Mehr als nur das Nötigste: Mit dem Privateigentum entstehen neue Machtstrukturen. Demonstrativer Müßiggang und demonstrativer Konsum definieren nun die Stellung des Individuums in der Gesellschaft. Im Zentrum von all dem steht das Kaufhaus.

Es ist ein milder Oktobertag, an dem Denise und ihre Brüder zum ersten Mal das Kaufhaus „Das Paradies der Damen“ in Émile Zolas gleichnamigem Werk erblicken. Hohe Glastüren, goldener Zierrat, glitzernde Schaufenster künden von der Ankunft der Moderne im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Diesem gegenüber, sowohl geografisch als auch metaphorisch, steht der dunkle, verstaubte Laden des Onkels: Eine Tuch- und Flanellhandlung, wie es sie damals zu Tausenden gab. Bereits auf den ersten Seiten des Buches, für dessen Recherche Zola umfangreiche betriebswirtschaftliche und soziologische Studien durchführte, wird klar, wem die Zukunft und das Herz der Konsumenten gehören wird – das Kaufhaus hat seinen unaufhaltsamen Siegeszug angetreten. Das Nachsehen hat der spezialisierte kleingewerbliche Einzelhandel, der mit diesem Fortschritt nicht mithalten kann – ein Blueprint einer Narrative, die sich in der Geschichte des Handels noch häufiger wiederholen wird.

Die ersten Kaufhäuser sind Ausflugsziele fürs Wochenende

So reisten die Menschen extra an, um die ersten Kaufhäuser zu besuchen. Da seit dem Jahr 1828 die ersten Omnibusse durch Paris fuhren, konnten auch die Bewohner entlegener Stadtviertel bequem in das Zentrum zum Le Bon Marché fahren, das 10 Jahre später in Paris eröffnete. In Deutschland besuchte man ab dem Jahr 1876 die rapide expandierenden Wertheim-Warenhäuser. „Wenn man heute in einer Familie hört: Wir gehen zu Wertheim“, stellte Gustav Stresemann im Jahr 1900 fest, „so heißt das nicht in ers­ter Linie, wir brauchen irgend etwas besonders notwendig für unsere Wirtschaft, sondern man spricht von einem Ausfluge, den man etwa nach irgend einem schönen Orte der Umgebung macht.“

Man muss sich das einmal bildlich vorstellen: Der schiere Luxus der abendlichen elektrischen Beleuchtung, der ausladenden Kaufhausarchitektur und der ungewohnten Warenpracht waren ein Novum für die Besucher dieser Konsumtempel. Nun konnte jedermann einen Moment dessen kosten, was es bedeutet, Geld zu haben und die Annehmlichkeiten der Moderne zu genießen. Auch damals schon war es der Kick des Neuen, die Experience, der die Leute in die Läden lockte.

Das Einkaufszentrum “Le Bon Marché” eröffnete 1838 in Paris. Foto: Albert Chevojon (1865-1925), photo vers 1900, domaine Public – Intérieur du Bon Marché, Archives Moisant-Savey, Photo vers 1900 Domaine public, Gemeinfrei

Verführung durch psychologische Tricks

Zeitgenossin Kate Chopin beschreibt in ihrer Kurzgeschichte, A Pair of Silk Stockings, die im Jahr 1897 in der amerikanischen Vogueerschien, über die verführerische Kraft dieser Konsumtempel. Darin gönnt sich eine Frau, die Tag ein Tag aus um das Auskommen ihrer Familie kämpft, nach dem zufälligen Berühren eines Paars Seidenstrümpfe, die als „schlangengleich“ beschrieben werden, einen Tag des Luxus, ohne über die – möglicherweise verheerenden – finanziellen Konsequenzen nachzudenken. Sie kauft die Seidenstrümpfe, und, weil es sich so gut anfühlt, kauft sie auch gleich noch Maßhandschuhe. Anschließend nimmt sie im Restaurant eine nachmittägliche Stärkung zu sich und kauft für den Abend ein Theaterticket.

Dass sich hinter den Verlockungen des Konsums auch damals schon psychologisches Kalkül verbarg, beschreibt Zolá ebenfalls in seinem Kaufhaus-Roman: „Alles lief auf die Ausbeutung der Frauen hinaus. Die Warenhäuser […] lockten sie in die Falle ihrer Gelegenheitskäufe. Sie weckten neue Wünsche in den Frauen, sie bildeten eine ungeheure Versuchung, der jede zum Opfer fiel, ob sie auch anfangs als gute Hausfrau nur billig einzukaufen gedachte […] Und unter Mourets [Anm d. Red. der Inhaber des Kaufhauses] liebenswürdigem Wesen verbarg sich die Mißachtung [sic] des Mannes der Frau gegenüber, die die Dummheit begangen hat, sich ihm hinzugeben.“ So gab es zum Einkauf auch damals schon ein schlechtes Gewissen (und einen gehörigen Schuss Frauenhass) obendrauf.

Das ausgehende 19. Jahrhundert etablierte das Shoppen als Freizeitbeschäftigung. Im angehenden 20. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort; er wurde zunehmend demokratisiert. Das Kaufhaus bleibt ein fester Bestandteil der Handelslandschaft, doch es bekommt auch neue Konkurrenz.

Weiterlesen Die Mall – vom Hype zum Overkill
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Frank Schröder Material: urheberrechtsfreie Werbemotive aus den Jahren 1890-1950, außer: "Amazon España por dentro" by Álvaro Ibáñez / CC BY 2.0 "A man holding a tube of Bubisan brilliantine for the hair." 1940 by Leonhard F. W. Fries, Credit: Wellcome Library, London. Wellcome Images / CC BY 4.0 "Serverraum im CERN (Schweiz)" by Florian Hirzinger / CC BY-SA 3.0

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Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Die Mall – vom Hype zum Overkill

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Die Mall – vom Hype zum Overkill

Foto: Michael Weidemann

Foto: Michael Weidemann

Wie das Kaufhaus damals den Trödelladen, so bedroht nun die Shoppingmall die historisch gewachsenen Einkaufsstraßen. Doch auch der Hype um die Mall ist nicht von ewiger Dauer.

Heute sind Shoppingmalls als samstägliches Ausflugsziel eher out. Doch es gab eine Zeit, da lösten sie Begeisterungsstürme aus. Eines der ersten regionalen Einkaufszentren, wie man es heute kennt, ist das Southdale Center in Edina, im US-amerikanischen Minnesota. Obgleich man die Beliebtheit der Shoppingmall instinktiv in den 80er Jahren verortet, ist dieser Vorläufer schon ein ganzes Stück älter. Das Southdale Center öffnete bereits im Jahr 1956 und wurde für ein Amerika entworfen, dem so mancher Trump-Sympathisant in Amerika heute nachtrauert: Es war die Zeit der großen Karossen, der weißen Zäune und der Rassentrennung.

Mit 120.552 Quadratmetern bot diese Mutter aller Malls Platz für 106 Geschäfte. Zur Eröffnung des Centers kamen 75.000 Schaulustige, und das obwohl der Vorort Edina nur etwa 15.000 Einwohner beheimatete. Victor Gruen, der Architekt des Centers, wollte dem Mangel an öffentlichen Plätzen in den amerikanischen Innenstädten entgegenwirken. Als Sozialdemokrat war er aus dem besetzten Wien geflohen. Dort gilt er als geistiger Vater der ersten Wiener Fußgängerzone – sein Argument für eine verkehrsberuhigte Zone: „Autos kaufen nichts“. In den USA errichtete er nun den größten öffentlichen Raum innerhalb eines Gebäudes. Seine Idee war es, das Shoppingcenter zu einem urbanen Raum zu machen, in dem kulturelle Einrichtungen wie Theater, Bibliothek und Restaurants Platz haben sollten. Ihm verdanken wir auch die Idee, Parkdecks auf Dächer zu verlegen. Autos waren wirklich nicht so sein Ding.

Die Eröffnung der Alexa Mall in Berlin endete durch den Besucheransturm im Chaos. Foto: “Alexa Berlin Eröffnung” (CC BY-ND 2.0) by wiseguy71

Doch man muss gar nicht so weit in der Zeit zurückreisen. Die Eröffnung des Shoppingcenters Alexa am Berliner Alexanderplatz liegt gerade einmal zwölf Jahre zurück und noch bei seiner Eröffnung gerieten die Menschen in konsuminduzierte Raserei. Wie ein Fußballkommentator beschreibt der Tagesspiegel-Redakteur damals die sich dort abspielenden Szenen:„5.000 Menschen haben die Absperrung vor dem [Alexa] überrannt. Eine Tür zerbirst, Menschen verletzen sich. Drinnen im Einkaufzentrum klatschen Tausende gegen die Metalljalousien und fordern in Sprechchören: „Aufmachen!”.  Es kommt zu Schlägereien in der Handyabteilung, eine Rolltreppe „geht zu Bruch“. „Halb eins, völliges Chaos. Die Menge drängt die schrankgroßen Sicherheitsleute beiseite, ein Polizist steht auf dem Förderband von Kasse 4 und brüllt in sein Megafon.”

Shoppingmalls bedrohen die Innenstädte

Hype und Schlägerei auf der einen Seite, gähnende Leere auf der anderen Seite. Die Einkaufsstraßen leiden unter dem Sog der Malls. Das größte deutsche Shopping-Center ist das Centro in Oberhausen im Ruhrgebiet. Dort gibt es auf 830.000 Quadratmetern Platz für 250 Geschäfte. Als „Sargnagel des Einzelhandels in Alt-Oberhausen“, sehen es die Gegner, die Befürworter halten es für ein Beispiel für einen gelungenen Strukturwandel. „Das Centro Oberhausen ist ein politisches Drama, welches im Detail beweist, wie eine deutsche Kulturstadt systematisch zerstört wurde. […]“ Die Marktstraße, die ehemalige Haupteinkaufsstraße Oberhausens, verwandelte sich nach Errichtung des Centro in eine öde „Müllstraße“, an der die meisten Geschäfte heute leer stehen.

Mall International

Ein Blick in die internationalen Malls zeigt: Die Mall ist ein globaler Exportschlager. Und gerade dort, wo es draußen zu heiß oder zu kalt ist, wird gerne gut temperiert geshoppt. Die Dubai Mall ist eines der größten Einkaufszentren der Welt. Allein ihr Food Court versammelt 120 Gastronomiebetriebe, sie beherbergt ein drei Stockwerke hohes Aquarium und eine Kunsteisbahn von olympischen Ausmaßen. Die Mall of the Emirates, ebenfalls in Dubai, bietet außerdem eine Indoor-Skipiste, ein Bowlingcenter und ein Kino mit 14 Sälen.

 Der Tod der Shopping Mall

Leerstehende Malls werden zunehmend zu einem Problem. Foto: Acc78 at English Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Noch in den 1990ern wurden in den USA etwa 140 neue Shoppingmalls pro Jahr errichtet. Im Jahr 2001 dann legt erstmals ein Bericht von PricewaterhouseCoopers nahe, dass „Dead Malls“ – das heißt Malls, die kaum noch Besucher aufweisen, mit Leerstand zu kämpfen haben, oder tatsächlich schon geschlossen wurden und vor sich hin vegetieren – sprich: zu einem Problem werden. Auch dem Shoppingcenter in Edina geht es da nicht anders. Nach mehreren Umbauten kündigten im Jahr 2017 die beiden Hauptmieter JCPenney und Gordman’s ihre Mietverträge. Man spricht in den amerikanischen Medien von einer „Retail Apocalypse“.

Der Schuldige ist schnell gefunden: Online-Shopping. Die Shoppingmall, einst Schreckgespenst der Einkaufsstraßen, liegt heute häufig brach. Teenager treffen sich lieber online, Marken präsentieren sich mit großen Mono-Label-Store, und Konsumenten wandern in die digitale Welt ab.

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Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Der Marktplatz kommt zu uns nach Hause

Kompendium: Leben im Shopping-Modus

Der Marktplatz kommt zu uns nach Hause

Foto: Charles

Foto: Charles

Von der Antike bis in die Neuzeit traf man sich auf dem Marktplatz, um Informationen auszutauschen, neueste Nachrichten zu erfahren und Produkte des täglichen Bedarfs zu kaufen. Klingt ein bisschen wie Facebook? Stimmt. Heute kommt der Marktplatz zu uns nach Hause und folgt uns auf dem Smartphone, wohin wir auch gehen.

Laut New York Times wurde der erste sichere Online-Kauf am 11. August 1994 abgewickelt und es war:  (Trommelwirbel!) eine CD von Sting. Auch wenn mir persönlich die Idee besser gefällt, dass es eine Pizza gewesen sein könnte. Das Unternehmen Pizza Hut verkaufte ebenfalls bereits im August 1994 seine Pizzen online – dies könnte auch der Grund dafür sein, weshalb Hacker in Filmen aus der Zeit immer Pizza essen. Wie dem auch sei – der Onlineshop, über den die Sting-CD gekauft wurde, hieß NetMarket und war die Kopfgeburt eines Programmierers namens Dan Kohn. Kohn sagte damals der New York Times, es handle sich bei seinem Shop um das „Equivalent einer Shoppingmall im Cyberspace.”

Wie der Onlinehandel alles veränderte

Seither hat sich vieles verändert. Das erste auf Amazon verkaufte Buch ging im Jahr 1995 über die virtuelle Ladentheke und auch eBay war ein Vorreiter des Onlinehandels. Das Unternehmen ging im selben Jahr an den Start. Fast Forward ins Heute – 24 Jahre später und Jeff Bezos ist der reichste Mann der Welt: Amazon hat einen Börsenwert von 797 Milliarden US-Dollar. Über Amazon lässt sich heute von der Reiszwecke über Zimmerpflanzen bis hin zu Lippenstiften und Sofas alles kaufen. Und auch eBay hatte im Jahr 2018 einen Umsatz von mehr als 10 Milliarden Dollar. Insbesondere in den vergangenen zehn Jahren explodierte die Entwicklung des Onlinehandels – jeder Händler musste nun dabei sein. Multi-Label-Stores und Kaufhäuser gingen Online und verschiedenste Ansätze sollten zum Kauf animieren: Multichannel, Omnichannel, Mobile first, Out of Home und Influencer-Marketing waren die Schlagworte, denen Händler nachrannten, wie eine Fußballmannschaft ohne Trainer dem Ball.

Werbung die einst gedruckt wurde, ist heute zu digitalem Content mutiert. Shopping geht online. Foto: Rawpixel

Es wurden Online-Merchandiser eingestellt, die die digitalen Schaufenster verschönern sollten, damit der Kunde zum Kauf inspiriert wird – ein moderner Schauwerbegestalter quasi. Das klassische Werbeplakat, das einst vor dem Kaufhaus hing oder in der Zeitung gedruckt wurde, ist heute zu digitalem Content, Facebook-Posts und Werbebannern mutiert, die eine ganze Branche von Textern, Grafikern und Konzeptern beschäftigt. Und die hübschen jungen Damen hinter dem Parfümtresen finden sich heute auf YouTube und Instagram – man erkennt sie an dem Zusatz #ad.

Marktplätze – damals und heute

Stellen wir uns einen antiken römischen Markt vor. Man steht auf dem Forum Romanum und alle Fischhändler rufen gleichzeitig: „Frischer Fisch! Ich habe den frischesten Fisch! Kaufen Sie hier!“ Wie entscheiden wir uns? Vermutlich funktionierte schon damals bei den alten Römern am besten die Mund-zu-Mund-Empfehlung. Dein Freund sagt: Antonius hat den frischesten Fisch auf dem ganzen Forum! Klar kaufst du bei Antonius. Was du nicht weißt: Am Ende des Tages holt er sich einen Anteil der Einnahmen bei Antonius ab und kauft dann seinen eigenen Fisch bei Flavius.

Den Wert der persönlichen Empfehlung kennen auch im Internet alle Marktschreier. Kein Wunder also, dass der Social Commerce, ein Aspekt der Platform Economy die Zukunftsfantasien des Handels angeregt. Influencer empfehlen Produkte und Dienstleistungen, die wir mit nur einem Klick kaufen können – und am Ende des Tages, oder bei jedem Kauf, der über sie generiert wurde, erhalten sie einen Obulus.

Neue Feiertage für den Onlinehandel

Der Offline-Konsumtag “Black Friday” lässt nun auch digitale Verkaufszahlen in den USA in die Höhe schnellen. Foto: Ashkan Forouzani

Genauso quasi-religiös wie einst die Kaufhäuser („Konsumtempel“) besucht wurden, bekommt das Internet seine Feiertage. Zum Offline-Konsumtag „Black Friday“, der umsatzstärkste Tag des Jahres in den USA, gesellt sich der digitale Festtag des „Cyber Monday“. Dem lukrativsten Feiertag des Blumenhandels, dem Valentinstag, hält das Internet den „Singles Day“ entgegen. Im Jahr 2018 wurden laut Handelsverband Deutschland am Black Friday und am Cyber Monday Rekordumsätze von 2,4 Milliarden Euro realisiert. Diese Rabattschlachten laufen zwar oft auf ein Verlustgeschäft für den Händler hinaus, doch auch hier kannte schon Zolás Octave Mouret den Kniff: „Wir werden an diesem Artikel einige Centimes verlieren. Was weiter? Ist das ein Unglück, wenn es uns damit gleichzeitig gelingt, alle Frauen anzulocken, ihnen mit unserer Warenmenge die Köpfe so zu verdrehen, daß wir mit ihnen anfangen können, was wir wollen, und sie den Inhalt ihrer Börsen ungezählt bei uns lassen? […]“, erklärt er sein rücksichtsloses Fressen-oder-gefressen-werden-Modell.

Auslaufmodell stationärer Handel?

Sind die stationären Läden also dem Untergang geweiht?

Natürlich nicht. Es ist wie immer mit der Evolution: Der am besten Angepasste überlebt: Es gibt Kurzwarenhändler und Kaufhäuser, die überlebt haben, und ebenso sind nicht alle Malls dicht gemacht worden. In den 90er Jahren jammerte der Einzelhandel über die Einkaufszentren, heute klagt er über rückläufige Verkaufszahlen aufgrund von Onlineshops.

So hat sich beim Kunden heute die Erwartungshaltung eingestellt, ein Kauf müsse, wie online, auch im stationären Handel reibungslos abgewickelt werden. Langes Warten an der Kasse oder an Umkleidekabinen, ein höherer Preis als online, eine nicht verfügbare Größe – der Kunde hat dafür keine Toleranz mehr und kauft dann eben online, vielleicht beim Konkurrenten, und das sogar manchmal während er noch im Laden steht.

Einst waren Modehändler die Gatekeeper dessen, was hip und cool war – ganz einfach aus dem Grund, da das von ihnen offerierte das einzige Angebot war. Heute können Konsumenten Trends im Internet und auf den Sozialen Medien viel schneller entdecken und diese meist auch gleich kaufen. Natürlich ärgert das den Händler: Er verliert an Relevanz und fährt schlechtere Umsätze ein. Aber ein wenig ironisch ist es schon, dass gerade der Einzelhandel, der vielleicht am direktesten vom Kapitalismus profitiert, auch immer am meisten über die „unfaire“ Konkurrenz, die ja nun den Kapitalismus einmal ausmacht, ächzt und jammert.

Langes Warten an der Kasse und eine begrenzte Auswahl an Ware – der Kunde hat dafür keine Toleranz mehr und kauft lieber online. Foto: Bench Accounting

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Online goes Street

Es gibt durchaus noch Hoffnung für den stationären Handel: „Mehrere Studien bestätigen, dass Städte ab etwa 100.000 Einwohnern, weiterhin Einkaufsstraßen haben werden. Dort wird der Handel überleben, da Shoppen immer noch als soziales Event gesehen wird. Zukünftig muss der Handel aber nicht nur mit Amazon konkurrieren, sondern auch mit der Kletterhalle oder dem Kino. „Es geht um den Freizeitwert“, weiß Stefan Wolpert, der beim Fraunhofer Institut seit acht Jahren für die Mitkonzeption des Testladens Josephs in Nürnberg verantwortlich ist. Bei Josephs wird an der Zukunft des Handels geforscht und im Austausch mit dem Kunden neue Konzepte erprobt.

Online Shopping geht auf die Straße. Amazon Go kommt außerdem bereits ohne Registrierkassen oder SB-Kassen aus. : Brianc333a – Own work, CC BY-SA 4.0

„Einige Onliner gehen auch den entgegengesetzten Weg und bringen ihre Läden in die Fußgängerzonen“, sagt Wolpert. Amazon experimentiert beispielsweise mit stationärem Handel und bringt sein Online-Wissen mit. In New York eröffnete der Online-Gigant einen stationären Buchhandel, der nur Bücher verkauft, die mindestens eine Vier-Sterne-Bewertung auf Amazon haben. Oder es gibt Vorschläge wie: „Bewohner im Umkreis lesen gerade dieses Buch“.

„Das Plattformmodell, das wir aus der Online-Welt kennen, wird sich im stationären Handel fortsetzen. Zalando arbeitet bereits mit lokalen Händlern zusammen, um ein Produkt dann nicht aus Berlin zu versenden, sondern bei einem Händler in Nürnberg, wenn ich in Nürnberg bestelle“, erklärt Stefan Wolpert. So sind die Schuhe schneller beim Käufer und der lokale Handel profitiert. Die Einzelhandelslandschaft verändert sich. Wer mitgeht, kann es schaffen.

Weiterlesen Die KI weiß, was du willst
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Foto: Charles

Foto: Charles

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Ein Tag in deinem Leben im Jahr 2030 (für Optimisten)

Es ist November 2030, und du hast ein langes Wochenende (Hoffen wir mal, dass wir im Jahr 2030 in einer supereffizienten Welt leben, die es ermöglicht, dass jedes Wochenende ein langes Wochenende ist!). Dein freier Tag beginnt wahrscheinlich damit, dass dein Heimbot – nennen wir ihn Alex – dich mit deiner personalisierten Musikbibliothek weckt, dem Wetter und einer Übersicht deiner Pläne oder Optionen für den Tag präsentiert.

Dein Bot beginnt mit den Vorbereitungen für dein tägliches Schönheits- und Pflegeritual, misst in Echtzeit deine Fett-, Zucker-, Protein-, Blutdruck- und Cholesterinwerte und schlägt so ein ideales Frühstück aus deiner Lieblings-Online-Rezeptbibliothek vor. Alex wird dich auch darüber informieren, dass er, wie jeden Samstag, deine Bestellung über den wöchentlichen Einkauf aufgeben wird, indem er die verbleibende Menge in deinem intelligenten Badezimmer und Vorratsschrank und Kühlschrank als Grundlage nimmt. Du checkst diese gegen, änderst nichts und schickst sie ab.

Online-Lebensmittelhändler bekommen automatisch deine Bestellung und liefern per Drohne. So werden im Jahr 2030 sämtliche unserer alltäglichen Aufgaben von unseren Bots übernommen, unsere Wünsche erfüllt, bevor wir sie überhaupt geäußert haben. Wir als Verbraucher werden viel Freizeit haben, um uns darauf zu konzentrieren, was wir wirklich tun wollen – nämlich: Mehr shoppen?

Eine Lieferdrohne im Einsatz bei DHL. Foto: Frankhöffner – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0.

Ein fahrerloses Auto erwartet dich bereits, als du das Haus verlässt. Du hast Alex zuvor mitgeteilt, wo du hinmöchtest. Das Auto spielt deine Lieblings-Playlist, einen Podcast oder liest dir deine Zeitung vor, es informiert dich über neue, für dich relevante Angebote in der Nähe deines Fahrtziels. Sobald du entschieden hast, wohin die Fahrt geht, informiert das Auto den Händler in Echtzeit darüber, dass du auf dem Weg zu ihm bist, teilt ihm deine Ankunftszeit mit, woran du Interesse haben könntest und so weiter. Vor Ort begrüßt dich ein süßer Roboter mit Namen und mit einer Auswahl an Produkten, die auf dich abgestimmt sind.

Marken müssen mehr bieten, um beim Konsumenten zu punkten

Deine Einladung zu einem Black Tie-Event für nächste Woche, das Alex in deinen E-Mails gefunden hat, hat oberste Priorität. Der Roboter des Ladens hat dir schon einige Vorschläge in die Kabine gehängt, dort wartet außerdem ein Kaffee auf dich. In dem Augmented Reality-Spiegel der Kabine kannst du zu dem langen Seidenkleid verschiedene Frisuren und Make-ups ausprobieren. Auch Vorschläge für Schmuck und Schuhe werden dazu angeboten. Du schaltest deinen Partner dazu, der parallel einen Smoking anprobiert. Ihm gefällt das Kleid, dir auch. Du klickst auf „Kaufen“ und lässt dir das Kleid plus einen neuen Lippenstiftton nach Hause liefern.

Jetzt, da das Abendoutfit steht, geht es weiter in den Sportartikelladen. Du hast einen Wanderurlaub in Schottland geplant. Hier bietet die Ankleidekabine ebenfalls Inspiration. So kannst du austesten, wie dein Wanderoutfit bei verschiedenen Gelegenheiten und Lichtverhältnissen aussieht – der Hintergrund der Ankleideräume verändert sich, je nachdem, ob der Anlass die Hochzeit eines Freundes, ein Treffen im Lieblingsrestaurant oder eine Wanderung ist. Beim Scan deiner Produkte an der Kabinentür erscheint die simulierte Ansicht einer rauen, bemoosten Berglandschaft – du befindest Dich in den schottischen Highlands. Ein Bikini, den du ebenfalls anprobieren möchtest, löst eine Beach-Atmosphäre mit hartem Licht von oben aus. Wer diese Realität geschönt haben möchte, kann sich von der Kabine weichzeichnen lassen oder einen anderen Instagram-Filter auflegen. Yippie, nie mehr schlechte Laune wegen Umkleidekabinenlicht!

Der Shopping-Bot  weiß bereits über deine Vorlieben bescheid und hängt dir Kleidungsvorschläge in deine Umkleidekabine. Foto: Fancycrave

Bevor du eine Kaufentscheidung triffst, bittest du Alex, der natürlich immer dabei ist, das Etikett zu scannen und dir zu sagen, woher das Produkt stammt und von wem es hergestellt wurde. Du erfährst, dass es in Portugal gefertigt wurde und bekommst eine persönliche Grußnachricht der Näherin abgespielt. Ob es ethisch und ökologisch nachhaltig hergestellt wurde, wird keine Frage mehr sein. Das erwarten Konsumenten von Brands ganz selbstverständlich im Jahr 2030 – Verstöße werden mit weltweiten Boykotts geahndet. Pelz und Leder sind eine absolute Seltenheit und auch gar nicht mehr angesagt. Stattdessen tragen wir Sneaker aus veganem Leder, das aus Mais, Pilzen oder Bananen gewonnen wird. Nachhaltigkeit wird für Marken ein unumgängliches Merkmal sein, das sie den umweltbewussten Konsumenten im Jahr 2030 bieten müssen.

Experience und Wow-Faktor

Im Jahr 2030 wird es im Einzelhandel wahrscheinlich nurmehr um „Experiences“ gehen, Kuration und Präsentation sind Teil des Einkaufserlebnisses. Nur spannende Innovationen, aufstrebende Marken und Marken, die einen Wow-Faktor haben, werden noch in Geschäften und Einkaufszentren präsentiert. Der Einzelhandel konzentriert sich daher auf den Aufbau von Erlebniszonen im Geschäft, in denen die Verbraucher Produkte entdecken und sie fühlen, berühren, riechen und erleben können. Während all dies anfangs beeindruckend sein wird, wird es schnell „The new normal“ werden und alle Konsumenten werden diese Services von ihren Händlern erwarten.

Beim Hinausgehen entdeckst du ein paar süße Ohrringe für deine beste Freundin, die bald Geburtstag hat und fragst Alex, ob er es zum Algorithmus deiner Freundin als passend empfehlen kann (wenn du von ihr freigeschaltet wurdest), oder ob sie diesen Artikel vielleicht schon besitzt. Alex sagt, dass ihr die Ohrringe zu 96 % gefallen werden. Du nimmst sie mit, ohne an die Kasse zu gehen und zahlst automatisch beim Verlassen des Geschäfts.

Weiterlesen Dissidenz vom Shopping-Algorithmus
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Dissidenz vom Shopping-Algorithmus

Foto: Randy Colas

Foto: Randy Colas

Der Algorithmus wird in Zukunft über unser Einkäufe entscheiden können? Nein! Eine von unbeugsamen Technologieverweigerern gestartete Aktivistengruppe hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Eine Zukunftsfantasie.

Die Subkultur der „Algonauten“ kämpft mit verbitterter Ironie auf verlorenem Posten gegen die alles durchdringenden Algorithmen der Zukunft, um einen kleinen Raum für Zufälle und ungelenkte Entscheidungen zurückzuerobern.

Man trifft sich heimlich, an Orten ohne Gesichtserkennung. Das Mobilgerät, das Mitglieder dieser Subkultur sich nicht implantieren haben lassen, bleibt zuhause. Natürlich hat das Konsequenzen: Der Health Tracker zeichnet die zusätzlichen Schritte nicht auf, was die Krankenkasse gar nicht gut findet. Kommendes Jahr steigen die Beitragssätze wegen zu wenig Bewegung. Auch der Social Score, der gewisse Vergünstigungen und Erlaubnisse mit sich bringt, sinkt. Den Mitgliedern der Algonauten ist das alles egal. In einem exklusiven Interview verrät eine dieser AktivistInnen, wie ihre Lebensrealität im Jahr 2050 aussieht – sie will unerkannt bleiben.

Sie haben dem Algorithmus den Kampf angesagt. Wie gehen Sie dabei vor?

Reflektierende oder selbstleuchtende Materialien sollen die KI verwirren. Foto: Tan Kaninthanond

Ms. X: Jeder hat seine eigenen Methoden, aber ein paar Dinge geben wir als Richtlinien vor. Erstens: Vermeiden Sie mobile Geräte, Voice Assistenten jeder Art und technische Implantate. Treffen Sie möglichst viele unsinnige Kaufentscheidungen, die den Algorithmus verwirren. Kaufen Sie und geben Sie alles wieder zurück. Drittens: konsumieren Sie nicht nur, produzieren Sie auch. Wir bauen nach Möglichkeit unser eigenes Obst und Gemüse an, backen Brot selbst und stricken unsere Kleidung.

Um sich zu verabreden, benutzt Ihre Subkultur Funk, aber auch das Dark Net findet immer wieder neue Wege, den Autoritäten einen Schritt voraus zu sein. Weil die Kameras längst auch Menschen an ihrem Gang und den Falten ihrer Jeans erkennen können, müssen die Algonauten sehr kreativ sein, um unerkannt zu bleiben. Wie umgehen Sie die Gesichtserkennung?

Ms. X: Unsere Mitglieder tragen Masken und reflektierende oder selbstleuchtende Materialien, die die KI verwirren.

Warum tun sie das?

Ms. X: Weil wir – noch – können. Es wird aber immer schwieriger, der gesetzliche Handlungsspielraum ist sehr begrenzt.

Aber der Algorithmus ist doch dazu da, uns das Leben zu erleichtern. Warum wollen Sie das nicht?

Ms. X: Der Algorithmus ist vor allem dazu da, uns Dinge zu verkaufen. Oder uns als Dinge, sprich: Daten zu verkaufen. Ich mache da nicht mit.

Wie verdienen Sie Geld?

Weil die Kameras längst auch Menschen an ihrem Gang und den Falten ihrer Kleidung erkennen können, müssen die Algonauten sehr kreativ sein, um unerkannt zu bleiben. Foto: Graeme Worsfold

Ms. X: Während unserer geheimen Treffen besprechen wir, wie wir unseren Merchandise, zum Beispiel Vintage T-Shirts, die wir mit dem Slogan „Resist the KI“ und „Smash the Technocracy“ bedruckt haben, und unser Club-Zine „Algo-Fight“, verteilen können. Diese selbstgeschriebenen Magazine erklären den anderen Verbrauchern, wie man Dinge selbst macht, upcycelt und wie man der KI möglichst oft aus dem Weg geht. Das Verkaufen unserer Produkte ist praktisch unmöglich, da Bargeld abgeschafft wurde und unsere Waren nicht offiziell registriert sind. Deshalb sind wir auf Tauschhandel angewiesen. Außerdem haben wir unsere eigene Kryptowährung entwickelt. Daneben verdienen wir Geld mit Google-Umfragen, die wir falsch beantworten.

Gegen was tauschen Sie?

Ms. X: Nahrungsmittel, Dienstleistungen und menschlichen Support. Vor allem Hacker und Anwälte sind herzlich willkommen bei uns, aber natürlich darf jeder mitmachen, dem  der Slogan „Fuck The System“ am Herzen liegt.

Wo findet man ihre Produkte?

Ms. X: Wir haben wechselnde Dive Stores eingerichtet, wo wir Gebrauchtwaren verkaufen oder tauschen. Der letzte befand sich in der Stadtmitte, im Keller eines Supermarktes – über Funk und Pager kann man Kontakt mit uns aufnehmen und herausfinden, wo wir uns aktuell treffen.

Wie geht die Regierung gegen Sie vor?

Ms. X: Alle paar Monate werden unsere Dive Stores hochgenommen. Wir bekommen aber keine Haftstrafen. Es ist ja – bisher – nicht illegal, was wir tun. Es missfällt dem Algorithmus nur.

Danke für das Gespräch!

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Frank Schröder Material: urheberrechtsfreie Werbemotive aus den Jahren 1890-1950, außer: "Amazon España por dentro" by Álvaro Ibáñez / CC BY 2.0 "A man holding a tube of Bubisan brilliantine for the hair." 1940 by Leonhard F. W. Fries, Credit: Wellcome Library, London. Wellcome Images / CC BY 4.0 "Serverraum im CERN (Schweiz)" by Florian Hirzinger / CC BY-SA 3.0

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